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Erschienen
Moralische Anstalten von und mit Arnim Töpel statt "Sex-ist-nicht-die-Lösung-Günda"
01/2002
Eigentlich wollte er ja Pfarrer werden. Dann Staatsanwalt. Letztlich verschlug es den Juristen zum Radio und von dort wieder zurück zu seiner eigentlichen Passion: Die Bretter der Kleinkunstbühnen hat Arnim Töpel landauf landab zu seiner Heimat gemacht.
Bundesweite Berühmtheit erlangte der Heidelberger mit seinem Schlager "Hallole, ich bin’s, de Günda", für den er 1991 zum "Offiziellen Gärtner der Landesgartenschau" in Hockenheim ernannt wurde.

Im Spätjahr 2001 startete der kahlköpfige Ausnahme-Kabarettist mit seinem neusten Programm "Ausgelacht", das die Glanztour seines letzten Abendfüllers "Sex ist keine Lösung" ablösen soll. Die Mitleidstour hatte Töpel mehr als 500 Mal gespielt und ist dafür mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Förderpreis des Deutschen Kleinkunstpreises für "musikalische Klasse und sprachliche Eleganz".

Nach Halli-Galli aus den "Günda"-Zeiten, feinsinniger Beziehungshumoristik mit "Sex ist keine Lösung" schlug Arnim Töpel am ersten Samstag des neuen Jahres ganz neue Töne an, als er wieder einmal im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk", gleichsam mit eine der Wiegen seines Erfolges, gastierte.
Jetzt hat es sich "ausgelacht"; das meint beim neuen Töpel nicht, dass andere ausgelacht werden und auch nicht, dass mehr gelacht werden muss, als unbedingt nötig.

Ganz im Gegenteil. Noch mehr Geist, noch mehr Hintersinn und noch viel mehr Wert und Moral hatte er in diesen Abend gepackt, der sich um Kinder, um Elternsein und um alte Zeiten dreht.
"Ausgelacht" ist beileibe nicht "Sex ist keine Lösung Teil 2" und vor allem nicht "Günda Teil 5" – etwas ganz neues, etwas ganz eigenes und etwas völlig unerwartetes ist gelungen und fand deutlich hörbaren Beifall bei seinen Fans, von denen sich allerdings dennoch einige zurückzusehnen scheinen in Zeiten, in denen Zwerchfell-Zerrungen quasi vorprogrammiert waren.

Wer gemein sein wollte, könnte behaupten: "Arnim ist alt geworden". Wer es mit dem Mann, der aus der Kleinkunst eine ganz große Kunst gemacht hat, besser meint, wird – die legendären Auftritte im Gauß oder beim Reilinger KJG-Open-Air im Hinterkopf – konstatieren, "Arnim ist reifer geworden". Vielleicht unausweichlich, wenn man bedenkt, dass Töpel, man mag es glauben, oder nicht, die vierzig auch schon hinter sich hat.

Nun drehen sich die unglaublich poetisch daherkommenden Blues-Sprechgesänge und Balladen um zwei Männer um die 40 auf ihrem schweren Weg zum geringsten Widerstand, um Alltäglichkeiten, um Babywickeln und Zahnspangen-Proteste: "Alles beginnt, alles hört auf".
Es sind die Gedanken eines Mannes, der sein Leben lang darauf gehofft hat, dass ihn irgendetwas aus dem Trott bringt; "aber mit zunehmendem Alter sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass es sich dabei nicht um eine Krankheit handelt".

Keine Frage: "Ausgelacht" sind tatsächlich "moralische Anstalten". Es sind teils wehmütige, teils spöttische Blicke zurück in Zeiten, als er selbst noch postuliert hatte "Mach, was Du willst, aber mach bloß nichts aus Dir!"
Es sind die Selbstironien beim Geplauder über Eltern mit ihrem "Ich meins doch nur gut"-Augenaufschlag, wenn Männer die letzte Bastion der Freiheit aufgeben und das "Auto eintauschen gegen einen Kombi mit Windelgeruch ab Werk" – Töpels eigenes Leben zwischen "Nicht-Vater", "Über-Vater" und "Glucken-Vater".

Trotz aller Moral, oder gerade deswegen sind sie aber längst nicht vorbei, die Zeiten, in denen Arnim für sich die Gewissheit ausstrahlt "Ihr kriegt mich nicht". Vielleicht war "Ausgelacht" in Wahrheit die Antwort auf all die frenetischen Bewunderer, die sich in "Sex-ist-nicht-die-Lösung-Günda" verguckt hatten und die in der Erwartung lebten, es ginge damit weiter bis ans Ende aller Tage.
Töpel präsentiert sich als der Fels in der Brandung, der Non-Konformist und der letzte Standpunkt in einer Welt, die zur Frage "Sollen deutsche Soldaten nach Afghanistan?" antwortet, "Ja, ich bin dafür – zu 45 %".

Sein Credo, das er stellvertretend für uns alle dem "Lümmel aus der letzten Bank" weitergibt: "Glaub nur an Gerechtigkeit, die Welt ist schlecht genug. Du darfst ruhig besser sein, das tut uns allen gut!"


Was Arnim Töpel mit "Ausgelacht" geschafft hat, ist ohne Frage eine Evolution, die Optimierung des Optimums: Ein neuer Geist weht durch seine Texte, die er in seiner gewohnten melancholisch-herzerweichenden Art rüberbring: Sanft gleiten seine Finger über die Tasten des Flügels, nur um anschließend fokussierende Spitzen zu setzen.

Oder, um es mit dem Bild eines von ihm selbst gewählten Alter-Ego zu sagen: "Ausgelacht" war ein Coup, der an Zeiten denken ließ, als mal wieder Gerd "Hacki" Wimmer mit einem unnachahmlichen Flankenlauf über rechts das Spiel voran trieb.

Und selbst für diejenigen, die dem musikalischen Denker auf diesem Weg nicht werden folgen wollen oder können, hatte er das rechte Fazit im Gepäck: „Früher war alles besser – wie hab ich diesen Satz gehasst. Bis ich gemerkt habe, dass er stimmt!“