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Pierre Christin / Enki Bilal
Erschienen
Der Sarcophag
01/2002
Ehapa Verlag, Berlin
64 Seiten / € 15,30
Was kommt dabei heraus, wenn sich zwei Größen des französischen Comics zusammentun, um kein Comic zu machen? Im Fall von Pierre Christin (Valerian und Veronique) Und Enki Bilal (Der Schlaf des Monsters) ist es "Der Sarcophag" und überrascht als unglaublich gemeine Abrechnung mit dem weltpolitischen Kalkül, dem Kommerz, der Menschenverachtung und der Religion.

Dabei waren die Vorraussetzungen, die die letzten Arbeiten der beiden vorlegten, sehr unterschiedlich. Christin enttäuschte mit "Die Sternenwaise" auf ganzer Linie. Unwichtige Handlung, banaler Inhalt – einfach besser vergessen. Dagegen lieferte Bilal mit "Schlaf des Monsters" ein extrem lesbares wie anschaubares Prunkstück für jede Comic-Sammlung.

Was ist der Sarcophag? Politisch! Formal gesehen ein mit Texten bereicherter Bildband, der zum Teil Bilal-Zeichnungen und zum anderen Teil Fotos aus dem Umfeld des havarierten Atommeilers in Tschernobyl bietet. Aufhänger ist die Idee eines Konzeptes für das Museum der Zukunft, dessen Herzstück der mit Beton umkleidete Katastrophenort sein soll.

Die Texte platzen geradezu vor Gemeinheiten. "Die Hostessen sollten eine Schilddrüsenoperation überlebt haben" – einer der vielen unmenschlichen Versuche in deutschen Konzentrationslagern. "Der Taliban-Saal" (da reicht schon das Wort alleine) oder "Der Zoo", in dem vom Aussterben bedrohte Öko-System ausgestellt werden sollen, zum Beispiel ein Dorf aus der atomar verseuchten Zone rund um Tschernobyl.

Der joviale Ton der Texte kann nur dem Ignoranten den beißenden Sarkasmus verschleiern. Immer wieder wechseln fiktive Grausamkeiten mit reale ab. Eine Wunde, die nicht weh tut, wird all zu schnell vergessen - eines der großen Probleme der an Lepra erkrankter Menschen. Denn diese vergessenen Wunden können sich entzünden und so noch mehr Unheil anrichten, als wenn sie sachgemäß versorgt worden wären. Der Sarcophag reißt für die Leser die Wunde Tschenobyl auf. Schildert die menschenverachtende Politik, die Helfer zu Helden und gleichzeitig zu Opfern machte. Aber auch den Konsum, der nicht stoppen darf, unsere Marktwirtschaft voran zu treiben. Kaufen statt denken - der Stein der Weisen unserer Tage?

Visuell stehen kleine, oft unscharfe schwarz/weiße Video-Prints bunten und Seiten füllenden Comic-Bildern gegenüber. Aber trotz der teilweise beängstigenden Inhalte von Bilals Zeichnungen, sind es die kleinen Bilder aus der Realität, die unter die Haut gehen. Bilals Grafiken geben aber alleine genügend Kontrast, um in den Augen weh zu tun. Mal engelsgleiche weibliche Geschöpfe, mal verstümmelte Torsos.

Grafik, Typographie und Seitenaufteilung haben einen hohen Grad und unterstreichen die Qualität dieser dargestellten Kunst. Politische Kunst zum Anfassen, nachfühlen und begreifen. Denn anders als im Museum darf man diesen Band, wenn gekauft, mit in die Badewanne oder ins Bett nehmen – wenngleich man an diesen Orten sicherlich lieber etwas Angenehmeres hätte.


Beckmesser spricht:
Wo Menschen am Werke sind, gibt es Fehler. Nicht schlimm, aber bemerkenswert. Auf Seite 35 wurde ein Satz zweimal abgedruckt. Einfach den ersten Satz der Aussage des Expeditionsleiters überlesen, dann ergibt sich wieder der das Buch begleitende Gegensatz.