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Erschienen
Guido Westerwelle dreht "Romeo und Julia" mit Lichtschwert
06/2002
Wo soll es noch hinführen mit dieser Welt, in der alles Gute vergänglich, dafür alles Dämliche umso hartnäckiger ist?

Ein wundervolles Beispiel für filmerischen Amoklauf mussten sich die unzähligen "Star Wars"-Fans seit der Premiere des Streifens in den deutschen Kinos antun und sie haben unser Land in ein Tal der Tränen verwandelt. Was die Gesundheits-Reform der rot-grünen Regierung, der Dilletanten-Stadl um CDU-Kanzlerkandidat Stoiber und die 18-Prozent-Witzfiguren noch nicht geschafft haben, ist den Filmern um George Lucas gelungen.
Ist ihnen der depressive Blick ihrer Fleischereifachverkäuferin (früher sagte man noch "Metzgersgattin") beim letzten Ganz zur Frischfleischtheke nicht auch aufgefallen? Haben sie nicht gestern erst an der Bushaltestelle dieses Pärchen gesehen, das weinend die Köpfe gegeneinander geschlagen hat? Und natürlich ist es ihnen, der sie bereits zum dreinundzwanzigsten Mal in Folge zum "Mitarbeiter des Monats" bei OBI gewählt wurden, nicht entgangen: Nicht nur, dass die Nachfrage nach Stricken gewaltig gestiegen ist (bei der Abteilungsleiter-Konferenz Anfang der Woche haben sie doch noch mit den Steigerungsraten von 431 % geprahlt!). Auch die Nachfrage "Halten die auch was aus?!" ist ihnen noch gut im Ohr.

Was ist geschehen? Gehören sie noch zu den Glücklichen, die weder von irgendeinem irren und zufällig mit ihnen befreundeten (jedenfalls bisher - aber das hat sich ja jetzt geändert) SW-Fan vor die Leinwand des Schreckends gezerrt, noch selbst in die Rasse der Lichtschwert-Fetischisten geboren wurden? Seelig sind in diesem Fall auch die Blinden und Tauben, denn sie werden der großen Schmach entgangen sein! Alle anderen hat das rund zweistündige Geschmachte um Ex-Königin Amidala (die ja jetzt "nur noch" Senatorin ist) und den eifrig vor sich hin pubertierenden Anakin Skywalker sicherlich längst ereilt.

Mit "Episode II" sind millionenfach Träume zerplatzt und das einzige Rätsel, das von der guten alten SW-Trilogie (sie erinnern sich, damals, als die Welt noch in Ordnung war) geblieben ist: Wie kann aus einer Pfeife wie diesem jungen Anakin Skywalker ein grandioser Bösewicht im Format Darth Vader werden?

Natalie Portman glänzt weitgehend durch bloße Anwesenheit in der Rolle der erst kläglich schüchternen und aufgesetzt standhaften, dann umso lustvoller knutschenden Patme. Da fällt dem selbstkritischen Kinogänger sofort auf, dass der einzige Zauber, den die junge Mime in "Episode I" ausstrahlte, das Rätsel um den Friseur war - der fällt jetzt weitgehend weg, weil die ehemalige Königin mit dem langweiligen Kopfschmuck abgenudelter Daily Soaps auftritt - Zöpfe wären da (als Hommage an uralte Heimatfilme) glatt noch eine Bereicherung gewesen.
A propos "Daily Soap". Was hat dieser Hayden Christensen eigentlich vorher gespielt? Ein Blick in die Biographie lässt Böses erahnen: Er hatte lange Zeit ein Engagement in der kanadischen Daily "Family Passions". Kein Mensch weiß, was George Lucas geritten hat, als er ihn aus 400 Bewerber - unter ihnen angeblich auch der gute Leo DiCaprio - herausgecastet hat (einmal mehr weisen wir an dieser Stelle auf die schlimmen Folgen übermäßigen Drogenkonsums hin). Niemand, der klar bei Verstand ist, hätte sich DiCaprio in einen SW-Streifen gewünscht- aber es gibt doch Millionen anderer junger Männer, die besser spielen können, als Hayden! Hölzern, unglaubwürdig, inkonsistent - ein Witz im Jedi-Gewand!

Gut, man muss eingestehen, für die lächerlichen Dialoge mit Patme kann Schmollbacke Hayden nichts. Aber selbst der sechzigjährige Hausmeister einer durchschnittlichen öffentlichen Bildungseinrichtung hätte realistischer geschmachtet. Aber da wären wir schon bei einem der ganz fatalen Griffe in die Schüssel cineastischer Dummheiten: Die Verhollywoodisierung selbst der kultigsten Stories ist nicht nur ein Beispiel für den Untergang von Werten und Sitten, sondern auch der sichere Beweis dafür, dass die Produzenten ihr Publikum für reichlich dämlich halten. "Servier dem tumben Pöbel einfach eine Mischung aus Emotions-Mist in Bravo-Manier und actiongeladenen Lichtschwert-Kämpfen" hat das Caesaren-Motto "panem et circenses", "Brot und Spiele" abgelöst. Das bedenklichste dabei: Wir sind dumm genug, es mitzumachen.

Aber wir wollen als völlig objektive Kritiker nicht ungerecht sein: Es gibt auch gute und gelungene Szenen in "Episode II". Die etwa 30 Sekunden, in denen der schmerzlich vernachlässigte Schlappohr-Freund sein Idol Jar Jar Binks zu Gesicht bekommt (der wie immer nur Mist baut und die Galaxien erneut an den Abgrund manövriert), die Situation, in der Jäger Jango Fett plötzlich den Kopf verliert und natürlich der wirklich spektakuläre Kampf zwischen Großmeister Joda und dem fiesen Count Dooku.

Der Rest, man muss es einmal so hart sagen, wie es ist, gehört auf den Schrotthaufen kinematografischer Schandtaten und ist nicht mehr als die Verschwendung unzähliger Meter Celluloid auf Seiten der Produzenten und Millionen Zeitstunden auf Seiten der Kinogänger. Was hätte man in den zwei Stunden nicht alles sinnvolles tun können. Dass man sich vielleicht einmal einen Apfel schält - oder so.


"Episode II" ist ein filmischer Witz, der - als große Sensation hochgejubelt - einerseits mit seiner technik-lastigen Scheinheiligkeit ein wenig an unseren Bundes-Blender Gerhard erinnert (da viel Technik-Schnickschnack aber keinerlei Story, dort hübsche Bilder in der "Gala", aber dafür keine politischen Konzepte), andererseits aber ein ganz anderes Bild aus dem Nebel unterbewusster Phantasien zaubert, wenn man den Film als Ganzes zu betrachten versucht: Einen Witz dieser Größenordnung hat zuletzt FDP-Spaßvogel Guido Westerwelle produziert, als er seine peinlichen 18-%-Latschen in die Kamera streckte.

Ganze Nationen gehen auf die Barrikaden und fordern: "Wir wollen unsere Ewoks wieder!"
Und mal ganz ehrlich: Ist es denn ein Wunder?