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Erschienen
Ein Hefe, ein Pils und vier Export
06/2002
Einen wirklich komischen "Six Pack" haben sich die Hockenheimer Mitte Juni mit der gleichnamigen Gruppe zur Eröffnung des diesjährigen Kultursommers auf die Seebühnen geholt: Von "guter Mischung" kann bei einem Weizen, einem Pils und vier Export eigentlich nicht die Rede sein.

"Six Pack" ist eine 1990 in Bayreuth gegründete Truppe singender Männer, die in ihrem neuesten Programm "Wirsing querbeet" die A-capella-Shows der vergangenen zwölf Jahre als Gala- und Best-of-Programm erneut servieren. Wie kommt man dann aber auf diese abstruse Bier-Mischung? Das Weizen ist der eigentliche – aber stets verkannte – Star der Truppe, Peter Martin Jacob. Der Mannheimer Bass ist in seinem eigentlichen Leben Radio-Journalist bei RPR und verleiht der Gesangsgruppe den Tiefgang. Solistisch trat er (leider) nur selten hervor, obwohl man sich den satten, erdigen Sound öfter gewünscht hätte. So blieben sein Lee-Marvin-Cover "Wand’ring star" und die Monty-Python’s-Parodie "Always look on the bright side of life" seine einzigen Solo-Nummern, bildeten aber gleich zwei der vier Highlights des zweistündigen Programms.

Die beiden Anderen Spitzennummern steuerte das zwar kleine, aber in einer schlanken, schön anzuhörenden Tulpe servierte Pils Bernd Esser bei. Der Lehrer, dem man seine Zeiten im Madrigalchor noch heute anhört, brillierte mit einem reinen hohen Tenor, den er gerne auch einmal ins Sopranistische übersteuert, mal als "Merlin Monroe", mal als "Grande Dame des Chansons" Edith Piaf.

Was dem Sechserpack sonst beigemischt war, bestand aus mehr oder minder süffigem "Ex": Markus Kopschitz, der nach eigenen Angaben gerne einmal das singen erlernen möchte, der 193-cm-Riese Markus Burucker, der auch schon eigene Soloscheiben vorgelegt hat, der Regisseur und Drehbuchautor Johannes W. Betz und der Werbefachmann Lars Kienle.

Zusammen zogen die Sechs eine Show ab, die ihresgleichen suchen kann. Gesanglich mag man sich etwas mehr versprochen haben – wer die Besetzung kennt und weiß, dass das tiefe Register mit einem – wenn auch brillanten – Sänger völlig verkümmert ist, wird sich seinen Teil gedacht haben. So konnten nur wenige Nummern aus dem Reigen, der hauptsächlich aus Cover-Versionen bekannter und weniger bekannter Rock- und Pop-Klassikern bestand, auch gesanglich überzeugen. So fielen die "Bolero"-Transkription "für fünf Männerstimmen, zwei Zahnbürsten und Putzeimer" und der AC/DC-Reißer "TNT" positiv auf. Wirklich reizvoll, musikalisch sehr einfallsreich und stimmlich gut präsentiert, die Variationen auf "die uralte Kamelle, Schuberts 'Forelle'": Als "Kleine Nachtforelle" im Stile Mozarts, als Beethoven-Choral "Zur Ehre der Forelle", in der abgehalfterten Männerchor-Manier des italienischen Volkslieds "Tiritomba" oder –iinklusive Balalaika und "Kalinka" - als "Wolga-Forelle".
Eines der wenigen eigenen Werke konnte ebenfalls überzeugen, weil es für die ungünstige Stimmstreuung perfekt gesetzt war: "Nur ungern nimmt der Handelsmann statt Bargeld Stuhlgang an".

Wer den Text weiter auf sich wirken lässt ("so beschissen die Ware auch war, er will immer das Geld nur in bar"), schwenkt direkt über zur eigentlichen Passion der "Six Packs": Klamauk und Kalauer ohne Ende sind der eigentliche Sinn ihrer Programme. Grandios dabei ihr lockerer Umgang mit den massiven technischen Problemen, die sich die Jungs mit ihrer eigenen Anlage selbst auf die Seebühne geholt hatten. So wurde jedes Kratzen, jedes Pfeifen und manches Krachen der Microports zu einer Lachsalve im Publikum umdirigiert. Die Sechs, die "über den absteigenden Ast direkt zu uns" gekommen waren, ulkten sich durch ihren Abend, präsentierten Slapstik und Parodie, witzige Eskapaden und humoristischen Sondermüll bis der Arzt kommt. Sie verwandelten sich in den "Stamm der Schuhschoner", machten eine Girly-Group und die Telefon-Hot-Line ("Ruf mich an, Du Schlingel...").
Es wirkte zwar alles ein wenig zu sehr einstudiert, bisweilen gar ein wenig gestelzt; grundsätzlich lässt sich über den Wert solch komödiastischer Umweltverschmutzung natürlich trefflich streiten.


Fakt ist: Das Publikum war aus dem Häuschen und forderte am Ende des Programms lautstark Zugaben – und letztlich kommt es den sechs Künstlern darauf wohl auch an.