2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Erschienen
Die Kunst, die Zeit anzuhalten: Maria Palatine im Hockenheimer "Pumpwerk"
05/2002
Dans le dernier angle de mon âme – bis in den hintersten Winkel meiner Seele, so könnte man in Anspielung auf die vorletzte CD der Harfenistin und Komponistin Maria Palatine alias Maria Kern "A l'angle de ma vie" kurz ihr Konzert, das Mitte April im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" stattfand, umschreiben.

Die Künstlerin hat erst vor Kurzem ihren Namen gewechselt, wie sie selbst nicht ganz ohne Stolz zugibt, als Hommage an ihre Heimat, die Pfalz – die in Kaiserslautern geborene Musikerin hat zwar auch russische Vorfahren und auch etwas französisches Blut, aber sie ist eine Palatine, eine Pfälzerin.

So gemischt wie ihr Blut war auch ihr Programm, mit dem sie seit März auf Tour ist: Sie kann sich gemeinsam mit ihren gebannt lauschenden Zuhörern verlieren in einem wahren Nebel an Klängen, die allesamt auf eine subtile Art und Weise die Gefühle ansprechen, emotional fesseln, nicht mehr loslassen, bevor nach dem letzten Akkord und einer unendlichen Stille der Applaus fast wie eine Erlösung aus der Zeit des Vergessens herausreißt in die Wirklichkeit. Sie kann aber auch mit ihrer Baby-Harfe Galina über die Bühne hüpfen oder sich in experimentellen, allein noch aus bizarren Klang-Bauten bestehenden Exzessen verlieren. Dahin, das liegt auf der Hand, vermag ihr nun nicht mehr jeder Zuhörer zu folgen.

Was sie aber perfekt beherrscht und wofür sie neben ihrer unmenschlich erscheinenden Fülle an musikalischen Ideen am meisten geliebt wird: Maria Palatine versteht die Kunst, die Zeit anzuhalten.
Es sind ätherische Klangwogen, auf denen der Zuhörer davongetragen wird, es sind Schwingen reinster Musik, die ihn - "fly, my baby fly so high" - weit hinaustragen in eine Welt, die es vielleicht gar nicht geben mag, wo sich aber "Black Mountains" und Himmel in das verführerische Licht von "le feu" (Feuer) gehüllt berühren.

Für diese sphärische, bisweilen auch etwas esoterisch anmutende Musik hat sie vier unabdingbare Ingredienzien, die zu mischen aber nur ihrer Hand so recht gelingen mag: Abenteuerlustige, phantasievolle und wenn nötig auch sehr verhaltene Percussions, mit viel Fingerspitzengefühl eingesetzt von Bodek Janke; träumerische, warme Saxophon-Klänge, die Michael Zolg nicht spielt, sondern denen er den Odem einhaucht; dann den mal lockenden, mal drängenden Klang der Harfe, die in ihrer ganzen Vielfalt vorgeführt wird und der die Unschuld des "braven" Konzertinstruments auf eine faszinierend heitere Art geraubt wird. Ohne Zweifel aber die Mistel im Zaubertrank: Maria Palatines Stimme, rein und zart, natürlich und mit elfenhafter Leichtigkeit. Schwebend, zart lockend, hüllt diese Stimme ein, wie ein feiner Faden zieht sie sich durch ihre Kompositionen und gibt ihnen damit ihren tieferen Geist.

Palatines Grundstimmung hat in diesem Programm – von wenigen betont experimentellen Titeln abgesehen – immer etwas sehr traditionell-liedhaftes, eine ganz eigene Art, mit Folk spielerisch umzugehen und dadurch ganz außergewöhnliche Kontraste zu schaffen.

Es ist Musik fürs Herz, die dazu einlädt, mitzuträumen. Die traurigen Wahrheiten blendet sie weitgehend aus, wenngleich sie sie in ihrem Titel "Refugee" (auch erschienen als Maxi-CD) das Flüchtlings-Elend anspricht, sie hüllt sie doch immer in einen weichen Schleier der Unschuld.

Das Programm reiht sich ein in bisher acht CD-Produktionen, zahlreiche Auftragskompositionen und viel gefeierte Einzelkonzerte (in Hockenheim war sie bereits Mitte 2000 mit ihrem Projekt "Der Klang von Licht und Glas" zu hören).


Mit ihnen hat Maria Palatine Themen angeschnitten, die sich nicht mit Monumentalmusik ermessen lassen – und das will sie auch gar nicht. Sie will die Gedanken ihrer Zuhörer eher focussieren als mit martialischem Getue beeindrucken, sie will die Herzen fesseln, nicht den Verstand.

Und sie bedient sich dabei einer großartigen Kunst: Auch in schnelllebigen Tagen wie den unseren, die Zeit anzuhalten.

Weitere Informationen im Internet: http://members.aol.com/kern2001.