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Erschienen
Leberkäsium und Neues aus dem Weilertal bei der Nacht der Lieder in Hockenheim
05/2002
Zum vierten Mal startete Ende April im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" die "Nacht der Lieder". Mit dieser Veranstaltung, einstens zusammen mit der Mannheimer Chanson-Queen Joana aus der Taufe gehoben, um die Freundschaft zum Nachbarn Frankreich auch kulturell zu intensivieren, um die Mundart der Kurpfalz und des Elsass in einem familiären Rahmen zu pflegen und so die besondere Nähe, die zwischen unserer Region und den westlichsten Franzosen besteht, immer wieder erfahrbar zu machen, hatte man in Hockenheim einen echten Publikumsmagneten geschaffen. Kein Wunder also, dass auch am vergangenen Samstag im "Pumpwerk" das Publikum gespannt auf den Abend voller Lieder wartete, wenngleich man krankheitsbedingt erstmals auf Joana verzichten musste.

Aber in ihre und in die Fußstapfen von Publikumslieblingen wie René Egles, Harald Hurst und Marcel Adam traten Künstler, denen diese Spuren nicht zu groß waren: Der aus Mannheim stammende heutige Wahl-Odenwälder Gitarren-Virtuose Adax Dörsam, der 2000 mit Joana die "Nacht der Lieder" bestritt, war eingesprungen und hat auf seine etwas träumerische Art durch das Programm geführt, mit Geschichten aus seinem Musiker-Leben (in dem er als Studio-Musiker mit Größen wie Toni Marschall, Rolf Zuckowsky und Manuela zusammen produzierte) unterhalten und mit seinem unglaublichen Fingerspitzengefühl musikalische Blumen zum blühen gebracht – in bunten Farben, mal prächtige Blüten treibend, mal wie ein Kaktus verschlossen und spitz.

Immer nur Kaktus, immer mit einem extrem stechenden Humor, aber innen angefüllt mit einem Leben spendenden Saft auch in der ausgedörrten Wüstenei unserer Zeit, der schwäbische Song-Poet Thomas Felder, der angetreten war, um das Publikum "mit einer schwäbischen Nationalkrankheit bekannt zu machen". So jaulte der Sänger wie die Drehleier, produzierte sphärische Klanggewitter am Klavier und ließ die Posaune heulen wie die Wale. Nur um zwischendurch spitz zu fragen "Warum siehts in onserm Rathaus älleweil so g’schleckt und sauber aus?" und sich selbst gleich mit der entsprechenden Parole zu kontern "Pass auf, dass du kein Putzlombä wirsch, sonscht wische se mit dir de Mischt vom Disch". Er ist der musikalische Anti-Politiker, der Freidenker, offen in seinen Ansichten und offen in seinen Stilmitteln. Der einzige Mensch, der die Welt im Leberkäs erklären kann: "Enthält weder Leber noch Käs, aber seit 1986 weiß man, dass Cäsium, oder auch Leberkäsium...". Frenetischer Jubel begleitete den grauen Mann mit dem bübischen Grinsen durch seine Auftritte, doch allzu ausgelassener Heiterkeit machte er schnell selbst den Gar aus: Immer wieder würden die Menschen glauben, was er mache, sei "ä lustiges Lied’l, ä netti kloini G’schicht – da deuscht du dich!"

Was Thomas Felder nicht im Gepäck hatte, lieferte der Elsässer Liedermacher Roger Siffer nach: Kleine Humoresken aus seiner Heimat, die "mit dem Arsch zwischen zwei Stühlen" sitzen und deshalb immer mal wieder runterfallen würde. Der bärige Typ kommt aus dem Weilertal – und alles Schöne, so ließ er wissen, komme von dort. Charmant brach er mehr als eine Lanze für seine Sprache, die ohne Zweifel die schönste "von der gonze Welt" sei – auch wenn in ihr alle Franzosen "Hasen" und alle Deutschen "Schwobe" heißen. In seinen Liedern - bis auf wenige Ausnahmen verdingt Siffer sich im Boogie – lässt er sie auferstehen, die neue Nationalsprache Europas, wenn er glatte, lustige Geschichten erzählt, den "Hons vom Schnoogeloch" herzitiert oder die kleine Jungfer postulieren lässt "Mamme ich will ä Ding". Kritische Töne sucht man bei dem grauen Vollbart vergeblich – dafür bekommt man eine bisweilen etwas derbe, immer aber sehr mitreißende Einführung in eine ganz besonders selbstbewusste Gattung Mensch: Er "lacht die Franzosen aus – das ist ja normal. Lacht die Schwobe aus – das ist Pflicht!"

Im Schlepptau hatte Roger Siffer den französischen Chart-Breaker und Vollblut-Pianisten Cookie Dingler, der mit seiner augenzwinkernd emanzipierten Ballade "Femme liberée" die Hitlisten seines Landes stürmte und mehr als eine Million Platten dieses Titels verkauft hat. Auch Cookie bekam sein Solo und präsentierte eine zärtliche Verbeugung vor der großen Greta Garbo.


Nach rund dreistündigem Programm war im Pumpwerk die Stimmung am Kochen. Gemeinsam, mit den Künstlern verabschiedete sich das Publikum gleichsam gegenseitig mit einem sehr emotionalen, sehr freundschaftlichen, sehr brüderlichen "Die Gedanken sind frei".
Jusque prochaine nuit des chansons - bis zur nächsten Nacht der Lieder!