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Erschienen
Ostdeutscher Archetyp - Patrick Schleifer in Hockenheim
02/2002
"Isch bin der Patrick Schleifer aus Schkeuditz und meine Hobbies sind Bierdeckel sammeln und Gandree-Muisk ... Gandree-Musik! Sa mal, sprichst Du keen Deutsch?!" – damit wäre eigentlich der erste Freitag im Februar im Hockenheimer Kulturzentrum Pumpwerk auf den Punkt gebracht: Die Gefahr aus dem Osten in einem ganz neuen, unglaublich hässlichen gelb-grün-violetten Gewandt, mit Sheriff-Stern und einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein im insgesamt doch etwas verklemmten Leib ist wieder da. Diesmal kommt sie aus einem kleinen Kaff, das wie versehentlich auf die Druckplatte geratener Fliegendreck auf der Landkarte aussieht, ein Katzensprung von Leipzig und nur wenige Kilometer entfernt von Taucha, wo ja bekanntlich die deutsche Kultur quasi neu erfunden wurde. Denn in Taucha ist der inzwischen weltberühmte Country-Club, dessen kulturelle Botschafter Patrick Schleifer und Bernd "Mac Gyver" Lindner sind, beheimatet.

Gemeinsam bringen sie – Patrick Schleifer dürfte den meisten bekannt sein von seinen zahlreichen Auftritten im Fernsehen beim "Quatsch-Comedy-Club" oder der "Wochenshow" - ihre Kulturrevolution auf die Bühnen der Welt. Die besteht vor allem mal aus einem breit ausgetretenen Dialekt ("Du Dreckbeen, Duu!"), der klischeehaft dümmlichen Naivität des Vorzeige-Ossis, die sich auch im Looser-Outfit bei den "California-Dreamboys" casten lassen, und vor allem "kuhler" Countrymusik, die dann aber glücklicherweise doch mal wie Rock und mal wie Pop daherkommt. So singt und plaudert sich Schleifer durch sein zweistündiges Programm das so heißt, wie der geistige Mittelpunkt im Leben des Comedian: "Pullover". Den hat er nämlich vor 25 Jahren zum zehnten Geburtstag von seiner Omi gekriegt, bei der er heute noch lebt, und noch nie gewaschen: "Damit die Farben schön frisch bleiben". Er klärt sein Publikum auf, "Sexualität findet meist mit Partner statt", gibt wertvolle Tipps ("Weibschen wollen erobert werden") und ist auch gleich mit den richtigen Anmachsprüchen ("Na, kennst Du eigentlich schon mein frisch renoviertes Jugendzimmer?") bei der Hand – und mit praktischen Erfahrungen aus seinem eigenen wilden Leben mit gezielter Anmache von Frauen: "... als ich mir das Tränengas aus den Augen rausgewischt hatte ..."

Nun gut, der solistische Comedy-Teil war von einigen echten Highlights (der Einführung ins "Wanst-Rammeln", zum Beispiel, bei der jeder Mann zum "Bläh-Boy" wird) abgesehen eher dürftig. Man kann es einmal so sagen: Es bestand immer die Gefahr, dass die Leute mehr auf Kompagnon Bernd achten, der treudoof dasaß und Kabel geflickt hat – wenn er nicht gerade am Keyboard in Action war, um Patrick die rechte Untermalung für seine Gesangseinlagen zu bieten. Und da waren schon Kracher dabei: "Das afrikanische Arbeiterkampflied" zeigte "die Wichtigkeit gesunder Ernährung und die katastrophalen Folgen bei Nichtbeachtung" anhand des zweimaligen Brennens scharfer Gerichte auf. Oder die "Schonny Hill"-Imitation "Rosen für Mama". Aber auch hier war das "zweite Licht" der "Nummer eins" bisweilen wirklich überlegen: "Vom Charakter her ist der Bernd Neger" – und deshalb extrem verwandlungsfähig, mal als "Carmen" mit einem Bossa-nova, mal mit dem Chart-Breaker "Freiheit".


Was bleibt als Fazit: Man kann eben doch immer wieder erleben, dass Comedians, die in kurzen TV-Auftritten zum wegbrüllen komisch sind, bei einem Live-Auftritt nicht nach zwanzig Minuten abgestellt werden können. Und viel länger hält der Witz des Ostdeutschen Archetypen, der sich bei Schleifer doch weitgehend aus Sprache und Habitus nährt, nicht an. Es ist eben das Gefühl, das Schleifer in seinem gesamten Programm immer wieder selbst zitiert: "Bevors hier richtig zur Sache geht!" – er hat es selbst gemerkt und dem Publikum attestiert "Ihr seid ja sowas von schüchtern!". Dabei versuchte er letztlich doch alle Register zu ziehen und legte zum Schluss doch noch einen Strip hin; in Unterhosen mit alt-ostdeutschem Sockenmuster war für ihn aber klar: "Nee, der Pullover bleibt an!"

"Letztendlich machst dich doch nur zum Löffel!", so Schleifer, der sein eigenes Programm so trefflich auf den Punkt brachte: "Lustig fand ich’s nicht, aber ich bin satt geworden!"