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Erschienen
Hockenheim ein Käfig voller Narren
03/2002
An die Tatsache, dass Hockenheim es versteht, sich selbst immer wieder zu übertreffen, hat man sich zwischenzeitlich längst gewöhnt. Was aber Anfang März in der Stadthalle, dem Hort der hohen Künste, abging, war selbst für geistig flexible Einheimische kaum zu glauben: Eine wild gewordene Bande in Strapse und Pfennigabsätzen hatte vom Musentempel und dem Publikum Besitz ergriffen und gemeinsam zelebrierte man eine erotisch-knisternde, ausgelassene und herzerfrischend "geile" Show – Die "Rocky Horror Show". Man fragt sich ja ohnedies immer wieder, wie es Hockenheims Kultur-Manager Lothar Blank gelingt, ein dermaßen abwechslungsreiches und hochkarätiges Kulturprogramm auf die Beine zu stellen; diesmal aber hat er ohne Zweifel einen Jeden überrascht, indem er das Juwel der Rennstadt-Kunst an einen Haufen schrill geschminkter, obszön agitierender Horror-Parodisten übergeben hatte – wie macht der Mann das bloß immer?

Es war nicht irgendeine Inszenierung, sondern das Gastspiel-Ensemble des Londoner Originals, das aus der Stadthalle mit dem Kult-Musical von Richard O’Brian (der selbst Auftritte in "Jesus Christ Superstar" und "Hair" vorweisen kann) einen Käfig voller Narren machte: Große Dinge dämmerten dem unbedarften Besucher, wenn er andere Gäste betrachtete – Männer in Strapsen, im zugeknöpften Hockenheim unüblich freizügige Damen ... Denn nicht nur die eingfleischten Fans hatten sich wie Dirk mit Netzstrümpfen, Perücke und Makeup auf den Event vorbereitet.

Was das aufgepeitschte Auditorium dann geboten bekam, war eine Bühnenshow vom Feinsten, schrill, anarchisch, ohne Sinn und Verstand hämmerte man on stage Parodien, Trivialmythen und hemmungslose Ekstase wie Opium unter das Volk, heizte ein, brach Tabus, flirtete mit dem Extraordinären und bereitete einfach viel Spaß. Zumal es zu den kultigen Begleiterscheinungen des Musicals gehört, dass die Parade nicht am Bühnenrand endet: Bei Hochzeitsszenen fliegt Reis durch die Meute, wenn es auf der Bühne regnet, wird auch der Sitznachbar nass und die blitzbewährte Erweckungsszene wird von einer Klopapier-Schlacht im Zuschauerraum begleitet - der Zuschauer als Teil des Spektakels, und das nicht nur als Statist.

Während einer Regennacht gerät das junge Liebespaar Brad und Janet in ein düsteres, geheimnisvolles Schloss, dessen Bewohner direkt einem Nosferatu-Streifen entsprungen scheinen. Es kommt allerdings schlimmer. Das sinistre Gemäuer wird von skurrilen, bizarren und monströsen Kreaturen bevölkert, die Bildern eines Hieronymus Bosch entstiegen sein könnten. All diese grell geschminkten Freaks und Mannweiber stehen unter der Herrschaft des genial-luziferischen Transvestiten "From-the-first-day-he-was-born-he-was-trouble"-Dr. Frank N. Furter. Der "Sweet Transvestit from Transsexual Transylvania" lädt das Paar ein, der "Geburt" des synthetischen Wesens Rocky beiwohnen – "no one is perfect but you". Die Party wird von Eddy, dem Frank einen Teil des Gehirns entnommen hat, um Rocky zu kreieren, gestört – aber nur so lange, bis der gestrapste Macher zur Kettensäge greift. Sexuelle Konfusion, bei der es Jeder mit Jedem treibt, die Ankunft von Dr. "Uh"-Scott, der für die Regierung als Alien-Jäger arbeitet und die versuchte Flucht von Franks Lieblingsgespielen Rocky kumuliert in einem orgiastischen Showspektakel, bei dem letztlich der Diener Riff-Raff und Franks nymphomanische Assistentin Magenta die ganze Bande als extraterrestrische Sex-Invasion outen, Frank und Rocky erschießen, das ganze Schloss in die Galaxie Transilvanien zurückversetzen und Janet, Brad und Scott um einige Erfahrungen reicher zurücklassen.

Eine bizarr-groteske Pop-Parodie auf Horror-, Monster-, Science-Fiction- und Musikfilme voll bewusster Angriffe auf moralische und geschmackliche Konventionen und gleichzeitig ein Klassiker, der auch in der Tournee-Version in perfektem Chaos organisiert ist, von dem er lebt. Eine choreographische Meisterleistung von Stacey Haynes, die von den exzellenten Schauspielern perfekt – will in diesem Falle heißen lasziv – umgesetzt wurde: Hervorragende Stimmen und anregende (teilweise auch erregende) Tänze. Diese bewegenden Showelemente gesellen sich zu einem einfallsreichen, perfekt der Story angepassten Bühnenbild, in dem durchaus plötzlich ein Riesenphallus die Szene dominieren kann. Die Schauspieler in Strapsen, Mini- und Leder-Tangas verbreiten köchelndes Sexappeal, dazu hämmernde Musik, die auch den hartgesottensten Muffel zur Lust verführt – die "Rocky Horror Show" hatte ihre Gäste voll im Griff und powerte sie zum "Time Warp".


Was wir hier erleben durften, war mehr als eine sexuelle Befreiung – es war - "lost in time, lost in space" - Körperkult mit Musik.

"Don’t dream it – be it!"