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Erschienen
Bucht(r)ipp zeigt: Indien gibt es nicht
04/2002
Mit einem unter vielen Gesichtspunkten ungewöhnlichen "Bucht(r)ipp" nach Indien verabschiedete man sich Ende März Neulußheimer "Haus der Feuerwehr" in die literarisch-kulinarische Sommerpause: Anders als bei den bisherigen Ausflügen von Rosa Grünstein, Gerhard Greiner und Josef Diller, bei denen sich der Kulturamtchef Klaus Maier vor Kartenwünschen nicht retten konnte, hat diesmal die Angina-Welle einige Lücken ins Zuschauerfeld gerissen.

Aber der Umstand, dass das Haus der Feuerwehr nicht gänzlich ausverkauft war, ist nur eine der Merkwürdigkeiten, die diesen Buchtr(i)pp so anders haben werden lassen, dass der langjährige Kenner fast geneigt ist zu behaupten, dass es im Grunde gar kein Bucht(r)ipp war: Gehört doch zur Grundidee dieser Veranstaltung die Kombination von Literatur, visuellem Eindruck und kulinarischer Sinnenfreude.

Hardthallen-Chef Peter Kühne fuhr diesmal ein gecurrytes Gulasch auf, landestypische Getränke gab es überhaupt nicht. Die Bilder, die den Subkontinent mit seiner einen Milliarde Einwohnern für das Auge sichtbar in die Gemeinde holen sollte, brachten zwar Eindrücke aus Bombay, Kalkutta, Benares und vom Taj Mahal, eine Sicht auf die zerrissenen Verhältnisse in diesem armen Land, in dem Menschen auf der Straße lebend ihrem Elend nicht entfliehen können, während andere (übrigens mit besonderer Vorliebe Touristen) sich auf Elefanten durch die Gegend kutschieren lassen – eine Gesamtschau oder zumindest auch eine Einsicht war nicht wirklich möglich; vielleicht gibt es die zwischen Mutter Teresa und Hinduismus, Kinderarbeit und heiligen Kühen, Hotelbunkern und Slumbaracken auch nicht.

Bliebe noch die Literatur. Auch da konnte dieser Indien-Abend nur schwerlich mit anderen Ausflügen, die zuletzt nach Russland und Berlin, aber auch schon nach Israel, Portugal oder Ungarn – kurz gesagt: Um die ganze Welt – geführt haben, mithalten. Das mag mit daran gelegen haben, dass Rosa Grünstein bei der Auswahl der Bücher auf den bekanntesten indischen Autor, Salman Rushdie, verzichtet hat; wie man sie kennt sicherlich absichtlich, auch wenn Rushdies neuester Roman "Wut" erst in diesem Jahr bei Kindler erschienen war.

Was alle vier Bücher auszeichnete: Eine wache, fast analytische Wahrnehmung der Umwelt in allen Details, ein sehr in Kleinigkeiten und scheinbare Nebensächlichkeiten verliebter Stil und eine farbenreiche, in Bildern und Gerüchen und Empfindungen schwelgende Sprache und Erzählweise. Ansonsten blieb auch bei der Literatur der rechte "Knaller" aus. Amid Chaudhuris Drei-Romane-Sammlung "Die Melodie der Freiheit" (Karl Blessing Verlag, München), eigentlich recht behäbige, beobachtend-ruhige Literatur, gewann in der nötigen Zusammenfassung fast etwas hektisches. Traf zwar nicht ganz den Stil des Autors, aber den Inhalt dafür umso mehr: Heiraten als Kuhhandel, bei dem die Liebe nicht an eine Person, sondern an "das zweite Mädchen" geht, in der begutachten und begutachtet werden im Zentrum steht, die Hochzeit nur ein "Termin" ist, den man "bucht".

"Auf der Sklavenroute. Meine Reise nach Westindien" (Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg) aus der Feder des in Trinidad geborenen renommierten Reiseschriftstellers und Romanciers Sir Vidiadhar Surajprasad Naipaul, immerhin im vergangenen Jahr ausgezeichnet mit dem Nobelpreis für Literatur, zeichnet die politische und die menschliche Seite der alten Heimat des in England lebenden Autors nach – allerdings in den 1960ern, hat also schon Patina angesetzt, kann aber trotzdem als eine fesselnde Sicht auf das riesige Land gesehen werden; wenngleich er einen durchaus präzisen Blick für die Details mitbringt schaut er aber am Ende wolh doch mit den Augen eines Fremden.

Raj Kamal Jhas "Das blaue Tuch" (Goldmann-Verlag, München) gleicht einer Sammlung von Kurzgeschichten, die kaum einem roten Faden folgen, die aber einer gewissen indischen Tradition folgen: Nicht das Erzählte, sondern das Erzählen selbst steht im Mittelpunkt.

Wie immer der Abschluss von Rosa Grünstein: Mit Sex and Crime entlässt sie regelmäßig die Gäste. Diesmal mehr Crime von Arundhati Roy: "Der Gott der kleinen Dinge" (Karl Blessing Verlag, München) bringt Ehebruch, geschändete Kinder, ein ertrunkenes Mädchen und einen bei einem irrtümlichen Polizeieinsatz zu Tode geprügelten "Unberührbaren" mit sich.

Indische Literatur wird weitgehend für den Weltmarkt produziert – 50% aller Inder sind Analphabeten. Dazu kommt, dass das Land noch heute ganz in seiner kolonialen Vergangenheit gefangen ist. Thematisch, sprachlich, in der Vielfalt der Berufe.


Letztlich, so bleibt vielleicht zu konstatieren, ist Indien, das Land mit dem zwiespältigen Ruf, die größte Demokratie und gleichzeitig die größte Anarchie zu sein, über einen einzigen Bucht(r)ipp eben nicht zu erfassen; wenn man es überhaupt jemals gänzlich fassen kann und sich nicht der Haltung von Salman Rushdie anschließen will: Indien ist ein "Land, das es nie gegeben hat".

Der nächste Bucht(r)ipp führt am 22. November nach Ostpreußen/Pommern.