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Erschienen
Ludwig Müllers Jackpot war ein Hauptgewinn
12/2001
„Ich bin Österreicher!“ so stieg der in Innsbruck geborene, sich selbst aber als Wiener verstehende Ludwig Müller bei seinem Auftritt am 17.11.2001 im Hockenheimer Kulturzentrum „Pumpwerk“ in sein Programm „Jackpot“ ein – erst am Ende des fast zweistündigen Taumels durch Possen und Poetereien war dem engagierten und begeisterten Publikum klar, welche Dramatik in diesen drei Worten wirklich gelegen hat: „Ich bin Österreicher!“

Eins wurde schnell klar: Ein Deutscher kann der Mann im pflaumefarbenen Samtanzug Marke „Konfirmation“ nicht sein. Allein wegen der Sprache. Viel mehr aber noch deshalb, weil ein Deutscher nie über seine Landsleute, sondern immer nur über sich selbst gleichsam als Archetyp der Landsmannschaft Witze machen würde; der deutsche lacht über sich selbst, Müller ungeniert über alle anderen Österreicher. Und das wiederum, dazu bekennen wir uns mit unverholener Liebe zur Kunst (und einem nur hinter vorgehaltener Hand leise hinaus geraunten Nationalstolz), können wir dann durchaus mitmachen!

So macht man sich gemeinsam auf, den Austrianer zu verspotten, dem einstens schon Napoleon attestiert habe, am Putzen und Waschen viel mehr interessiert zu sein, als an großen Ideen: „Bitte hinterlassen sie das Schlachtfeld so, wie sie es selbst gerne vorfinden würden“, kann man nur „dorten“ lesen.

Und nur dort kann man auch die Parabel von der Elster hören, die den „fetten Ochsen“, den sie im Schnabel trägt, aus Versehen verschluckt. Kein Wunder – blickt doch die Prinzessin, die gerade ein Gulasch kocht und einen Becher Creme fraiche in den Topf rührte, plötzlich in Prinzenaugen, weil sie instinktiv „Creme Frösch“ erwischt hatte.

Weisheit und geistliche Wohltat streute Müller ebenso unters Volk: „Es ist immer gut, wenn man in den Wiener Verkehrsbetrieben ein Bein drin hat“, lässt er fröhlich den Onkel ausrufen, der sein Raucherbein zwecks Versicherungsbetrug zwischen Schiene und Straßenbahn hält. Einer Straße wird über eine alte Frau geholfen, wenn die Autobahntrasse übers Grab der Großmutter geführt wird und der internationale Bet-Zirkel sicherte schließlich göttlichen Beistand: „Dear Jesus, bring beer an cheese us!“, „Der Herrgott alle retten tät, wenn man nur mehr beten tät!“ und vor allem das japanische Gedicht „Buddha – Fudda!“

Zwei Stunden lang ließ Müller ein Staccato von skurrilen, völlig unerwarteten und manchmal völlig abstrusen Pointen über sein Publikum herunterprasseln. Dabei hatte er die Kunst des geistigen Winkelzugs in einer Ausgefeiltheit kultiviert, dass dem aufmerksamen Geist hören und sehen verging. Der Sozialhilfeempfänger „Herr Manfred“ aus seinem „Kaff“ Gmunden „ist aus beruflichen Gründen hergezogen“, weil er an seinem alten Wohnort „einen ganz guten Job bekommen hätte“. Ein Vorarlberger Bergbauer setzt seine ganze Habe, Haus und Hof im Casino auf die 14 – und gewinnt: Glück?! Von wegen! Jetzt arbeitet er sich den Buckel krumm mit seinen 36 Bergbauernhöfen!

Ebenfalls alles inklusive in „Jackpot“: Ludwig Müllers Wortspielereien, die Silbenakrobatik, die atemberaubende Kakophonie des lebendigen Geistes. In einer Tour reimt, verschränkt und schüttelt der Meister der flinken Zunge die Worte bis zur semantischen Paradoxie. Wir erleben dabei seine Entwicklung mit vom ordinären Wirtshausdichter zum kultivierten Kaffeehauspoeten, der vom traditionellen Heimatroman über die poetischen Betrachtungen über Gottes schöne Natur bis hin zum modernen Heimatroman alles zu bieten hat. „Der Stör ist schüchtern und zeigt sich selten an Land“ – „deshalb heißt es auch ´verstört’“, kauderwelscht er noch am Anfang zusammen, um sich letztlich in seinen beiden Top-Nummern als absolut einmaliges Hörerlebnis zu outen. Zunächst in „Wenn der Pentium glüht“, einem Schmachtfetzen a la Louis Trenker, in dem der Piercinger Sepp im Wirtshaus vom Providinger-Sepp, wo die Männerrunden Grafikkarten spielen, die Oma Bildschirmschoner häkelt und der Mageninhalt schon ganz modern „ausgesourced“ wird, auf seinen Nebenbuhler um die Liebe der schönen Penti trifft – den Atommeiler Herb vom Einlagererhof. Aber der Rohling hat in Wirklichkeit was mit der Silicon-Walli, und so verhalt sein „Glei bist dot – Komm“ ungehört.

Schriftlich überhaupt nicht wiederzugeben ist Müllers Beschäftigung mit der Chaostheorie, überschrieben mit „Massenkarambolage“ und eingeleitet mit der Frage „Kann man von einer Blutwurst AIDS bekommen?“



Frenetischer Beifall hat den Mimen immer wieder auf die Bühne gezwungen und es konnte keinerlei Zweifel aufkommen: So gelacht haben wir über einen Deutschen schon lange nicht mehr. Wer lacht auch schon gern über sich selbst?!