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Erschienen
Schwarz-Rot-Gold als "Standarte der Freiheit"
04/2002
Das Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" wandelt auf völlig neuen Pfaden. Seit dem Auftritt der Gruppe "RedensArt" Mitte März ist das reichhaltige Programm, mit dem sich die Kleinkunstbühne weit über die Region hinaus einen exzellenten Namen gemacht hat, um eine weitere Sparte erweitert: Neben Theater, Musik aller Stilrichtungen und vor allem Klamauk gehört nun auch die ernste literarische Unterhaltung zum Repertoire.

Die drei Rezitatoren Renate Büchner, Dieter Hillenbrand und Gustl Riemensperger brachten mit Heinrich Heines Gedichtesammlung "Deutschland, ein Wintermärchen" ein Stück große Poesie auf die Bühne des Pumpwerks und fesselten ihre Zuhörer geschlagene zwei Stunden lang. Der Zuspruch war erstaunlich groß, man gewann endlich einmal den Eindruck, dass sich nicht nur die intellektuelle Upperclass zutraut, einen schweren Abend auch genießen zu können; wenngleich man gestehen muss: Das Publikum war nun doch ein ganz anderes, als üblicherweise.

Heinrich Heine, dem man gerne gleichzeitig die Orden "Dichter der Liebe" und "Dichter der Revolution" anheftet, war ein Kind seiner Zeit. 1797 als Harry Heine geboren, traf er Goethe, Victor Hugo und Karl Marx, wurde mitten hineingerissen in die Diskussion, wo Deutschland eigentlich liege und was es sei, erlebte die Unabhängigkeitserklärung, die Deklaration der Menschenrechte, die Französische Revolution – alle Befreiungsversuche sah er aber nur von außen, selbst wurde er enttäuscht, weil der "Befreiungskrieg" sein eigenes Volk und ihn selbst eben doch nicht befreite. 1831 floh er nach Frankreich, von wo er erst nach 13 Jahren wieder in seine Heimat zurückkehrt.1856 starb er in Paris.

Von Anfang an legt er eine unverwechselbare Schreibe an den Tag: Die Mischung aus Ironie und Ernst, die so genannte "romantische Ironie" entspricht seiner geistreichen Art und Spottlust. In den "Neuen Gedichten", einer Sammlung, in der auch das "Wintermärchen" erschien, wendet er sich seinem Zorn gegen die politischen Verhältnisse mit der vorherrschenden anachronistischen Idee von Kaiser und Reich mit spitzer Zunge zu – und landete mit vielen anderen freien Geistern auf den Zensurlisten des Staates. Bis zum Schluss blieb er der große widersprüchliche Charakter.

Gerade diese Widersprüche, aber eben auch den unbeugsam aufbegehrenden Typus Mensch wollte die Gruppe "RedensArt" präsentieren: Mit einer kurzen Biographie, der Verortung des Lyrikers in seiner Zeit und einem historischen Abriss der Geschichte jener Tage stimmten die Bibliothekarin, der Sonderschullehrer, Schauspieler und Regisseur und der Diplom-Handelslehrer und Schauspieler gemeinsam auf Heine ein. Satz um Satz, Wort um Wort wanderten sie mit ihrem Publikum zurück in eine Zeit, die – noch gar nicht so lange her – doch so unendlich fern erscheinen mag.

Die 27 "Caputs", aus denen das "Wintermärchen" besteht, teilweise gekürzt, zusammengefasst, gepaart, unterbrachen sie mit eingespielten Revolutions- und Freiheitsliedern, sorgsam ausgewählt, die nicht nur die nötige Grundstimmung erhielten, sondern auch manches Schmunzeln über die Pausen zwischen den einzelnen Gedichten hinüberrettet. Dass die Lesung letztlich doch nicht aus einem Guss schien, lag weniger an den Künstlern, als vielmehr am Publikum selbst: Durch ständigen Zwischenapplaus wurde manches Mal die Atmorsphäre von Spannung, aber auch die von Heiterkeit und Häme, tragisch niedergeklatscht.

Ergreifen konnte Heines Lyrik, sein Hoffnungen und Träume, aber auch seine Wut auf die albtraumhafte Realität: "Ein neues Lied, ein bessres Lied, das Miserere ist vorbei" als Wunsch prallt in seinen Zeilen auf das "noch immer" aus Dunkelmännern und heulenden Wölfen - man schlief zwar offensichtlich gut in deutschen Federbetten, aber die Freiheit, die gab es dennoch nur im Traum. Trotzdem schließt Heine fast versöhnlich: "Es wächst heran ein neues Geschlecht, ohne Schminke und alle Sünden" – und es blieb sein Traum, dass Schwarz-Rot-Gold zur "Standarte der Freiheit" gemacht werden würde.

Lebendig und anrührend wurden die Texte letztlich auch durch den Vortrag der drei Rezitatoren, die man mit Fug und Recht als "Künstler" bezeichnen kann. Hillenbrand, zuständig für die schwere, die weise Rede, Riemensperger, dem keck der Schalk im Nacken saß und Büchner, getragen und mit Pathos, bisweilen vielleicht einen Deut zu pathetisch. Die drei präsentierten mit Heine nach Kästner, Goethe und Villon die vierte "RedensArt" Produktion.

Was bleibt, ist ein neuer Blick auf ein großes Stück Literatur. Und eine vage Hoffnung – hat doch "Kulturchef" Lothar Blank versprochen, dass diese besondere Art von kleiner großer Kunst auch zukünftig regelmäßig eine Heimat im "Pumpwerk" finden wird.


Das Schlusswort soll Heine selbst gebühren ("Buch der Lieder"): "Ich bin ein deutscher Dichter, bekannt im deutschen Land; nennt man die besten Namen, so wird auch der meine genannt".