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Erschienen
"Fürchten sie manchmal, den Verstand zu verlieren?"
02/2002
Es mag unglaubwürdig klingen, aber es gibt Gegenden, in denen isst man den Kaviar mit großen Bleilöffeln als Grundnahrungsmittel und dazu gibt’s ausschließlich Wodka – Willkommen in Russland!
In die russische Föderation machte sich am Freitag, 18.01.2002 abends auch die "Bucht(r)ip"-Reisegesellschaft auf, um im Neulußheimer Haus der Feuerwehr das Land von Babutschka, Hammer und Sichel mit allen Sinnen zu erkunden: Soljanka und Wodka für den Körper (wie immer angerichtet vom Hardthallen-Wirt Peter Kühne), Lichtbilder aus allen Regionen Russlands für die Augen, die Anmerkungen von Josef Diller für die Ohren und ausgewählte Literarische Werke von Rosa Grünstein und Gerhard Greiner vorgelesen für Seele und Geist.

Diller präsentierte ein Land der Superlativen: Mit gut 17 Millionen Quadratkilometern ist es doppelt so groß wie Australien und rund vierzig mal so groß wie die Bundesrepublik und damit der Flächengrößte Staatenbund der Erde. Von Ost nach West fährt man 10000 Kilometer und mit nur 145 Millionen Einwohnern ist die GUS (Gemeinschaft unabhängiger Staaten) aus 21 Teilrepubliken das am wenigsten besiedelte Land. Moskau, das auch heute noch alles dominierende politische Zentrum, St. Petersburg (ehemaliges Leningrad), Puschkin, die ehemalige Sommerresidenz der Zaren, Novosibirsk, Wladiwostok und der Baikalsee waren Stationen der visuellen Rundfahrt.
Doch auch die Schattenseiten fanden Beachtung: Die zerstörte Wirtschaft, die tiefe Armut, in der zahllose Russen leben, der ständig präsente Krieg und die Mangelversorgung: Triste Wohnburgen geben ein erschreckendes Bild davon.

Erschrecken war auch Thema in einigen vorgestellten literarischen Kostproben; und die Leichen hat wieder einmal Rosa Grünstein aufgetischt: In Boris Akunins Krimi „Fandorin“ (Aufbau Verlag, Berlin; € 8,50), von dem schon mehrere "Fälle" veröffentlicht wurden, geht es um die ungewöhnliche Häufung von Selbsttötungen im Jahr 1876. Sonderermittler Fandorin ermittelt in Spielhöllen, Asternaten, in London und im Nirgendwo und muss sein eigenes Leben mehrfach in letzter Sekunde retten – einmal gelänge ihm das nur durch sein "Korsett Modell 'Lord Byron', das er aus Haltungsgründen trägt", so Rosa Grünstein süffisant.
Ein spannender Fall um nicht weniger als eine Weltverschwörung, die auch sprachlich zu gefallen weiß, wie der kurze Ausschnitt schon erahnen ließ: Bei Akunin scheiden Menschen "Zack und Peng" aus dem Leben. "Meine ersten Krimis habe ich zur Entspannung geschrieben", meinte Akunin, der es liebt, Spiele zu spielen – und der auch in seinen Werken spielt und die Gedanken seiner Leserschaft spielen lässt.

"Eine Achterbahn der Ereignisse, bei der ein Menschenleben herzlich wenig bedeutet" produzierte die Moskauer Autorin Polina Daschkowa in "Die leichten Schritte des Wahnsinns" (Aufbau-Verlag, Berlin; € 20.-): Eine junge Literatur-Redakteurin wird zur Detektivin und kommt bei ihren Ermittlungen auf eigene Faust einem Serienkiller in die Quere, der 14 Jahre zuvor sieben junge Frauen in Sibirien vergewaltigt und ermordet hat.
Leichen pflastern den Weg der jungen Frau, die selbst mehrfach in die Schusslinie gerät und dadurch nur zu neuen Nachforschungen gereizt wird.
"Dass dann ausgerechnet ein Berufskiller, der auf sie angesetzt wird, sich als Joker für Lena entpuppt, garantiert Hochspannung bis zur letzten Seite", so Rosa Grünstein über das 450-Seiten-Werk der Autorin, die besonders bei Frauen äußerst beliebt ist. Schon die vorgestellte Passage machte klar: Die Autorin versteht es eindrucksvoll, die Machtgefühle des gierigen Tieres in all ihrer Tiefgründigkeit zu beschreiben.

Greiner präsentierte zwei Beisiele der Selbsterforschung, der inneren Einkehr und der – auch demütigen – Rückschau. Zunächst "Roman der Erinnerung" aus der Feder von Anatoli Rybakow (Aufbau-Verlag, Berlin; € 23.-). Ein berühmter Autor blickt im Streitgespräch mit einem Freund von früher, der – inzwischen ausgemergelt und dem Alkohol verfallen – Klage gegen ihn und Seinesgleichen führt, zurück auf seinen Aufstieg, auf die Verlogenheit, die mit seiner Karriere eben auch verbunden war: "Ich habe deine Bücher gelesen, du biederst dich nicht an, aber die ganze Wahrheit sagst du auch nicht!"
Rybakow hat keine Hymnen auf Stalin geschrieben, keine übergroßen Helden der Arbeit in seinen "Produktionsromanen" installiert, und rechnet im "Roman der Erinnerungen" doch ab mit seinem Leben der Kompromisse. Sein "Roman eines Romans" ist gleichzeitig eine Anklage an die russischen Geschichte von Lenin bis Gorbatschow, an all jenen, die immer wieder postulieren "Wir schaffen’s schon" – die Sowjetunion sei untergegangen, die Macht von "Ehrgeizlingen" übernommen worden, die das Land in eine tiefe Krise geführt hätten. Kein gemütlicher Rückblick eines greisen Manns, sondern knallharte Bilanz.

In einer betont kunstlosen Alltagssprache ist der Roman "Das Formular" von Alexej Slapovsky (Claassen Verlag, München; € 22.-) gehalten.
Ein Provvinzstädtler mit alltagsphilosophischen Neigungen will sich bei der Polizei bewerben mit dem Fernziel, den korrupten Laden der Ordnungskräfte von innen heraus auszukehren. Das umfangreiche Bewerbungsformular schickt ihn auf eine Odyssee, die Erinnerungen und Selbstversuche heraufbeschwört und die aufdeckt, dass in Russland "im Wechselspiel zwischen Außenwelt und Individuum letzteres einen derart schwachen Stadt hat, dass oft geradezu ohnmächtige Ergebenheit an die Macht des Schicksals zu spüren ist", so Greiner in seiner Zusammenfassung.
Das Leben des Protagonisten gerät völlig aus den Fugen und am Ende weiß er selbst nicht mehr, wie er die Frage, "Fürchten sie manchmal, den Verstand zu verlieren?" beantworten soll

Alle vorgestellten Werke sind wie gehabt in der Neulußheimer Bücherei zur Ausleihe vorhanden.


Der nächste Bucht(r)ip führt am 22. März nach Indien – da auch diesmal ein Run auf die raren Plätze, die meist schon Wochen vorher ausverkauft sind, vorprogrammiert ist, empfiehlt es sich, möglichst frühzeitig vorzubestellen: Klaus Maier im Kulturamt (Telefon 06205 – 39 41 11) nimmt Kartenwünsche entgegen.