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Erschienen
Hans-Peter Schwöbel als linguistischer Terminator
04/2002
"Was lange währt, wird endlich gut" – wieder einmal hat sich eine uralte Weisheit bewahrheitet, als erst beim dritten Anlauf Mitte März im "Haus der Feuerwehr" die "Luscht am Lewe" ausgebrochen ist. Die brachte in seinem neuen Programm der Sprachschützer Hans-Peter Schwöbel mit, der bereits seit Jahren im Auftrag des Dialekts unterwegs ist, um – gleichsam im Nebenjob zu seiner Professur an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung – als linguistischer Terminator die Auslöschung seiner "Mudderschprooch" zu verhindern. Ein Dialekt, so meint Schwöbel, sei weder ein Sprachfehler, noch eine Bildungslücke, ganz im Gegenteil: Wenn die Hochdeutschen "leicht verwirrt aber schwer bewaffnet mit Hochmut" sich über unseren Slang aufregen, dann müsste man ihnen schon klar machen, dass es keine Leistung sein kann, etwas nicht zu können – "mir kenne unsern Dialekt – un ihr net!"

Das meinten auch die vielen Besucher des zweistündigen Abends durch "Geknotter", "G'schtänker", "Kobbschüttle" und "Noochdenge", die den ursprünglich geplanten "Alten Bahnhof" zu klein werden ließen und einen Umzug zur Feuerwehr notwendig machten. Begeistert, angesteckt von der eigenen Sprache, neu interessiert für die klangliche Vielfalt ("Des Kurpfälzische hot so ä leischdes Schwinge in de Hüfte, etwas bluesiges") und den Spruch auf den Lippen, mit dem Schwöbel den Befreiungskampf für unseren Zungenschlag kämpft: "Mir schwetze breed!"

Aber der Mannheimer Hostienträger im Dienste von Mutter "Sprache" kann nicht nur sein "G’schwetz" in den "Krumbeerebrei" werfen; dazu schnippelt er kleine politische Seitenhiebe, einen ordentlichen Bund frischer Zeitkritik, ein paar Blättchen Aphorismen, das Ganze abgeschmeckt mit Poesie und noch heiß serviert.

Deshalb kann es sein, dass der Mann mit dem breiten Scheitel eben noch über den "Aufsteiger-Kurpfälzer" mit seiner verbogenen, antrainierten Aufsteiger-Sprache ablästert ("Des is fer den so Hochdeutsch, dass er määnt, es wär Englisch"), nur um sich im nächsten Moment gleich dem Anliegen einer weit verbreiteten und wenig beachteten Randgruppe zuzuwenden: "Ich bin ein Pazifist, der gern schießt". Natürlich bekommen vor allem die Politiker ihr Fett weg. Wenn sie jetzt wieder im Wahlkampf sind ("Do kenne die nix – do kenne die jeden!") hilft nur noch ein "finales Rettungslächeln – als wenn isch se wähle würd". Vor allem der Shooting-Star am Polit-Himmel, Hamburgs Innensenator Ronald Schill, und US-Präsident George "Dabblju" Bush hatte er diesmal auf der Abschussliste: Schill sei ja so selbstlos, er "achtet mehr uff die Moral der annere, als uff sei eigeni", Bush dagegen habe nur "Muckies un kee Hirn".
Gegen den Terrorismus helfe ohnedies nur Vorsicht: "Is ihne im letschte halwe Joahr äner uffg'falle, der ihne net uffg'falle is? – Vorsicht, des sin die G'fährlichste!"

Gleich hintendrauf packt er dann wieder ein Gedicht aus eigener oder fremder Feder oder stellt tiefgründig fest: "Einer, der mit Gewalt leicht Geld verdienen wollte, erkannte: Am leichtesten verdient man Geld mit Gewalt".

Gleichzeitig wirft sich der Mannheimer mächtig ins Zeug, um nicht nur seinen Dialekt, sondern auch seine Heimat zu verteidigen. Obwohl er sich schützend vor Bahn-Chef Mehdorn stellen muss, weil "Monn'em liegt am Rhoi – un net an der Bahn". Im Übrigen habe Mehdorn das "Little man syndrom", weshalb man ihm ohnedies alles nachsehen müsse. Keine Ahnung, was das ist? Tja, bei Schwöbel läuft eben alles nach dem Leistungsprinzip "Wer was wees, krigt was". So schmeißt er wie ein Karnevalsprinz "Guuz'l" unter seine weise Zuhörerschaft, der er – sozusagen zur Abrundung – gleich noch die deutsche (= kurpfälzer) Übersetzung für den psychiatrischen Fachausdruck liefert: "Der will mit große Hunde pisse gehe", ist aber nur ein "Zwoggl". Deshalb sei sein Milchkannen-Zitat doch durchaus nachvollziehbar. Sonst würde es doch gleich wieder heißen "Wo geht dann die Milschkann mit dem Zwoggl hi?"

Als er nach mehr als zwei Stunden und einigen Zugaben, die ihm vom begeisterten Auditorium abgepresst wurden, sein "Alla dann!" in Neulußheim erklärte, lag hinter den Besuchern ein reichhaltiges Programm, in dem Schwöbel immer wieder dokumentierte, dass die einfach wirkende, flapsige Art, in der er seine Satiren zu präsentieren gewohnt ist, bei Menschen aller Stilrichtungen große Ankommer beinhaltet. Ob schwarz, rot, grün, bei Schwöbel lachen sie alle, wenn er auf die gesellschaftliche Verantwortung der Raucher im Hinblick auf das Rentensystem hinweist und abschließend feststellt, "Nichtraucher wollen nur auf die billige Tour alt werden".


Von seinen Neulußheimer Zuhörern bekam er aber darüber hinaus noch einen besonderen Dank: Fast beiläufig stellte er fest, seine Frau sei "souverain genug, mich auf die Bühne zu lassen, obwohl ich heute Geburtstag habe".

Na dann: "Herzlische Glückwunsch fers Gebordsdagsbobblsche und fer de Kinschtler".