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Erschienen
Atemberaubende Spannung mit den "Kleinen Löwen"
03/2002
China wird oft als die "Wiege der Kultur" bezeichnet. Dieser Ausdruck fiel zumindest Ende Februar beim Auftritt des chinesischen Akrobatik- und Kung-Fu-Ensembles "Die kleinen Löwen" aus Shaanxi in der Hockenheimer Stadthalle sofort ein, wenn man das Alter der Akrobaten bedachte; die meisten Artisten waren Kinder – und sie zeigten atemberaubende Nummern, die die eigentlich unglaubliche Präzision, das übermenschliche Geschick und die eiserne Disziplin des Chinesischen Zirkus aufs Vortrefflichste demonstrierten. 20 sehr junge Akrobaten, dazu eine Kung-Fu-Meisterin, zwei Kung-Fu-Meister und ein Schüler präsentierten in zwei Stunden reinem Programm das unangefochtene Niveau, das der Chinesische Zirkus erreicht hat. Die leise herunterklappenden Kiefer, die erstaunt auf die Bühne gebannten Augen, die vor Spannung in die Stuhllehnen verkrampften Finger allenthalben waren Beweis genug, dass die alte Tradition und fremde Kultur aus dem Reich der Mitte zu fesseln versteht wie eh und je.

Aber es war auch wirklich mörderisch, was die "Kleinen Löwen" da anstellten.

Da waren zunächst einmal die "Kampfdemonstrationen": Die Kung-Fu-Meister und ihr kleiner Schüler zeigten die traditionellen chinesischen Kampftechniken, den hohen Grad an Körperbeherrschung, den der Umgang mit Neunteiliger Peitsche, Speer, Schwert, Krummsäbel und Stock erfordert – wilde Szenen atmeten die Ruhe, mit der Kung-Fu ausgetragen wird.

Die reine Körper- und Bodenakrobatik nahm nur einen relativ kleinen Teil des Programms ein. Das mag auch daran liegen, dass man in Zentraleuropa zwar immer wieder beeindruckt ist von der besonderen Biegbarkeit der jungen Leiber, dass man aber gleichsam den Orthopäden schon aus dem Off hüsteln hört. Dennoch bleibt die Faszination, wenn ein junges Mädchen, Erdverbindung nur mit einem Beißstab haltend, vier bunte Lampen auf allen Gliedern balancierend, den Körper wie einen Zollstock zusammenklappt.

Oder wenn die Akrobaten hoch hinaus gehen, sich dabei ineinander verschachteln und – im Handstand auf dem Kopf einer anderen Akrobatin – eine Sieben-Personen-Pyramide bilden.

Hoch dekoriert wurde die Nummer "Versteckspiel mit den Zylindern" (Bronzener Löwe des chinesischen Kul­tur­ministeriums beim National­wett­be­werb Zirkus) – und mit viel Applaus belohnt. Zumal es wirklich zu witzig war, wenn die Kleinen sich durch die engsten Röhren schoben, halb darin verschwanden – und dabei auch noch hohe Akrobatik boten.

Ein wahrhaftes "Fliegendes Wunder" demonstrierten die Herren: Klar ist ein Sprung durch einen Reifen einfach – vor allem, weil heute ja anders als vor zig Dynastien die Ringe nicht mehr mit Messern bewehrt sind. Aber wenn zum Flickflack durch einen Ring in ein Meter achtzig Höhe – Unterkante – angesetzt wird, sieht man die multiplen Frakturen im Grunde schon vor sich. Geschafft! Erleichtertes, begeistertes, erstauntes Aufstöhnen im Publikum und tosender Applaus.

Auch für eine der spektakulärsten Nummern überhaupt: Man baue aus neun Stühlen auf vier kleinen Miniaturblumenvasen ein wackliges Kartenhaus und hänge dann sechs Leute daran, die jeweils einen Handstand machen. So etwas kann nicht funktionieren – und tut es doch. Und Fotos beweisen: Wäre die Stadthalle nicht so niedrig gebaut worden, hätten die "Kleinen Löwen" gerne noch zwei Stühle und zwei Leute aufgesattelt.

Ganz nebenbei haben die jungen Artisten aus China gezeigt, was Gemeinschaft heißt: Fahrradfahren ist schön, aber ein wenig Einzelgängerisch – wenn man nicht noch elf andere mit dabei hat, die auch gerne den ein oder anderen Kopfstand während der Fahrt machen und gleichzeitig den Pfau mit aufgeschlagenem Rad verkörpern. Übrigens empfiehlt sich fahren ohne Sattel generell nur im Handstand auf dem Lenker.

Was den Charme des Zirkus ausmacht - das gilt für den Europäischen wie für den Chinesischen gleichermaßen – ist vor allem die besondere Atmosphäre, die dort herrscht, das beschwingte Gefühl, das beim Einatmen von Zirkusluft entsteht. Die "Kleinen Löwen" haben diese Atmosphäre auch in der Stadthalle entstehen lassen können: Mit der "Vornummer", in der die Löwen, die traditionell eine große Rolle in der Chinesischen Mythologie spielen, erst lustig, dann ernsthafter die Aufmerksamkeit der Zuschauer bündelten; mit den farbenfrohen, prächtigen Kostümen, die einen Hauch von Fernost versprühten, mit den Klängen des ebenfalls auf die Bühne gesetzten Chinesischen Orchesters, vor allem aber mit dem Liebreiz, den die jungen Artisten ausstrahlten. In halsbrecherischer Höhe und unter größter Kraftanstrengung schenken sie ihrem Publikum noch zarte Blicke und frisches Lächeln. Es ist diese vermittelte Leichtigkeit, die den Chinesischen Zirkus zu ans Herz wachsen lässt, es ist die Positive Energie, die von ihm auszugehen scheint, es ist die farbenfrohe, lebensbejahende Aussage, die hinter der hohen Kunst der Artisten steht.

Nach diesem Abend mit den "Kleinen Löwen" darf man mit Fug und Recht behaupten: So etwas hat Hockenheim noch nicht gesehen!