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Erschienen
Glamouröser Rückblick auf die "Goldenen 50er"
06/2002
Erinnern sie sich noch daran: "Die Reinheit führt ganz nah zu Gott". So warb dereinsten Henkel für sein Perwoll. Das war zu einer Zeit, als die Deutschen sich noch gerne mit dem Gassenhauer von Karl Berbuer zu den "Eingeborenen von Trizonesien" machen ließen, als Mama noch am Herd stand (damals, kann man sagen, stand wirklich noch Mama am Herd) und Papa das gute Nyltest-Hemd knitterfrei doch eifrig schwitzend zur Schau trug. Einen glamourösen Rückblick in die goldenen, aber auch in die wilden 50er unternahmen Mitte Mai die Besucher der Hockenheimer Stadthalle gemeinsam mit den Darstellern und Musikern des Tourneetheaters Landgraf mit der aufwändigen Show "Fifty Fifty". Es mag an der mangelnden Nostalgiefähigkeit der Westdeutschen Bevölkerung gelegen haben oder aber an der Tatsache, dass der Termin etwas ungeschickt zwischen Feiertag und Hockenheimer Mai gerutscht war, aber die Besucherzahl blieb meilenweit hinter dem allenthalben feststellbaren Interesse an den jungen Jahren der Republik zurück.

Dennoch gaben die acht Darsteller und fünf Musiker alles und produzierten eine intelligente Revue, die nicht dem Kitsch der Zeit verfiel und auch nicht nur Geschichtsunterricht war, sondern eine kurzweilige Zeitreise in die Tage der "Keine Experimente!"-Ära, als der Staat noch von einem knurrigen aber allseits beliebten Kanzler geführt wurde und die Autos noch mit Parkplätzen im Smart-Format auskamen.

Durch die Jahre führten die Künstler in thematisch faszinierend getrennten Blöcken, von den Anfängen, als – gerade waren die Lebensmittelmarken abgeschafft worden – nach der kargen Steckrüben-Zeit schon die Fresswelle auf die Bundesrepublik zurollte, als man allenthalben feststellen konnte "Es geht besser, besser, besser" und als die Bananenrepublikaner schon wieder dabei waren, "jemand zu sein". Der grandiose Sieg bei der Fußballweltmeisterschaft von Bern 1954 (wer hat nicht noch Herbert Zimmermann im Ohr: "Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen - Rahn schießt - Tooor! Tooor! Tooor! Tor für Deutschland!") war ein Etappensieg, der die Nation erhob und der dazu beitrug, dass man überall die Sorgen in ein Gläschen Wein schüttete. Die 50er waren aber auch die prüde Zeit der Restauration, der neuen Moral, der "Heimchen an den Herd"-Bewegung. Dazumal war die "Weiße Hochzeitskutsch" noch blau-weiß und hieß "Isetta", man brauchte für das eigene Ego noch keine Survival-Trip nach Indonesien, sondern lud die Herzallerliebste ein "Komm ein bißchen mit nach Italien".

All die widersprüchlichen Stömungen dieser sehr kompakten Epoche nahm das Ensemble auf, ließ sie in Singen und Spiel lebendig werden. Eine liebevolle Kulisse und Requisite bildete den Rahmen für zweieinhalb Stunden Tanz, Musik und ausgelassene Freude. Besonders bemerkenswert: "Fifty Fifty" wartete mit einer eigenen Band auf, die jeder Konserve überlegen war – zumal es seinerzeit Playback in der Form ohnehin noch nicht gegeben hat. Musikdirekor Christian Pittus setzte das Buch von Uwe Nielsen perfekt in Töne, das Ensemble füllt die Rollen, die jeweils auch Archetypen ihrer Zeit waren, so plastisch aus, dass die vielen "Zeitzeugen", die im Publikum saßen, gebannt auf die Bühne starrten und ausgelassen mitfeierten.

Ganz besonders herauszuheben dabei Anina Doinet, die mal als kleines unschuldiges Mädchen Leila Negras Part in "Die süßesten Früchte" verkörpert, dann aber "Sieben einsame Tage" im Petty-Coat den Männern um den Hals fällt. Eine charmante, sehr zarte Stimme unterstreicht den schauspielerischen Liebreiz der jungen Mime.

Die Männer an ihrer Seite: Der drollige Tausendsassa Axel Weidemann und der mit einem ganz besonders warmen und weichen Timbre ausgestattete Alexander Kerbst.

Etwas schwächer Altstar Hans Kahlert, dessen nasale Stimme zum moralisierenden Zeigefingerheber gut passte, der aber gesanglich etwas abfiel.

Dafür trumpfte Anne Welte ganz gewaltig auf. Sie ließ mit "Ich will keine Schokolade" das einstige Power-Weib Trude Herr wieder aufleben, machte sich aber – wie die Herr seinerzeit übrigens auch – als männerverschlingende Mambo-Queen mindestens eben so gut.

Zur schlagkräftigen Gesangs-Crew traten die vorrangig tänzerisch agierende Mecki Fiedler, Patricia Galow und Petra Grundlach – gemeinsam eine Truppe, die die neu produzierten Fünfziger erst zu goldenen machte.


Am späten Abend verließen neu gewonnene Fifty-Fans den modernen Hockenheiemr Musentempel – und schwelgten vom ersten "Bac"-Stift, von "Overstolz", von "Pascalin" und dem "Opal"-Strechstrumpf. Vor allem aber von einer rundum gelungenen Musikreise in vergangene Tage.