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Erschienen
Märchenhafter "Schwanensee" in Hockenheim
01/2002
Der Mensch genießt das Außergewöhnliche und er sucht gerade nach dem, was er nicht jeden Tag haben kann. Kein Wunder also, dass die Hockenheimer Stadthalle bemerkenswert gut besucht war, als am Abend des ersten Weihnachtsfeiertags das Rumänische Staatsballett Oleg Danovski "Fantasio" den "Schwanensee" gab: Ballett ist selbst im Hockenheimer Musentempel nach wie vor eine Ausnahmeerscheinung und es ist ein Hauch von großer, schwerer, ernster Kultur damit verbunden.

Peter Iljitsch Tschaikowsky ist sicherlich von größter Bedeutung für die Geschichte des Balletts; neben dem "Schwanensee" stammen auch "Dornröschen" und der "Nussknacker", also eigentlich alle weiter verbreiteten und noch heute viel gespielten klassischen Ballett-Musiken, aus seiner Feder. Ganz generell verstand es Tschaikowsky wie kaum ein anderer, Musik zu erfinden, die zu tänzerischer Aktion drängt und dabei musikalisch genug bleibt, um auch in konzertanter Form Anklang zu finden.

Wie bei kleineren Gastspiel-Ensembles üblich kam die Musik auch im Musentempel der Rennstadt "aus der Konserve" - nicht immer in optimaler Qualität. Ebenfalls typisch für kleinere Companies: Ein kärgliches Bühnenbild und eine sparsame Ausstattung – so präsentierte auch "Fantasio" mit Ausnahme des dritten Aktes eine allerhöchstens durchschnittlich schlechte Kulisse. Damit wäre aber auch schon der Wermut des Abends genannt; was sich tänzerisch auf der Bühne abspielte, war von so herzergreifendem Charme und ausgefeilter technischer Fertigkeit geprägt, dass es selbst Besuchern, denen das Ballett insgesamt eher fremd und verschlossen erscheint, nur schwer gelungen sein dürfte, sich dem Zauber zu entziehen, der aus der Kombination von Musik, Dramaturgie und körperlicher Ausdruckskraft entsteht.

Die Reduzierung der Bühnensprache auf diese Körperlichkeit ist gerade in einer Welt, die vom Wort, insbesondere vom gesprochenen Wort, lebt, eine wahrhaftige Herausforderung für den Zuschauer: Hineinzuhören in einen Ausdruck, der nicht ausgesprochen, sondern in Bewegung und Innehalten seine Expression findet sind Herausforderung und Reiz zugleich und es wird immer wieder neu und ganz explizit vom Können des Choreographen und der Tänzer abhängen, ob ein Verständnis möglich wird; der Choreograph ist dabei derjenige, der die Geschichte zum Diktat gibt, der Tänzer ist der Mittler, der sie dem Publikum immer neu und immer auf seine ganz spezielle Weise übermittelt. Gerade in diesem medialen Sinne war die Hockenheimer Audition ein Beispiel besonderer Verständigung ohne Worte. Tschaikowskys Werk bezieht seine Spannung aus einer Art gordischem Knoten, den die Rumänen in einer besonders märchenhaften Form unter Auslassung der sozusagen staatstragenden Elemente verabreichten: Prinz Siegfried (Gigel Ungureanu) soll an seinem 21. Geburtstag seine Frau wählen. Er hat sich jedoch auf der Jagd in Odette (Olimpia Cheta) verliebt, eine Prinzessin, die von Zauberer Rothbart (Calin Hantiu) mit ihren Gefährtinnen in Schwäne verwandelt wurde. Siegfried schwört ihr ewige Liebe, einen Schwur, den er durch eine List des Magiers schon am nächsten Tag in einer hochdramatischen Szene bricht, weil er Odile, dem schwarzen Widerpart der reinen Prinzessin, sein Herz schenkt. Durchtrennt wird dieses Geflecht im Kampf des Prinzen um seine weiße Schöne, den er – natürlich – gewinnt.

Emotional hochgeladene, teilweise auch spannungsreich pointierte Szenen wechseln sich also ab mit Momenten unendlicher Zartheit und fast rührseliger Unschuld. In beiden Genres fanden sich die Hauptakteure glänzend zurecht. Ungureanu verkörperte den Prinzen kraftvoll und forsch nach Außen, einfühlsam und zärtlich nach innen: Grand Jetés in den Soli, feine, fast artige Zurückhaltung im Adagio der Pas de deux mit Cheta, die die brilliante Reinheit und Unschuld der Odette ebenso ausdrucksstark und glaubwürdig umzusetzen verstand, wie die hinterhältige, lockende Verführung Odiles. Technische Perfektion, atemberaubende Fouettés und eine Interpretation, die die Aufspaltung der Figuren in einen asexuellen und einen sexuellen Teil erahnen ließ charakterisieren ihren fesselnden Part.

Farbtupfer im eigentlichen Wortsinne setzten Hantiu als in all seiner Brutalität und Übermacht ausgezeichneter Rothbart.

Oleg Danovski ist bei seiner Choreographie den weitgehend klassischen Weg gegangen, wobei er sich in den Schlüsselszenen zusätzlich an die Vorlagen der beiden Haupt-Interpreten Marius Petipa und Lew Iwanow angelehnt hat. Der vom Publikum stets lang erwartete "Schwanengesang" der vier Mädchen war denn auch keine rechte Überraschung mehr, aber dafür in seiner Ausführung und seiner herzerweichenden Aussage einnehmend wie immer.

Lob gebührt auch dem Corps de ballet; es fanden sich unter den Tänzern viele Abweichler nach oben, aber keine nach unten – auch das ist nicht gerade üblich in Tournee-Ensembles; so gab man ein harmonisches, in sich sehr stimmiges und ganzheitliches Bild ab.


Die "Schwanensee"-Interpretation der Rumänen hat das Publikum sichtlich und spürbar begeistert, sie hat verzaubert und beeindruckt – und sie hat vor allem selbst denen, die anfangs nur widerwillig gekommen waren, Mut und Lust zu mehr gemacht.