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Erschienen
Heute Sachsen-Anhalt, morgen die ganze Welt!
05/2002
"Sagen Sie mal, Sie kennen sich doch mit Politik aus ..." - schon die Ansprache, die der Mittdreißiger aus der Nachbarschaft in der vergangenen Woche wählte, um beim Metzger, dem Hort allen Infotainments, eine politische Diskussion vom Zaun zu brechen, hatte eigentlich zur Vorsicht gemahnt. Am Ende des mit einem lapidaren "Ist eigentlich jetzt Wahlkampf oder nicht?" eingeleiteten Diskurses hatte sich die keifende Mutter (das Zweijährige im Buggy mümmelte nebenher an der berühmten "Mag er einen Zipfel Wurst"-Wurst) mit der aus dem Südiran stammenden aber akzentfrei Deutsch sprechenden Putzfrau in den Haaren, die Gattin des Fleischers redete lautstark auf den Juristen ein, der dem ganzen mit kritischer Mine folgte, dabei aber nie den zum Schächten zertifizierten Fleischer aus den Augen ließ, der im Eifer der Debatte zu seinem Beil gegriffen hatte, das er jetzt immer wieder mit einer gewissen subtilen unterschwelligen Aggression auf das schon völlig zerfledderte Kotelett krachen ließ.

Die Szenerie erinnerte etwas an diese blutrünstigen Anti-Kriegs-Filme aus den späten Achtzigern, in denen der moralische Zeigefinger gerne auch mal einfach aus Prinzip erhoben wurde, um ihn - nicht ohne dieses erregte Flackern in den Augen - in die frischen Wunden des durchsiebten Seals zu stecken. Aber richtig, es gab da ja eine Frage.

Tatsächlich ist man sich inzwischen nicht mehr ganz sicher, ob die Bundestagswahlen am 22. September überhaupt stattfinden werden. Der Bundeswahlleiter hat zwar noch nichts anderes verlautbaren lassen, aber wenn man sich anschaut, was die Parteien derzeit treiben, könnte man durchaus meinen, es wären noch Jahre hin bis zum Urnengang. Das liegt wohl am Ausgang der letzten Abstimmung in Sachsen-Anhalt.

Für die SPD hatte zwar Franz "Münti" Müntefering angekündigt, dass man jetzt im Wahlkampf etwas bissiger werden und einen Gang hochschalten müsse, passiert ist seitdem aber null Komma nix. Kein Wunder, wenn die Sozis auch die ganze Zeit damit beschäftigt sind, Verteidigungsminister Scharping (den Stecher von Berlin) aus dem Schussfeld zu bringen. Erst hemmungslosen Sex mit der Gräfin und jetzt wilde Zusagen an Industrie und Drittstaaten in Sachen Militärflugzeuge - Schröder verbeißt sich wütend in seine Zigarre und da aus den Roten längst "Schröders Partei Deutschlands" geworden ist, herrscht erst mal Funkstille.

Die große Chance für die Opposition, dürfte man annehmen. Was aber, wenn es gar keine Opposition gibt. Theoretisch gesprochen wäre damit derzeit ja eigentlich und unter Abwägung der Gegebenheiten nach den guten Sitten und so weiter die CDU/CSU gemeint. Jedoch auch Stoibers Königsmacher üben sich in der inzwischen liebsten Tradition deutscher Politik: Großes Schweigen im Walde zu drei Stimmen (Stoiber blubbert leise vor sich hin, Merz keift im Stillen und Merkel hält ganz den Rand). Aber - das muss man den Schwarzen zugestehen - mit anderem Hintergrund: Für die Partei der Spendenaffären ist die Wahl nämlich längst gelaufen: "Sachsen-Anhalt war der große Stimmungstest für die Bundestagswahl", verkünden die Schwestern und Brüder unter dem großen "C" stolz.

Also "heute Sachsen-Anhalt" heißt "morgen die ganze Welt" oder wie?! Versonnen blättert der Laie in der Bildzeitung und der Fachmann im Grundgesetz und fragt sich: Bestimmen jetzt die Ossis allein, wer in den Bundestag kommt? - "Billiger wärs", meint kurz angebunden der Jurist, während er seinen Fleischkäse in seinem Aktenkoffer verstaut: "War würd das Geld sparen, wenn eine Wahl gleich den Bundestag, die Länderparlamente und die Sitzverteilung in den Rathäusern bestimmen würde!" Typisch Wessidenken - nur auf die Kohle schielen, dann aber nichts bis zu Ende bringen - man könnte doch prima auch noch die Mandate in den Landesmedienanstalten, im Bundesverfassungsgericht und im örtlichen Schützenverein so vergeben.

"Im Grunde wär ich ganz froh, wenn der Wahlkampf ausfallen würde", so werfen wir unbedaft in die Diskussion ein, um zu einem Ende (und endlich zu unserem Kotelett - also jetzt Hackfleisch) zu kommen, "ich weiß vorher nicht, wen ich wählen soll und hinterher habe ich zwar hundert Kulis, drei Flaschenöffner und mindestens sieben Einkaufswagen-Chips-Schlüsselanhänger mehr, aber immer noch bessere Meinung von denen in Berlin. Wir sind denen doch eh wurscht!"
Es ist gespenstisch, aber plötzlich hört das Hacken des Fleischers auf, die Mutter blinzelt aus den zwischenzeitlich vom Schreien etwas hervorgequollenen Augen und selbst ihr Kind ist derart still, dass Mama erst mal schauen muss, ob es nicht am Wienerle im Naturdarm erstickt ist. Ein einziges Wort macht uns die unbegreifliche Sinnlosigkeit unserer ganzen Diskussion deutlich und führt uns auf das Grundmenschliche zurück, weshalb wir uns überhaupt in diesem Tempel kulinarischer Fleischlichkeiten verlustieren - "Darf es für 15 Cent mehr Mett sein?" fragt der Metzger freundlich und reicht uns unsere Tüte über den Tresen.