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Erschienen
Otti Fischer for Bundeskanzler!
04/2002
"Die ganze Welt ist eine Bühne, und wir sind die Schauspieler" - ein alter Klassiker wird wieder hochaktuell: Nach einem Gastspiel der Laienspielschar "Politische Brett'lhupfer" mit der Schmierenkommödie "Wer hat Angst vorm Wähler, Mann?!" im Deutschen Bundesrat.

Was war geschehen? Ganz offenbar war man sich über den Ausgang des inszenierten Stückes, in dem die Materie der Integration fremdländischer Zuwanderer in die Bundesrepublik auf eine avantgardistisch-technokratische Art und Weise verarbeitet und in einem orgiastischen Heben von Händen kulmulierend verabschiedet werden sollte, nicht ganz einig gewesen - Intendant Gerhard Schröder, in letzter Zeit wegen der maroden Finanzen seines Schauspielhauses etwas unter Druck geraten, wollte mit frisch gebügeltem Hemd und sauberem Kragen aus der ganzen Chose herauskommen und ließ deshalb seinen Bühnenmeister Klaus Wowereit (wegen der klammen Kasse des Theaters verdingt der sich im Nebenjob als Berline Regierender Bürgermeister) am entscheidenden Schräubchen drehen. Dagegen hatte allerdings Edmund "Edi" Stoiber etwas. Der aus dem tiefen Süden eingeflogene Charakterdarsteller wäre zu einer anderen Zeit zweifelsohne König von Bayern geworden, aber - o tempores o mores - heute hat es nur zum Second-Hand-Ludwig aus der bajuwarischen Provinz gereicht. Also funktionierte die Truppe um Stoiber das Stück kurzerhand und eigenmächtig in ein Drama um. Die Besetzung war perfekt: "Rolli" Koch als zänkisches Waschweib mit vergleichsweise einfachem Text ("Das geht so nicht!"), Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel gut vorbereitet und mit dem gewohnten Pathos (wer wird sich nicht mit einer Gänsehaut auf dem Rücken an Zeiten zurückerinnern, als er die Bühne im Rheinland-Pfälzischen Landtag mit seinem inzwischen legendären "Gott schütze Rheinland-Pfalz" verlassen hat), das in letzter Zeit eher auf Provinzpossen eingespielte Fraktionskasperle Friedrich Merz in hysterischem Aufruhr. Edi selbst hielt sich - wie dereinsten schon Intendant Schröder - im Hintergrund und ließ seine Vasallen machen.

Es ging natürlich aus, wie es ausgehen musste: Das Hornberger Schießen, so flüstern sich mit der Materie vertraute Kreise gegenseitig zu, war ein Beispiel an Präzision im Vergleich zum Gestümpere unserer Volksverdreher in Berliner Gefilden.

Alles Gezeter, alles Geschrei und alle große Geste - jetzt geben sie es endlich zu, unsere staatlich subventionierten "Wir sind das Volk"-Volksvertreter: Was in Berlin abläuft, das ist nur Theater - "aber es ist legitimes Theater", so der saarländische Ministerpräsident Peter Müller zum Eklat im Bundesrat.

Immerhin haben die "Mädels und Buben" in der ersten Reihe unseres Staates, wie Alt-Kanzler Helmut Kohl "seine" politischen Kinderchen immer gerne nannte, es wieder einmal zusammen verbockt. Kanzler Schröder hat Brandenburgs SED... pardon... SPD-Chef die klägliche Rolle des Koalitionsbrechers und Gottes von Brandenburg zugedacht. Er hat ihn zur allein entscheidenden Instanz seines Landes erhoben. Damit hat er gleichzeitig Klaus "Ich bin schwul - und das ist gut so!" Wowereit das Pöstchen als nationaler Buhmann gesichert: Nur der konnte - als turnusgemäßer Bundesratspräsident - die Stimmen Brandenburgs so lange abfragen, bis endlich das vom Präsidentensessel (oder das vom Kanzleramt) gewünschte Ergebnis festgestellt werden konnte. Was dann aber - bei näherer Betrachtung - nicht wirklich hätte festgestellt werden dürfen.

