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Erschienen
Ladies in Gentlemen: Cabaret Chez Nous in Hockenheim
04/2002
Seit 26 Jahren ist das Berliner Travestie-Cabaret "Chez Nous" schon auf Deutschland-Tournee und auch in Hockenheim ist eine feste Station der "Herren Damen". An einem Sonntag Ende März ließen denn auch wieder sechs "Mädels", die mit Fug und Recht behaupten können "Du gehst mir auf den Sack", in der Stadthalle bitten zu einem Abend voll Musik, Tanz und guter Laune.

Es ist allerdings – das mag der Nachteil "alter Traditionen" im Showbiz sein – hierzulande eine gewisse Erosion festzustellen. Jedenfalls waren in Hockenheims Musentempel doch die einen oder anderen Lücken zu entdecken – die dann allerdings im Laufe des Abends von der im eigentlichen Wortsinne "heißen" Stimmung der übrigen Besucher ausgefüllt wurden. Denn was die (Halb-)Männer in Frauenkleidern boten, kann man wirklich nur "aufs allerwärmste" empfehlen.

Da war zunächst einmal Rita Calypso, die diesmal durchs Programm führte: Charmant, aber auch frech und frivol. Sicherlich, "Humor ist immer auch eine Gratwanderung", musste die Heike Makatsch der Travestieszene feststellen - Erzählt sie "normale" Witze, dann sagen die Männer "wie langweilig", erzählt sie aber pikante Humoresken, dann sagen die Frauen "kennen wir schon!" Wie gehabt hatte es die Primadonna der "Fummeltanten" wieder vor allem auf die Männer abgesehen, die ja ohnedies – vor allem in jüngeren Jahren – gewisse Berührungsängste mit dem lasziven Getue der "Ladies in Gentlemen" haben. Manche mühsam aufgebaute Lebenslüge ging mit einem satten "Der Mann glaubt immer, dass er beim Sex die Kanone wäre, trifft aber auf dem Klo nicht einmal das große Loch" unter schallendem Gelächter der "echten" Damenwelt in Scherben. Überhaupt braucht es eine gewisse Abgebrühtheit, um die teils doch reichlich derben Sprüche der Weibsmänner zu schlucken. Unbenommen: Das Cabaret "Chez Nous" gehört auf die Poole-Position in der "Formel 1 der Fummeltanten".

Fummel wäre dann auch gleich das passende Stichwort: Was die gut bestückten Ladies da den Abend über zur Schau tragen ist der helle Wahnsinn. Eine Pailletten-Orgie in allen Farben des Regenbogens, Tüll bis unters Dach - ausgefallen, raffiniert und phantasievoll geschnitten. Ganze Straußenfarmen sind in Nudistenviertel verwandelt, weil Federn in riesigen Büscheln hinter den charmanten Damen einfach aufragen müssen.

Der Reiz der Travestie liegt einerseits natürlich – sozusagen technisch gesprochen – in der ausgefallenen Revue von Musik, Kostümen, Tanz und Bühnenshow. Da wären die heißen Rhythmen der "Nacar"-Show aus Spanien zu nennen, die alle Stilmittel in sich vereinend um verschiedene Versionen des Gloria-Gaynor-Hits "I will survive" kreiste, aber auch die Titel der zwar etwas statisch wirkenden, dafür aber stimmlich um so besser ausgestatteten Gesangs-Attraktion Yvonne Parker oder natürlich die beiden Finale, in denen das ganze Ensemble jeweils einen begeisternden Bühnenzauber abbrannte. Und – ein Pfund, mit dem "Chez Nous" wirklich wuchern kann – der unangefochtene Star der Truppe, Manel Dalgó, der in der Parodie als überdimensionierte Domina ebenso glänzte, wie als Tänzer in unzähligen Verkleidungen: Ein Meister des sekundenschnellen Kostümwechsels, ein Gott der Bewegung - eine Elfe in Stöckelschuhen.

Mehr noch als aus der Revue besteht die Travestie aber aus dem Spiel mit Tabus, aus der Vortäuschung, wenn "die Verpackung verspricht, was der Inhalt nicht hält"; es ist eine einzige, ständig im Raum hängende Frage, weshalb die Luft so flirrt: "Ob Mann oder Frau – wer weiß das so genau?" Zumal der ehrliche Mann zugeben muss, dass er die ein oder andere der maskulinen Mädchen direkt auf der Straße anmachen würde. Wenn... Ja, wenn man sich nicht schon seit dem Kartenkauf immer wieder einbleuen würde: Es sind keine "echten" Frauen.

Echte Showtalente sind es, letztlich mag es das sein, was zählt. Tolle Sänger, hervorragende Tänzer, bemerkenswerte Komödianten und – letztlich eben doch – schöne Frauen.


Kein Wunder also, dass mancher Herzschrittmacher im hohen Hause zum Glühen gebracht ward, als die Truppe sich nach Köln und Essen verabschiedete, wo sie bis Mitte des Jahres jeweils längere Gastspiele hat. Hockenheim ist zur unzweifelhaften Ehre gekommen, der Abschluss der diesjährigen Tournee zu sein; was die Damen mitgenommen haben war herzlicher, ehrlich gemeinter Applaus. Was sie gebracht haben, war mehr als eine Melodie an einem Abend: "Das ist der Frühling in Berlin".