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Tilman Röhrig
Erschienen
Wie ein Lamm unter Löwen
02/2002
Gustav Lübbe Verlag GmbH / Bastei-Lübbe / LübbeAudio, Bergisch Gladbach
832 Seiten / € 24,90
Schon die Geburt Friedrichs II. erregt einiges Aufsehen. Sein Vater, Heinrich VI., ist ein grausamer Mann, der Gefallen daran findet, seine Gemahlin Konstanze zu demütigen. Als er erfährt, dass die bis dahin Kinderlose überraschenderweise doch noch ein Baby erwartet, gibt er genaue Anweisungen bezüglich der Geburt des erhofften Nachfolgers. Damit es nicht zu Gerüchten bezüglich der Identität des vorhergesagten Sohnes kommen kann, muss die Geburt in aller Öffentlichkeit stattfinden. Das Volk selbst soll Zeuge des Ereignisses sein. Und so beginnt das Leben des zukünftigen deutschen Königs und Kaisers mitten auf dem Marktplatz des kleinen Dorfes Jesi, wo Konstanze vor aller Augen niederkommt.

Doch das bleibt längst nicht das einzige außergewöhnliche Ereignis im abenteuerlichen Leben Friedrichs. Schon bald stirbt sein Vater, kurz darauf seine Mutter. So wächst der dickköpfige Knabe ungebändigt und beinahe wie ein Gassenjunge in Palermo auf, nur behütet durch die treue Sorge seines Dieners Lupold, der schon Friedrichs Mutter tapfer zur Seite gestanden hat.

Die ungezügelte Freiheit des Knaben kommt schnell zu einem Ende, denn die Politik ruft. Schon mit dreizehn wird Friedrich vom Papst dazu gedrängt, die fünfundzwanzigjährige Konstanze von Aragon zu heiraten - die erste in einer langen Reihe von Frauen im Leben des charismatischen Herrschers. Mit vierzehn wird er für volljährig erklärt und übernimmt die Herrschaft über Sizilien. Siebzehnjährig wagt der völlig Mittellose einen aussichtslos scheinenden Zug über die Alpen, um Verbündete zu gewinnen und in Deutschland die Kaiserkrone zu beanspruchen.

Das Unmögliche gelingt: Der junge Friedrich überzeugt mit Charme und Jugendlichkeit - vielleicht mehr noch mit unzähligen Versprechen späterer Wohltaten - die deutschen Fürsten und wird zum deutschen Kaiser gekrönt. Der rivalisierende welfischen Kaiser Otto wird abgesetzt. Friedrich scheint vom Glück begünstigt, alles was er anfängt gelingt. Mit Klugheit und Wagemut eint er das Reich und bietet sogar dem Papst erfolgreich die Stirn. Nichts und niemand kann ihn in seinem Streben nach Macht aufhalten.

Das bleibt lange Zeit so – erst ganz am Ende seines Lebens wendet sich das Blatt für den "Friedenskaiser" und der bis dahin Unbesiegbare muss Niederlagen und herbe Enttäuschungen einstecken.

Das Emporkommen Friedrichs ist von enormer politischer Tragweite. Ihm gelingt es, mit Waffengewalt und diplomatischem Geschick sein gewaltiges Reich zusammenzuhalten und keine Konkurrenten heranwachsen zu lassen. Selbst wenn er dabei grausam gegen seine eigenen Erben vorgehen muss: Widerstand wird im Keim erstickt.

Nach Friedrichs Tod brechen die Streitigkeiten um die Krone wieder aus. Die ständigen Machtkämpfe und Kriege bluten das Land aus, die Untertanen wünschen sich vor allem Ruhe und Frieden. So kommt es, dass die Menschen Friedrich, den Friedenskaiser, wieder herbeisehnen. Selbst nach seinem Tod wächst sein Ruhm und er bleibt in den Köpfen der Menschen unvergessen: "Er lebt und er lebt nicht..."

Doch auch wenn Friedrich im Zentrum des Romans steht, tragen unzählige mehr oder weniger bedeutsame Nebenpersonen zur Geschichte bei. Der Kammerdiener Lupold und sein Ziehsohn Tile spielen zwar in der großen Politik keine Rolle, haben aber doch einen festen Platz im Leben des Kaisers - und gerade Tiles Schicksal ist eng mit dem des großen Kaisers verwebt. Auch die verschiedenen Frauen Friedrichs tragen dazu bei, das Bild des Herrschers und seiner unbegrenzten Macht zu vervollkommnen, denn in diesem Punkt scheint Friedrich viel von seinem Vater Heinrich geerbt zu haben. Nur wenige seiner hübschen Gespielinnen können sein Herz gewinnen, und den Ehefrauen fällt dies noch schwerer. Heirat ist nur Mittel zum Zweck, Thronerben das Leben zu schenken die vordringlichste Aufgabe. So kommt es, dass der Kaiser einen hohen Verschleiß an Frauen hat - und dem zum Trotz verhältnismäßig wenig legitime männliche Nachkommen für ein so großes Reich.

Wenn auch pikante Details des kaiserlichen Lebenswandels das Lesen unterhaltsamer gestalten sollen, geht es in diesem 800 Seiten schweren historischen Roman vor allem darum, die Welt um 1200 wieder aufleben zu lassen. Die erbitterten Thronstreitigkeiten und der Kampf um die Macht zwischen Kaiser und Papst stehen im Mittelpunkt des Ganzen, die persönlichen Schicksale haben vor allem die Aufgabe, die damalige Zeit abzubilden. Vor dem Hintergrund der verschiedenen Figuren wird das politische Spiel des Mittelalters heraufbeschworen, mit all seiner Tücke und all seinen Möglichkeiten. Innerhalb nur einer Generation ereignen sich gewaltige Machtverschiebungen, und mit dem jeweiligen Herrscher wandelte sich auch das Leben für jeden einzelnen Bürger.

Friedrich ist ein kluger, überzeugender Mann, ein Herrscher mit viel Fingerspitzengefühl, ein Mensch von unersättlichem Wissensdurst und großer Gelehrsamkeit. Dabei ist es schwer, den Kaiser in seiner überheblichen Art als liebenswert zu bezeichnen. Er hat Charme und Ausstrahlung, doch gerade gegen Ende seines Lebens scheint die unglaubliche Machtfülle sein Urteilsvermögen zu beeinträchtigen und ihn in selbstüberschätzender Weise handeln zu lassen. Milde und Nachsicht werden ihm fremd.

Trotzdem zieht sein Schicksal den Leser schnell in seinen Bann, man kann sich dem unaufhaltsamen Aufstieg des vom Glück begünstigten Herrschers nur schwer entziehen. Die verschiedenen Nebenfiguren und Nebenhandlungen sorgen für Abwechslung und die überblickartig gehaltenen Auszüge aus dem "Tafelbuch der Zeit" sorgen dafür, dass nicht jedes Detail erzählt werden muss und die Geschichte somit etwas gestrafft wird.


Ein äußerst interessanter historischer Roman über einen spannenden Abschnitt der deutschen Geschichte.

Im gleichen Verlag auch als Taschenbuch erschienen: 831 Seiten für € 9,95.