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Tad Williams
Erschienen
Otherland - Stadt der goldenen Schatten
03/1999
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart
900 Seiten / DM 49,90
"... der Herr der Ringe des 21. Jahrhunderts." So steht es auf der Rückseite des Bestsellers aus dem im Fantasy-Bereich renommierten Klett-Cotta Verlags. Diese Aussage des "Legend"-Magazins ist eine verdammt hohe Meßlatte, die dieses Buch, und vor allem die deutsche Übersetzung, nicht erreicht. Die meisten Besprechungen reihen sich ein in den Chor der kritiklosen Lobesschreiber, obwohl der Roman trotz seiner Güte einige Fehler aufweist.

Wer den ersten Band eines neuen Abenteuers mit 900 Seiten konzipiert, kann sich für die Einführung der Protagonisten viel Zeit lassen. Das hat Williams getan: 150 Seiten lang tappt man im Dunkeln. Verschiedene Personen werden in unterschiedlichen Szenarios verschiedener Genres gezeigt, und immer wenn es spannend wird kommt eine völlig andere Szene.
Das erinnert an alte Flash-Gordon-Serials im Kino, "Wird unser Held den Sprung aus 3.000 Metern überleben, wird Dale den lüsternen Fingern Kangs entrinnen, wird Barin sich aus dem Würgegriff der Sumpfschlange befreien können? Die Antwort (und noch mehr Fragen) bringt die nächste Folge."
Wer mehrere solcher Folgen mal am Stück gesehen hat, weiß wie langweilig diese Technik auf Dauer wird.
Wüßte man nicht aus der Werbung über das Grundgerüst der Geschichte, würden viele das Buch nach 100 Seiten einfach zur Seite legen. Allein die Frage "Wird aus diesen Versatzstücken noch eine Story" und die positive Beurteilung des Buches zwingen zum Weiterlesen. Und plötzlich steckt man in einer wirklich spannenden Geschichte, die mit der Flucht der Helden ein plötzliches Ende findet.

Williams benutzt das angesagte Thema Cyberspace um mehrere beliebte Genres zu mixen. In der realen Welt ist es eine Verschwörungsstory globalen Ausmaßes, in der Virtual-Reality gibt es neben lupenreiner Fantasy noch einen antiken ägyptischen Schauplatz und einen Alternate-Reality(Was-wäre-wenn)-Plot, in dem eine Wirklichkeit gesponnen wird, in der die Azteken oder Milteken oder Was-weiß-ich-teken-oder-cas nicht von den Spaniern geschlachtet worden sind.
Da wurde mit vollen Händen in den Pool der trendy Abenteuer-Vorlagen gegriffen und mit einem intelligenten Kunstkniff ein unterhaltsamer Cocktail gemixt. Das Rad wurde dabei allerdings nicht neu erfunden.

Hinterfragen sollte man auch die Figur !Xabbus. Der ist nämlich Buschmann und Inbegriff das Guten im Menschen. Diese einseitige Betrachtung des Themas "Urvölker" ist bedenklich. Eindringlinge in die Welt der Buschmänner berichten oft auch von der unberechenbaren Agressivität dieser Menschen. Doch davon ist in "Otherland" nichts zu lesen. So bleibt die Figur künstlich verklärt und eindimensional, eines treuen Hundes gleich.

Ärgerlich ist die Übersetzung. Von stehengebliebenen Satzfehlern bis zu völlig sinnlosen Eindeutschungen mit dem Preßlufthammer wird leider kein Lapsus ausgelassen. Beispiel gefällig? Aus der "Defense Line" einer Football-Mannschaft wird der "Verteidigungs-Riegel" (gibts den auch in Vollmlch?!). Manchmal werden so Sätze einfach unlesbar.
Eine zentrale Person wird folgendermaßen vorgestellt: "Zwei Soldaten unterhalten sich privat über einen seltsamen alten Mann, der eine unwiderstehliche Vorliebe für ? aufweist." Was ist "?" - das wird leider nicht gesagt. Ein narratives Element zur Spannungssteigerung möglicherweise, aber warum wird dann diese Eigenart nicht weiter ausgebaut und in der Geschichte benutzt? Leider ein schlechtes Bild der Arbeit des Klett-Cotta Verlages. So fällt "Otherland" von der "... ultimative(n) Cyberspace-Saga" auf das Niveau eines guten und spannenden Romans deutlich ab.


Wären die Erwartungen durch die Presse und die Werbung nicht so hochgeschraubt gewesen, würde nicht ein Gefühl der Leere nach der letzten Seite bleiben.
Das ist eigentlich schade, Tad Williams hat mit dem ersten Teil der "Otherland"-Saga ein unterhaltsamens Buch abgeliefert, das Lust auf die - hoffentlich besser bearbeiteten - Nachfolge-Bände macht.