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Erschienen
Mozarts "Zauberflöte" "immer der Nase nach"
02/2002
Seit der Uraufführung von Mozarts Oper "Die Zauberflöte" am 30.09.1791 im Wiener Theater im Freihaus ist viel Zeit vergangen und aus der traditionellen Welt von einst ist eine Welt geworden, der in ihrer Fortschrittsgläubigkeit die Zunge längst vor Erschöpfung heraushängt.

Da war es endlich einmal Zeit, dass sich jemand daran macht, eines der beliebtesten Werke der Musikbühne zu entrümpeln und auf Vordermann zu bringen, um die Botschaft in unsere Tage zu transferieren: Auch heute noch ist der archetypische Kampf zwischen Gut und Böse angesagt und ein wenig vom Geist der Aufklärung kann auch dem postpostmodernen Menschen nicht schaden.

Heinz Nauber hatte schon vor vielen Jahren die Idee zu einem kürzeren, zeitgemäßeren Drehbuch für die doch schon etwas angestaubte "Zauberflöte"; der 140. Geburtstag des Sängerbundes Liederkranz 1862 Hockenheim, der am ersten Samstag im Februar in der Hockenheimer Stadthalle würdig begangen wurde, sollte ihm nun endlich den rechten Rahmen für seine Neuauflage geben:

Der inzwischen nicht mehr ganz so junge Prinz Tamino muss von Mozart höchstselbst erst einmal geweckt werden, um ihn auf die Suche nach der schönen Tochter der Königin der Nacht, Pamina, zu schicken; noch nicht ganz wach merkt er gar nicht recht, wie eine schreckliche Schlange ihn angreift. Er trifft auf Papageno, einen wunderlichen Vogelmenschen, der ihm vorflunkert, er habe die Schlange besiegt – zur Strafe macht Mozart ihn mundtot. Nicht wie im Original des Wiener Meisters mit einem Schloss, das drei geheimnisvolle Damen ihm anschließen, sondern ganz pragmatisch und zeitgemäß mit Klebeband.

Doch das "Hm, hm, hm, hm!" dauert nicht allzulange an und Papageno kann wieder plaudern, muss dem Prinzen aber auf einer gefährlichen Mission folgen; immerhin nicht umsonst: Erst werden die zur Verfügung stehenden Frauen – Pamina für Tamino, Papagena für Papageno – zumindest in Gedanken schon verteilt und Zauberdinge an die Männer gebracht; der Prinz bekommt eine Zauberflöte, der Vogelfänger ein magisches Glockenspiel.

Dann geht’s zum Tempel des Sarastro, "immer der Nase nach". Irre Verwicklungen zwischen dem Vogelmenschen und dem wild gewordenen Sklaventreiber Monostatos, die Flucht Papagenos mit der schönen Pamina, die Verpflichtung auf eine schwere Aufgabe durch den inzwischen eher einem Bischof gleichen Sarastro und der geniale Playback-Auftritt einer Königin der Nacht, die wie eine "Dancing-Queen" daher kommt, sorgen für Spannung und Action. Noch flugs die Prüfungen durch Feuer und Wasser bestanden und die hüpsche Papagena in der ollen Schachtel, die Papageno angeboten wird, entdeckt – und schon geht es in den siebten Himmel, pardon: In Sarastros Tempel, wo "Die Strahlen der Sonne" die Nacht vertreiben und die Königin mit ihren willfährigen Gesellen in den Abgrund stürzt. Zum Schluss trifft man sich zum gemütlichen Stelldichein im Tempel – zu Mozarts Zeiten wäre undenkbar gewesen, dass einer wie Papageno, der doch die Prüfungen eigentlich gar nicht bestanden hat, dort einziehen darf; aber: Andere Zeiten, andere Sitten.

Deshalb hat Naber die Priester des Originals auch durch liebreizende Tempelschönheiten ersetzt, verzichtete auf die drei Knaben und die Geharnischten und das ganze Brimborium mit Weisheit, Wissen und Natur, keiner muss "standhaft, duldsam und verschwiegen" sein. Und man mag es kaum glauben: Man hat nicht wirklich etwas vermisst!

Garant für das Gelingen einer derart ketzerischen Aktion waren vor allem die Solisten des Abends in den Hauptrollen: Allen voran brillierte Josefa Kreimes als ebenfalls schon etwas reifere Pamina; über die flexible Sopranistin viele Worte zu verlieren wäre vergebliche Liebesmüh – Josefa Kreimes ist bekannt aus unzähligen Auftritten in der Region, mit denen sie ausnahmslos zu begeistern verstand. Auch diesmal passte sich ihre fein geschliffene aber dennoch leichte Stimme wie für eine moderne Zauberflöte geschaffen: Vom fortschreitenden "Schnelle Füße, rascher Mut" bis zur Lamento-Arie "Ach, ich fühl’s".

Als Held an ihrer Seite Helmut Seidel. Der Tenor hat den Liebesdürstigen zwar etwas gemessen verkörpert, dafür überzeugte er stimmlich umso mehr. Sein "Dies Bildnis ist bezaubernd schön" war genau wie das Prüfungs-Duett mit Pamina "Wir wandelten durch Feuersgluten" wirklich hörenswert.
Ebenso wie Konstantin Rupp als Monostatos und Patrick Träutlein als gefiederter Papageno: Rupps gab seinem schlanken und wohl gebildeten Tenor in "Du feines Täubchen, nur herein" die rechte fiese Färbung, wenngleich er auch in konzertanten Aufführungen noch besser zur Geltung kommen mag; Träutlein hatte ohne Zweifel den Part, der Avancen zum Publikumsliebling nahelegte – der Bariton hatte die schönsten Duette (mit Pamina "Bei Männern, welche Liebe fühlen" und mit Papagena das lustige "Pa-pa-pa").

Seine liebreizende Vogelfreundin Papagena wurde von Martina Mehrer verkörpert; wie Josefa Kreimes hat auch sie sich als Sopranistin in der Vergangenheit einen stattlichen Ruf ersungen.
Als kirchenväterliche Sarastro-Übersetzung der Bass Karl Mitsch, der sich zwar mit der besonders anspruchsvollen Tiefe von Mozarts Tempelherrscher etwas schwer tat, der aber trotzdem "In diesen heil’gen Hallen" "O Isis und Osiris" zu ihre Recht verhalf.
Den Mozart als Sprechrolle schließlich interpretierte Winfried Kienzler. Auch der Sängerbund beteiligte sich, mal als Chor der Priester, mal als Volk oder auch als Ersatz für die Drei Knaben.

Ein optisches Bonbon bot neben den Kostümen aus der Hand von Traudel Reinfurt und dem Bühnenbild von Karl Friedrich Purper das Ballett der Volkshochschule Hockenheim (Leitung Waltraud Fehrenbach), das die Szenen entsprechend untermalte und für die nötige Bewegung auf der Bühne sorgte.

Am Flügel sei schließlich noch Thomas Daub erwähnt, der zusammen mit "Zauberflöte" Verena Butz und "Glockenspiel" Sabine Dietenberger für die musikalische Stimmung sorgte.


Es ist bemerkenswert, wenn ein Verien eine so außergewöhnliche Leistung auf die Bühne stellt und es beweist einmal mehr, dass in den Gruppen der Rennstadt so viel mehr steckt, als man alltäglich zu sehen bekommt.

So erlauben auch wir uns in Huldigung des guten alten Wolfgang Ama eine kleine Abwandlung auf seine Zauberflöte: "Dank, Dank, Dank sei dir, oh Sängerbund!"