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Hayao Miyazaki
Erschienen
Nausicaä aus dem Tal der Winde #2 + #3
01/2002
Carlsen Verlag GmbH, Hamburg
128 bzw. 148 Seiten / je E€ 10,-
Der Krieg geht weiter in der Welt nach den sieben Tagen des Feuers. Obwohl ein Manga, bleibt die Geschichte überraschend europäisch. Bis jetzt fehlen die überhöhten Heldentaten, wenn ein einzelner Kämpfer, von gegnerischen Speeren durchbohrt, die Flucht und das Überleben seines Herrschers sichert. Statt dessen gibt es scheinbar internationales Intrigen-Geplänkel in einer Welt voll fesselnder Fremdartigkeiten.

Band eins widmete sich der Vorstellung dieser postapokalyptischen Welt voller Geheimnisse für Leser und Protagonisten. Nun gehts zur Sache. Der Krieg tobt und Nausicaä steckt mitten drin. Welche Verbündeten sind Freunde und warum helfen die vermeintlichen Gegner? Die junge Prinzessin wird aus dem Meer der Fäulnis gerettet und findet sich in der Obhut eines blinden Bischofs wieder.

Insgesamt scheint dieser zweite Band vor allem die Personendarstellung zu vertiefen: Die verschlagene Prinzessin und ihr in sie verliebter Berater, der nicht alles wissen darf. Ganz sachte und der Geschichte angemessen werden neue Personen eingeführt, was für erneute Spannung sorgt. Wer ist der mysteriöse Kaiser? Ist er der Oberbösewicht dieser Geschichte und warum opfert der Bischof sein Leben für Nausicaä? Doch auch die Nebenfiguren haben Tiefe und entsprechen nicht den westlichen Klischees. Das macht diese Geschichte interessant und lesenwert.

Die vom Comic-Quartett oft zitierten Brüche im Handlungsstrang lassen sich mit etwas Liebe zur erzählten Geschichte einfach überlesen. Doch sind es vielleicht gerade diese Verwerfungen, die für die bleibende Spannung auf den nun schon knapp vierhundert Seiten sorgen.

Nausicaä wird zum Mittelpunkt einer Prophezeiung, als sie von einer Herde Ohmus auf deren Tentakeln emporgehoben wird, das Kleid von Ohmu-Blut blau gefärbt. Trotz ihrer besonderen Stellung in dieser Welt bleibt sie pflichtbewusst und gutherzig, und das vielleicht eine Spur zu tadellos. Sie rettet Kriegswaisen und sucht unblutige Wege, Angriffen auszuweichen. Und von denen gibt es im dritten Band jede Menge. Da drängt sich ein Vergleich zum derzeit wieder populären "Herrn der Ringe" auf, der sich ebenfalls trotz fast besessener Schlachtenschilderung die Aura des Märchens bewahren konnte.

Das Gegenspiel von physikalisch unmöglichen Flugmaschinen und exotischer Umwelt beeindruckt. Obwohl Pilze, Sporen und Insekten nichts Ungewöhnliches sind, ist es hier die Dimension, in der die Flora und Fauna gezeigt wird. Und so menschenfeindlich ein Stoff auch sein mag, für den Krieg ist er immer noch zu gebrauchen. Geschichten können sich von ihren menschlichen Schöpfern leider nicht recht lösen.

Mit den Waldmenschen wird ein neuer Stamm eingeführt. Er lebt isoliert im Meer der Fäulnis. Während sich in der noch bewohnbaren Welt die Menschen auszurotten versuchen, erlebt Nausicaä hier, dass der lebensbedrohliche Wald den Menschen das Leben ermöglicht, wenn sie sich an gewisse Regeln halten. Hört sich nach der dem Manga eigenen politischen Bewusstseinsbildung an, liest sich aber nicht schlecht.

Die Prinzessin sieht sich auf der Abschussliste ihrer Brüder und ihres Vaters und zeigt unerwartet Verantwortung für ihre eingekesselten Kämpfer. Obwohl sie weiterhin hinterhältige Erpressungen und fadenscheinige Kompromisse benutz, um Nausicaä an ihre Seite im Kampf zu bringen, wird dieser Charakter immer sympathischer gezeichnet.

Ein Problem bei diesem Comic sind die vielen gleichen Gesichter, insbesondere bei den Frauen. Manchmal kann man die Figuren nur anhand der Kleidung voneinander unterscheiden. Das macht das Lesen dieser opulenten Geschichte nicht einfach.


Nausicaä bleibt ein herausragender Manga und eine unbedingte Leseempfehlung, gerade weil er nicht ganz das Klischee des Fast-Food-Mangas erfüllt.
Angenehm zwischen "Akira", "Heidi" und "Krieg und Frieden".