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Erschienen
"Jazz für Nachtschwärmer" mit Nicole Metzger und Charlie Mariano
(Jazz- und Bluestage)
01/2002
Die Jazz- und Bluestage, die Anfang Dezember wieder einmal im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" stattfanden, entwickeln sich zunehmend zu einem echten Juwel für die Freunde der etwas anderen Musik: Lothar Blank, der Programmmanager für die Kultur der Rennstadt und selbst bekennender Jazz-Fan, hat in diesem Jahr wieder Leute auf die Bühne des Pumpwerks gebracht, die man in Veranstaltungsräumen dieser Größe eigentlich nicht erwarten würde.

Dabei verfolgt er auch weiter sein Konzept, jeweils eine noch eher regional bekannte Figur des Musikgeschäfts mit Vertretern der Weltelite zusammen zu bringen, um ein abwechslungsreiches Programm zu garantieren.

Am Freitag Abend startete man mit dem "Nicole-Metzger-Quartett", der Formation um die namensgebende Neustadter Leadsängerin, die zumindest in der lokalen Jazz- und Musicalszene zur festen Größe avanciert ist. Vor einigen Jahren machte die ausgebildete Sängerin mit einer CD-Veröffentlichung auf sich aufmerksam, die ihren Durchbruch förderte: "Nicole Metzger sings Gershwin"; 2000 wurde sie gar eingeladen, im Deutschen Pavillon während der Weltausstellung "EXPO" die musikalische Botschaft des etwas eingedeutschten Jazz der ganzen Welt zu präsentieren. Überhaupt – und das stellte sie auch an diesem Abend der Jazz- und Bluestage, den Metzger für Nachtschwärmer zusammengestellt hat, unter Beweis – ist der Jazz ihre ganz besondere Heimat. Eine Heimat, die sie mit Pianist und Arrangeur Christoph Mudrich gemeinsam ausbaut.

Den besonderen Sound des "Metzger-Quartetts" zu beschreiben, ist schwierig. Die Vokabeln, die dem geneigten Hörer zuerst einfallen wollen, könnten missverständlich interpretiert werden: Die reichhaltige Stimme der Leaderin, die vom reinsten Gesangston bis zum für einen Europäer schon sehr in Richtung black music tendierenden kehligen Lautmalen reicht. Der unglaublich harmonische Klangkörper, den man gemeinsam abgibt, der aber die offenkundige "Mords Gaudi", die man auf der Bühne hat überhaupt nicht trüben kann. Das extrem vielschichtige Klangerleben, dass man dem Publikum entfaltet, die Titel, die – trotz der immer wieder beliebten vokalartistischen Sperenzchen der Sängerin – in einem unglaublichen Facettenreichtum daherkommen. Dunkle Gestalten trifft der Nachtschwärmer in den Rhythmen und Klangbildern der vier ebenso an, wie leicht vor sich hinsummende Glühwürmchen: Melancholische Atmosphäre wechselt sich mit einem frischen Swing. Das "Nicole-Metzger-Quartett" konnte überzeugen und hat neugierig gemacht: Als "Vorpremiere" bot man schon einiges aus dem Weihnachtsprogramm, das wieder einmal ein ganz besonderes zu werden verspricht.

Der unangefochtene Star des Abends aber anschließend Saxophon-Legende Charlie Mariano; der Weltklasse-Instrumentalist, der seit fast 20 Jahren im "United Jazz & Rock Ensemble" spielt, das die absoluten Größen der Kunst zusammenführt, hatte seinen Freund und Seelenverwandten Dieter Ilg dabei – ein Zusammentreffen, das nicht zu den Standards gehört, das schon sehr lange, aber stets relativ selten zelebriert wird. Zumal im Doppelpack Mariano-Ilg auch musikalisch ein ganz besonderes Bonbon versteckt ist: Die Kombination Saxophon-Kontrabass würde man sicherlich nicht als klassische Duokombi annehmen. Aber was die beiden am Freitag im Pumpwerk über die Bühnenkante auf ihr Publikum herabrieseln ließen war ein atemberaubend ausführliches Zweigespräch, das Herz und Sinne gleichermaßen anregte: Der Ältere (Charlie Mariano ist zwischenzeitlich immerhin über 70 Jahre alt) schaute seinem jüngeren Kollegen interessiert zu, wenn dieser seine ausgedehnten Soli aufbaute, immer anders, immer neu, immer mit einer ganz eigenen Botschaft. Ilg konnte damit sein Instrument näher bringen, er konnte aber vor allem demonstrieren, dass sich auch mit einem augenscheinlich so schwerfälligen Instrument die tollsten Sachen machen lassen. Mariano beobachtete den Youngster scharf, nickte leicht mit dem Kopf – und ab und zu lächelte er leise: Könnte es eine tiefere Anerkennung geben. Selbst liebt er die gepressten, in kurzen Abständen hintereinander gesetzten, einwurfartigen, fast kurzatmig wirkenden Themen, die seiner Musik dieses spezielle Tempo aufbrennen.

So warfen sich die beiden absoluten Ausnahmekünstler gegenseitig die Satzfetzen zu, traten eine in einen langen und beeindruckenden Dialog der Künste, der – das mag an dieser Stelle aber auch noch einmal angemerkt sein – sicherlich nicht Jedermanns Sache, in jedem Falle aber Musik der Oberklasse war. Der Jazz-Gott mit dem leichten Augen- und Lippentic bedankte sich fast ehrfürchtig mit leichter Verbeugung bei seinem Publikum, das voll Ehrfurcht zurückgrüßte – es war ein Abend nicht nur auf höchstem Niveau; es war einer der wenigen Gelegenheiten, bei denen Kunst – ganz befreit von jedem Kommerz – noch ungezwungen zwischen Künstler und Publikum hin- und herwandern konnte.