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Erschienen
"Vorgespielte Höhepunkte" im Pumpwerk
04/2002
Um welche Scheibe kreist die Sonne? Der Comedian Stephan Bauer hat Mitte März im Hockenheimer Pumpwerk diese und etwa viertausendreiundvierzig weitere abstruse Fragen gestellt und auch gleich beantwortet. Der Komiker machte sich gemeinsam mit seinem Publikum – das Kulturzentrum war angenehm gut besucht, was sicherlich auch mit dem besonderen Bekanntheitsgrad Bauers zusammenhängen dürfte, der gerade in letzter Zeit durch TV-Auftritte bei Harald Schmidt, in "Ottis Schlachthof", im Quatsch-Comedy-Club und in Hallervordens "Spottlight" weiter gestiegen ist – auf, um auf den Spuren seiner selbst zu wandeln.

In freundlichem Plauderton fesselte er das Publikum an sich, an seine besondere Art des Scherzes und zimmerte daraus einen beschwingten Abend voll humoristischer Eskapaden, bei dem kein Auge trocken blieb. Dabei hangelte sich der gebürtige 68-er an seinem eigenen Leben entlang, feixte über Einkaufsparadiese, Zivildienst-Erfahrungen, Tubber-Parties und Mutter-Komplexe. Immer offen, immer herzlich und vor allem immer mit einer tatsächlich lustigen Wendung.

Was Stephan Bauer nicht nötig hat (und das tut gut in Zeiten, in denen es Comedy satt gibt), sind mühsam zusammengebastelte Pointen. Von langer Hand baut er seine Geschichten wie sein ganzes Programm "Vorgespielte Höhepunkte" auf, wie natürlich knallt er zum Schluss seinen gebannten Zuhörern eine zwerchfellerschütternde Konklusion um die Ohren und erntet Applaus, Sympathie und – das Brot des Komikers – ausgelassenes Lachen. Zumal man bisweilen den Eindruck gewinnt: Der Mann macht da gar keine Sprüche – der erlebt das täglich am eigenen Leib!

Dann schreibt er im Vollrausch eine Kontaktanzeige, "Ich finde alle Scheiße – wer noch?" und "der Einzige, der darauf geantwortet hat, war – ich!" So einer fragt sich bei der näheren Betrachtung der H&M-Werbung auch, "werben die jetzt für Unterwäsche oder für Brot für die Welt?" Wenn er dann an sich selbst herunterschaut, wird ihm klar, welch Zeiten Kind er ist: Früher stand auf der Unterwäsche wenigstens noch "Schiesser"; heute – o tempores, o mores – "Klein".

Seine eigene Beziehung ist bereits in der letzten der drei Phasen "Kuscheln, klammern, Katastrophenmanagement" angelangt: Mit seiner Frau "Nutella" sei er "nur noch am Streiten in letzter Zeit. Also die letzten acht, neun Jahre". Selbst die Partnerschaftsberatung schlage schon die Hände über dem Kopf zusammen.

Alles in allem ist nach wenigen der urkomischen Geschichten des Mimen, der in vielem an die frühen Jahre von Deutschlands "Dirty Harry" Harald Schmidt erinnert, klar: So einer kann eigentlich nur Comedian werden. Da sieht man ihm doch glatt nach, dass seine Acht darauf, "dass Kabarett nicht zu flach wird", nur Lippenbekenntnisse sind. Gegen den Kritiker hetzt er schonmal vorauseilend, dass dieser sich sicherlich wieder darüber aufregen würde, er biete "zu viel Comedy, hat keinen intellektuellen Tiefgang". Weise gesprochen, aber am Ende doch Unrecht gehabt: Wer Stephan Bauer sehen will, erwartet keinen Tiefgang. Der erfrischt sich am kristallklaren Quell der Comedy – und die weiß Bauer perfekt zu kredenzen.

Wenn er reumütig berichtet, wie er beim Versuch, seiner Frau ein Kompliment zu machen, "aus Versehen Pfirsich- und Orangenhaut verwechselt" hat, wie er sich immer wieder in seiner hypochondrischen Art – die ihn übrigens ebenfalls mit Schmidt verbindet – verstrickt ("Letzte Woche zum Beispiel hatte ich Ebola") und wenn er nicht ohne Scham erzählt, wie er seinerzeitig als Kriegsdienstverweigerer im Altenheim mit den Alzheimer-Patienten Memory spielte ("Mit einer Karte geht das").

Ein Programm zwischen "der Duschvorgang aus Sicht der Seife" und schwindender Gliedsteife – wobei wir auch beim absoluten Lieblingsthema des jungen Mimen wären: Endlich einer, der aufklärt, "das Vorspiel gehört eigentlich gar nicht zur Fortpflanzung das ist auf rein freiwilliger Basis", endlich einer, der die Ehre der Männer wieder rettet, denen im ständigen Kampf mit der Klitoris ("Ein bisschen mehr rechts!") ohne Ausnahme unbegreiflich ist, "wie man auf einem Areal von wenigen Quadratmillimetern ständig daneben liegen kann".


Was Stephan Bauer zurückließ, war ein begeistertes Publikum und die Gewissheit, dass es da einer auf die Bühnen der Republik geschafft hat, der dort auch hingehört. Zu recht sind die Zeiten vorbei, in denen sein Publikum allein aus seinen Eltern bestand oder er bei Indios in der Fußgängerzone als Vorprogramm auftreten musste. "Ich wusste: Stephan Bauer, du schaffst es! Eines Tages spielst du in Hockenheim!"

Herzlich willkommen!