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Adelheid Dahiméne, Heide Stöllinger
Erschienen
Esel
05/2002
Niederösterreichisches Pressehaus Druck- und Verlagsgesellschaft mbH, St. Pölten
32 Seiten / € 14,90
Zwei Esel haben sich in jungen Jahren auf den ersten Schrei ineinander verliebt und seitdem so manche Eselei miteinander begangen.

Ihr halbes Leben sind die beiden nun schon zusammen, und am nächsten Tag wollen sie ihre Silberhochzeit feiern. Dem steht nur eines im Wege: Der alte Esel ist manchmal schon etwas vergesslich und es besteht die Gefahr, dass er sich nicht an den großen Tag erinnert. Aber da lässt sich die Eselin eine neue Eselei einfallen: Sie knickt einfach das Ohr ihres Eselgatten um, so wie sich ein anderer vielleicht ein Knoten ins Taschentuch machen würde.

Das führt zu einer ungeahnten Krise: Die Ohrspitze verschließt den Gehörgang des Esels, so dass dieser nichts mehr hören kann. Daraufhin verschläft er den Weckruf des Hahns und anschließend in seligem Schlummer den ganzen wichtigen Freudentag. Das macht die Eselin unglaublich zornig, und wutschnaubend bläst sie die Silberhochzeit ab. Der wieder erwachte Esel reagiert ebenfalls gekränkt und so bricht ein bitterböser Streit zwischen beiden aus.

Die Trennung folgt auf dem Fuße. Beide machen sich auf, einen neuen Partner für sich zu finden – das kann schließlich so schwer nicht sein. Beide laufen sie in dieselbe Richtung, und beide machen sie unterwegs die gleiche Erfahrung: Es ist gar nicht so leicht, einen langjährigen Vertrauten einfach zu ersetzen. Die enge Bindung der beiden hat nämlich Spuren an ihren Körpern hinterlassen: Die Eselin hat von den vielen Umhalsungen eine Einbuchtung am Hals, der Esel an derselben Stelle eine Beule. Und es stellt sich heraus, dass sich niemand finden lässt, der diese Merkmale auch aufweist. Was bleibt den beiden Sturköpfen am Ende nur übrig? Es doch noch einmal miteinander zu versuchen. Und siehe da: Die beiden Esel passen so gut zueinander wie eh und je. Nur ein kleiner Spalt zwischen den beiden Körpern zeigt an, dass der Streit seine Spuren hinterlassen hat...

Mit aussagestarken und genau auf den Text des Bilderbuches abgestimmten Illustrationen untermalt Heide Stöllinger die Geschichte der beiden zerstrittenen Esel. Da erkennt man die Gefühlsregungen der beiden Streithähne besser, als sie sich in Worte kleiden lassen. Und wenn die Eselin mit hocherhobenem Kopf und trotzig vorgeschobener Unterlippe davonstürmt, um sich einen "schlaueren" Lebensgefährten zu suchen, kann man sich ein Schmunzeln nur schwer verkneifen.

Ein außergewöhnliches Bilderbuch, zu dessen Charme auch die handgeschriebenen Texte auf gerissenen weißen Papierstreifen beitragen. Hier wird die nur allzu vertraute Geschichte von Streit und Auseinandersetzung auf eine ungewöhnliche und dennoch unterhaltsame Art erzählt. Die Bilder rücken die Hauptpersonen ganz in den Mittelpunkt, ein Hintergrund wird höchstens angedeutet und auch die schlichte Farbgebung beschränkt sich auf wenige Naturtöne. So kommen die "Gesichter" und die Körpersprache der Tiere ganz besonders zur Geltung – und die Parallelen zum eigenen Verhalten werden unübersehbar.


"Ein Bilderbuch für jedes Alter" – so beschreibt der Verlag dieses Werk. Und das ist auch grundsätzlich richtig. Allerdings spricht die Geschichte sowohl von der Thematik her als auch von den in Braun- und Grautönen gehaltenen Bildern eher Erwachsene an – und da stellt sich wieder einmal die Frage, inwiefern dem Kindergarten Entwachsene sich Bilderbücher kaufen. Wer sich aber noch für schöne Geschichten und Bilder begeistern kann, wird an diesem Buch seine Freude haben. Es lohnt sich! Denn wem ist das Streiten und wieder Versöhnen, das Zueinanderpassen und Sich-Vertraut-Fühlen nicht bekannt?

Eben eine Geschichte für jedes Eselspaar.