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Erschienen
"Tänzeln als Extremsportart" bei HISS
03/2002
Wer bei Polka nur an heitere Mittsiebziger denkt, die mit blanken Augen alten Tänzchen hinterher träumen, der hat sich geirrt. Wenn unser beliebter Volksmusik-Gott Karl Maik die fünf stahlharten Burschen der Formation "HISS" hätte hören können, wie sie an einem Samstag Mitte Februar im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" aufspielten, stünde sein Entschluss längst fest: "Ich zünd den Stadl an!"

"Polka’n’Roll" nennt Leader Stefan Hiss seine ganz besondere Art von Musik; ein Crossover, das sich nicht in der Beschreibung erschließt, dem man sich aber beim Zuhören kaum entziehen kann. Denn die 1995 gegründete Truppe, die man sicherlich ohne Übertreibung als die stärkste Polka-Band im wilden Süden bezeichnen kann, gab von der ersten bis zur letzten Minute ihres Auftritts Gas, mischte deutsche Texte, harte Gitarren-Klänge, einen deftig daherwummernden Beat zu einem phänomenalen Ganzen, das "exzessiv Tänzeln als Extremsportart" nicht nur nahelegte, sondern eigentlich erzwang. Garanten für den Enthusiasmus, mit dem die Fans die heil’gen Hallen des Hockenheimer Musen-Tempels zu sprengen drohten, waren neben Stefan Hiss, der mit seinem Akkordeon das Feuer des Rhythmus unter die Anhänger goss und mit der kultig halsigen Stimme auch einfachste Botschaften in der beliebt schmissigen Art verpackt, Michael Roth an der Mundharmonika, Andi Feller mit Gitarre oder Mandoline, der immer für ein heißes Solo im dirty groove zu haben war, Bassist Volker Schuh, der eine Performance ablieferte, die auch aus einem Monty-Python-Klassiker geklaut sein könnte, und Schlagzeiger Jochen Ritter, die Basis, das Fundament, der Träger des großen Ganzen.

Das Programm hatten sie zusammengestellt aus den Platten der vergangenen Jahre, "Herz und Verrat", "Tut Buße" und der neuen Scheibe "Tränen, Tabak und Tequila". Allesamt hervorragende Beispiele für die Art, in der HISS seinem Publikum das Leid klagt: In dunklen Grün- und Grautönen, aber mit einer Granaten-Stimmung. Der Gestank von Eiter, Schweiß und Fäulnis gehört für die Mannen eben zu jedem echten Liebeslied, in einer Zeit, in der man mit einem apokalyptischen Stimmungs-Kracher aufrufen muss "Tut Buße, das Ende ist nah!" Auf sechs Worte bringen die fünf Musikanten ihre Botschaft: „Weiber lieben Kerle, Kerle lieben Weiber“. Problematisch wird es nur, wenn man bei näherem Hinsehen erkennt, "Meine Frau ist fett!" Aber auch dafür haben sie einen Trost im Handgepäck: "Das Leben ist ein Rodeo, mal läuft es glatt, mal läuft es schief, mal hängst du hoch, mal fällst du tief."

Das alles unterlegen sie mit heißem Sound und aufrüttelnden, mitreißenden, befreienden Klängen, Rhythmen und Melodien – nur um dann sofort das absolute Kontrastprogramm durchzuziehen. "Bleibet im Dunkel, versteckt eure Brut, jeder beschütze die Seinen" ist nun wirklich großes Entertainment mit geistiger Tiefe.

Kein Wunder, dass das johlende Publikum den Saal nicht nur durch seine Zahl, sondern vor allem auch durch seine ausgelassenen Stimmung zum Kochen brachte: Manch einer dachte sich ganz offenbar "Schüttel die Beine, schüttel den Schädel – was hast du zu verlier’n?". Laut singen alle mit, wenn Stefan Hiss propagiert "Mein Herz, reiß es heraus, iss es mit Salz und viel Mayonnaise" und schließlich feststellt, "die Liebe ist Käse".

Das sind Wahrheiten, die nicht nur jeder versteht, sondern sie jeder auch selbst erlebt hat, getreu dem Motto der HISS: "Je mehr Menschen uns ähneln, desto besser ist es – für den Weltfrieden und die Ästhetik".

So zeigten fünf Prachtburschen zwei Stunden lang ohne jede Unterbrechung ihr zuckendes, blutendes, pochendes Herz – bildlich gesprochen natürlich.


Als Schluss bleibt nur, ein Hoch zu singen auf die Kapelle, die uns geholfen hat, unsere Beine zu bewegen, die uns geholfen hat, unsere Herzen zu bewegen!