Wir haben seinerzeitig gelernt, bei der Auslegung eines Gesetzes habe man nach dem Wortlaut, aber eben auch nach dem Willen des (historischen) Gesetzgebers, sowie nach der Verfassungskonformität zu fragen. Dass Artikel 51 des Grundgesetzes gegen sonstige Grundgesetze verstoßen würde, hat eigentlich niemand behauptet. Aber es steht dort recht eindeutig "die Stimmen eines Landes können nur einheitlich (...) abgegeben werden". Man mag Stolpe und Schönbohm noch nachsehen, dass sie beide es nicht begriffen haben, was einheitlich meint - schließlich haben sie wie kaum eine andere Landesregierung die ganz besondere Ausprägung der Deutschen EINHEIT vor Augen, wo auch jeder Ossi "Hü" und jeder Wessi "Hott" sagt. Aber der ehrenwerte Herr Präsident hätte es besser wissen müssen...

Soweit zur SPD. Keine Frage, es war nicht korrekt, es war nicht die feine Art und es war - da kann der gute Herr Fraktionsvorsitzende in sein dummes Gewäsch gegen die Opposition durchaus auch die eigene Riege einbeziehen - reiner Wahlkampf.

Aber - und da reibt sich der Klamaukbruder wieder alle Hände - die CDU hat in die gleiche Schüssel, aus der ihr die SPD kotbeschmiert schon entgegenblickte, direkt mit beiden Oberarmen eintauchen wollen, ist dann abgerutscht und hat jetzt(wir danken dem guten Fredl Fesl für diesen höchst trefflichen Ausdruck) "es ganze Gsicht voller Schiss - holdio!"
Da schreit die Partei, die ihr Grundgesetz sicherlich im schwarzen Koffer mit aufbewahrt, die Verfassungskrise herbei, da wird dem Bundespräsidenten, immerhin dem höchsten aller Deutschen (und dem heiligsten obendrein) flugs die Pistole auf die Brust gesetzt und zur Not wird schonmal das Verfassungsgericht darauf vorbereitet, dass es wohl auch bald "den Riemen draufschmeißen" darf, sollte Rau seinen Johannes doch noch unter das Gesetz machen.

Für uns hat es einen schönen Vorteil: Dadurch, dass sich die Politik höchstselbst zur Theater-Klitsche erklärt hat, ist sie der gnadenlosen Kritik der Kulturpresse nun endlich auch ganz zu recht ausgeliefert. Und wir, die wir immer nur an die Zuschauer denken, halten von Mimen, die uns aus der Toilette heraus anschauen, überhaupt nichts. Vor allem, wenn wir des drohenden Unheils Schluss betrachten. Nachdem in der Politik schon zwei Staatsorgane ihre schauspielerischen Ambitionen unterstrichen haben, kann man es abwarten, bis Johannes Rau - wahrscheinlich als King Lear, aber mit den Ambitionen, Klaus Kinsky an ordinärem Gehabe zu übertreffen - splitternackt mit der Präsidentin des Verfassungsgerichtes wilde Orgien auf offener Bühne präsentiert und dabei "Rettet die Seekuh" ins Auditorium brüllt.

Aber wenn wir uns schon Schauspieler statt Politiker leisten wollen, dann doch gescheite Besetzungen: Gerhard Schröder darf gerne den nächsten Beißer im "Bond" spielen, aber ins Kanzleramt wollen wir dann auch den smarten Bruce Willis - da geht endlich einmal die Action ab und der Reformstau wird einfach weggeballert. Oppositionschef wird Arni Schwarzenegger - die Inhalte bleiben dann zwar gleich karg, aber dafür geht sicher manch flammendes Sperrfeuer auf die Regierungsbank nieder. Fürs Verfassungsgericht kann es nur einen geben, der gleichzeitig auch den guten Draht nach oben sichern kann: Günther Strack muss aus Verantwortung für seine Deutschen wieder auferstehen und "mit Leib und Seele" aus jedem Verfassungsstreit einen "Fall für Zwei" machen. Erich Böhme wird Bundestagspräsident und Inge Meysel darf Alterspräsidentin werden. Da wir mit bayrischem Charme in der Spitze schon Erfolge feiern konnten wird Otti Fischer der neue Präsident. Dann hätten wir eine Truppe zusammen, die zwar - wie die amtierende auch - nichts von Politik versteht, die aber in jedem Falle eine bessere Nummer machen würde, als unsere derzeitige Polit-Mafia in roten, schwarzen, gelben oder grünen Kostümen.

Wollen wir uns das leisten, derartigen Schund weiterhin teuer zu bezahlen? Bevor wir uns am Ende auch noch Jutta Limbach in - roten - Strapsen anschauen müssen, gehen wir an diese Stelle lieber ganz galant zur Brille, zwinkern den Nieten in Berlin noch einmal zu, und - spülen gründlich runter!