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Martin Suter
Erschienen
Ein perfekter Freund
05/2002
Diogenes Verlag AG, Zürich
325 Seiten / € 19,90
Erwachen, orientierungslos. Nicht wissen wo. Nicht wissen wann. Nicht wissen, was passiert ist. Langsam begreifen, dass der eigene Kopf in einem großen Verband steckt. Aber absolut keine Ahnung haben, wie es dazu gekommen ist.

Erst nach und nach erfährt Fabio, was geschehen sein muss. Er liegt mit einer Schädelverletzung im Krankenhaus, wurde drei Tage lang in ein künstliches Koma versetzt. Er leidet unter einer posttraumatischen Amnesie, kann sich an einen Zeitraum von fünfzig Tagen nicht mehr erinnern. Fünfzig Tage seines Lebens sind einfach ausgelöscht. Und niemand kann ihm sagen, wie es zu seiner Kopfverletzung gekommen ist. Man geht von einem Überfall aus, doch die Gegend, in der er gefunden wurde, ist ihm nicht vertraut. Was ist geschehen?

Fabio beschließt, die Lücke in seinem Gedächtnis mit Informationen von außen zu schließen. Doch das ist gar nicht so einfach. Niemand scheint etwas Erhellendes zu wissen. Und die, die etwas wissen müssten, wollen nicht reden. Beim Nachforschen über seine eigene Vergangenheit stößt er auf seltsame Widersprüche und Merkwürdigkeiten. Da ist zunächst die Sache mit seiner langjährigen Freundin Norina: Sie will nicht mehr mit ihm reden, hat ihn auch im Krankenhaus kein einziges Mal besucht. Wie er erfährt, hat er sie wegen einer anderen verlassen. Die andere heißt Marlen und ist rührend um ihn besorgt. Er kann sich nur nicht daran erinnern, sie jemals zuvor gesehen zu haben. Außerdem kann er sich beim besten Willen nicht erklären, dass er für sie Norina verlassen haben soll. Trotz ihres vielversprechenden Körpers fühlt er sich von ihr eher genervt. Um so mehr vermisst er dafür Norina.

Dann lässt ihn das merkwürdige Verschwinden seiner persönlichen Daten stutzig werden. Fabio ist Journalist und sichert seine Termine immer doppelt ab; doch jetzt ist sowohl sein Terminkalender auf dem PC als auch der im Taschencomputer nicht vollständig, die Termine hören ab einem bestimmten Datum einfach auf. Was ist in dem betreffenden Zeitraum geschehen und wer hat die Daten gelöscht? In der Redaktion wird gemunkelt, Fabio sei auf eine ganz große Story gestoßen – worum es sich handelt, weiß aber niemand. Hängt sein Unfall etwa damit zusammen, dass er etwas entdeckt hat, was die Öffentlichkeit nicht erfahren sollte?

Aber wie passt seine persönliche Veränderung zu dieser Vermutung? Ganz offensichtlich hat er Norina dadurch so sehr verärgert, dass sie jede Art von Kontakt vermeidet. Fabio findet heraus, dass er in den letzten Wochen vor seinem Unfall fast alle alten Gewohnheiten über den Haufen geworfen hat. Er hat angefangen zu rauchen, hat seinen Arbeitsplatz beim SONNTAG MORGEN gekündigt, hat sich in In-Kneipen herumgetrieben und neue Bekanntschaften gepflegt, hat seine Essgewohnheiten geändert und anscheinend sogar ein neues Leibgericht entdeckt – eines, das er früher nur mit Widerwillen angerührt hätte. Das erklärt Norinas abweisendes Verhalten, bringt aber keinerlei Erkenntnis bezüglich der Ursachen. Steckte er in einer Midlife-crisis, oder was sonst könnte eine solch kurzfristige und radikale Verhaltensänderung bewirken?

Schließlich die Hauptfrage, die immer dringlicher zu werden scheint: Was hat sein bester Freund mit alledem zu tun? Lucas ist ein loyaler und fairer Bewunderer von Fabio. Nie würde er ihm in den Rücken fallen. Trotzdem stellt sich nach und nach heraus, dass er mehr weiß, als er zugibt. Warum benimmt er sich so merkwürdig? Er scheint der einzige Nutznießer von Fabios Blackout. Er enthält Fabio ganz klar Informationen vor. Nimmt bei der Zeitung plötzlich eine wichtige Stellung ein. Scheint zu wissen, worum es bei der großen Story geht. Hat er nur im Nachhinein seine große Chance gewittert oder hat er bei dem „Unfall“ aktiv mitgewirkt? Fabio wird den Verdacht nicht los, dass sein ehemals bester Freund Lucas in der ganzen Sache der entscheidende Drahtzieher ist.

Die Spannung, schon in der ungewöhnlichen Ausgangssituation angelegt, steigert sich im Verlauf des Romans mit jeder Verwicklung und unvorhergesehenen Wendung. Irgendwann vermutet man langsam, wie es zu jenem denkwürdigen "Unfall" gekommen ist; erahnt die Dimensionen des Skandals, der dahintersteht. Hier eine Bestätigung der schlimmsten Befürchtungen, da ein weiterer Hinweis, der keine andere Deutung erlaubt. Doch man weiß noch lange nicht alles...

Das angsterregende Gefühl des Nicht-Wissens und der Manipulierbarkeit vom Anfang weichen bald einer entsetzlichen Ahnung. Wenn man endlich weiß, was man unbedingt wissen wollte, was tut man dann damit, wenn dieses Wissen zur Bedrohung wird?

Dem Autor gelingt es, mehr vorzulegen als einen fesselnden Krimi mit einem überraschendem Ende. Neben der hochbrisanten Thematik, die durch ihre Aktualität beklemmend realistisch wirkt, steht – wie schon im Titel anklingt – die Freundschaft zwischen Fabio und Lucas im Mittelpunkt. Man ist versucht, den althergebrachten Freundschaftsbegriff in Frage zu stellen – wo haben denn schließlich in unseren Zeiten noch Treue, unbedingte Loyalität und gegenseitiger Verantwortung ihren Platz? Schließlich geht es um Geld, Einfluss und eine Frau!

Nicht zuletzt wird man beim Lesen Zeuge dessen, wie Fabio sich seiner Vergangenheit stellen muss. Martin Suter zeigt geschickt, dass es manchmal ein Geschenk sein kann, etwas über sich zu vergessen. Zumindest eröffnet es die Möglichkeit, sich selbst als Außenstehender zu betrachten. Und es erlaubt Neuanfänge. Aber dennoch gelingt das wirkliche Verständnis für die Situation erst durch die Auseinandersetzung mit sich selbst.

Das Reizvolle dieses Romans liegt darin, dass der Leser genauso viel – besser gesagt: genauso wenig – über die unmittelbare Vergangenheit Fabios weiß wie dieser selbst. Und sich über die verwirrenden Informationen genauso den Kopf zerbricht. Was hat es mit der merkwürdigen Persönlichkeitsveränderung auf sich, die Fabio in den letzten Wochen ganz offenbar durchgemacht hat? Warum ist niemand mehr besonders gut auf ihn zu sprechen? Und weshalb scheint kein Mensch besonders daran interessiert zu sein, dass er sein Gedächtnis wiedergewinnt?


Ein Roman, der mehr als nur einen Teil der Aufmerksamkeit beansprucht: Hochspannung mit Tiefgang, Überraschungen inklusive. Und am Ende ist etwas abgeschlossen aber trotzdem noch lange nicht alles gut.