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Erschienen
Die apfel’sche Sicht der Dinge
02/2002
"Klimax praecox" im Neulußheimer Kulturzentrum "Alter Bahnhof": Mit der Eröffnung der ersten Ausstellung im noch jungen Jahr am ersten Freitag im Februar (musikalisch umrahmt von Miriam Eisenmann, Blockflöte) hat Wolfgang Treiber, der Kunst-Papst der Gemeinde, bereits ein Highlight präsentiert, das in den kommenden Monaten nur schwer zu toppen sein dürfte. Der Bildhauer Bernhard Apfel aus Leimen schafft Skulpturen, deren besondere Art sie nicht nur für den Kunstkenner wertvoll macht, sondern die sich auch dem interessierten Laien erschließen, ohne dabei auf Anspruch zu verzichten und zu Flachheiten zu verkommen.

Sein Werkstoff ist Holz, Linden oder Zirbel, sein Werkzeug ist das Schnitzmesser, seine besondere Gabe ist der hintersinnige Humor. Und eben diese Kombination aus im eigentlichen Wortsinne "Greifbarem", figürlich und situativ Erfassbarem und einer zwar augenzwinkernden aber unglaublich geistreichen Botschaft, die seinen Figuren erst entlockt werden muss, machen den Apfel nicht nur erfolgreich, sondern auch zum echten Künstler.

Zunächst schafft er nur Figuren. Technisch sehr routiniert, durchaus auch ansehnlich, weil die Bemalung mit meist pastelligen Farben nicht allzu sehr zur Dominanz neigt. Aber schon ihre charakteristische Eigentümlichkeit lässt den Betrachter mehr dahinter vermuten. Ein Mehr, das allerdings bisweilen mit einem zweiten, einem dritten und vierten Blick erschlossen werden muss. Diese vielen Augen-Blicke investiert das Publikum gerne, enthüllt ein echter Apfel doch mit jedem Hinschauen neue Facetten, bislang unentdeckte Zitate, Anspielungen, Seitenhiebe und Holz gewordene geistige Arabesken. Dafür braucht man nicht viel Kunst-Erfahrung, man muss sich – und das ist, was auch den finanziellen Erfolg der Arbeiten ausmacht, von denen der Künstler immerhin leben kann, was in diesem Metier nicht gerade zur Tagesordnung gehört - nicht in weitschweifige und nur unter höchstem Aufwand zu konstruierende Interpretationen mit Rücksicht auf das bewegte Lebensschicksal des in Ehren ergrauten Künstlers ergehen. Man muss nicht, aber man kann. Schließlich ist Bernhard Apfel so etwas wie ein lange Zeit unentdeckter Diamant. Bis 1999 hat der Bayer aus Bad Tölz ein mehr oder minder tristes Dasein als Beamter und Hobby-Handwerker geführt. Geschnitzt hat er, der schon von seinem Großvater, einem Schreiner, ans Holz herangeführt wurde, eigentlich schon immer. Krippenfiguren, Barockengel, profane Werke. Aber seit er den Job bei der AOK an den Nagel, seine jetzige Frau kennen gelernt hat und nach Leimen gezogen ist, ist alles ganz anders: Heute sprudelt sein Genius und manifestiert sich in Plastiken, denen man zwar den Einfluss Boschs, Stoß’ und Pachers zwar ansehen mag, die aber ihren besonderen Reiz aus der apfel’schen Sicht der Dinge schöpfen. Da reißt der Kunst-Macher einem Menschlein den Leib auf, enttarnt ihn, bei dem manche Schraube locker zu sein scheint, als rein mechanisches Wesen, das sich nur hinter verschiedenen Masken, die immer wieder in Apfels Kunstwerken auftauchen, verstecken kann, als "Spielmann" eben. Als kleines Schmankerl bleibt der Bildhauer genau: Zwei Wasserhähne als "Ausgang" kopieren das biologische Original.

Auf den ersten Blick arbeitet Apfel sehr grob; man kennt diese Technik vom Faltenwurf alter Skulpturen. Aber auf diese natürliche Art arbeitet er in einer beeindruckenden Präzision alle Charakteristika des Menschen heraus, lässt ihm im eigentlichen wie im übertragenen Sinne seine Ecken und Kanten. Hans Janssen bleibt sein Doppelkinn, sein mürrischer Blick, seine zunächst reservierte aber letztlich doch gewinnende Art. Dem Pärchen steht beim "gemeinsamen Kopfhören", eingespannt in eine Höllenmaschine, die Gedanken neu verpolt, dabei aber nach dem Motto der drei Affen auch gleichmacht, das Wasser fast bis zum Hals. Und schmierige, schweinsbackige Kardinäle, heuchlerische Bischöfe und verlogene Pfaffen bergen im "Jesuitenturm" den Kommerz und das Laster passenderweise unter ihren Kutten.

Neben den Skulpturen, denen man im Übrigen etwas Dalihaftes nicht absprechen kann, hatte Apfel im „Alten Bahnhof“ auch einige Bilder dabei. Beispielhaft für die Fortsetzung seines Prinzips technische Klasse plus schlitzohriger Zwischenansicht: "Die Versuchung des heiligen Antonius", ein Altarbild, auf dem die gefallenen Engel dem Unheiligen das Unheil in Form von Zigaretten, Heroin, Alkohol und der „Bild“ bringen.


Ob Treiber sich selbst mit dieser Ausstellung einen Gefallen getan hat, ist mehr als fraglich: Es wird jedenfalls schwer werden, das von Bernhard Apfel Präsentierte noch zu überbieten.

Seinen Gästen dagegen, das steht fest, hat er nicht nur einen Gefallen getan, sondern ein atemberaubendes Kunst-Gefühl beschert.