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Boucq/Jodorowsky
Erschienen
Bouncer #1: Ein Diamant für’s Jenseits
07/2002
Ehapa Verlag, Berlin
56 Seiten / € 12.-
"Hard Boiled" im Western-Outfit. Ultra Krass und genial in Szene gesetzt. Nichts für Kinder! Ausgelebte Gewaltphantasie oder Beginn einer epischen Saga? Aber fangen wir am Anfang an.

Da wäre zunächst der Umschlag: Im edlen Hardcover präsentiert sich dieser Western. Apropos Western: Jerry Spring, Blueberry und jetzt Bouncer, gibt es eigentlich einen guten Western aus Amerika (ich hoffe man bemerkt den sarkastischen Unterton)? Dieses ur-amerikanisch anmutende Genre wird seit dem Ableben von Two Gun Kid und seinen Kollegen von festländischen Teams hochgehalten. Dem ersten Augenschein folgend, verschlägt dieses Comic dem Leser den Atem. Die Zeichnungen sind perfekt. Vor allem an den breit angelegten Landschaftsbildern kann man sich kaum satt sehen. Canyons in stimmungsvollem Abendlicht erfüllen jedes Klischee. Auf der anderen Seite die Menschen. Hier gibt es perfekt gezeichnete hässliche Menschen, denen die Bosheit zu den Augen herausquillt. Während die Landschaften im Stil des Genre-Gottes Giraud gehalten sind, tendiert die Art und Weise der Personen-Darstellung in Richtung Baru. Fast schon Grimassen, aber auf jeden Fall sehr ausdrucksstarke Gesichter, bestimmen hier das Bild.

Die zeichnerische Schilderung der Städte vermittelt den Anschein, dass der Mensch mit seiner bloßen Anwesenheit bereits die Natur verschmutzt. Dieses düstere Thema bestimmt zumindest die Handlung des ersten Bandes. Es geht um drei Brüder. Als Kinder einer nicht zimperlichen Dirne großgeworden, hat ein Edelstein die Geschwister zu Feinden gemacht. Im Kampf um das Schmuckstück verlor einer einen Arm, der andere ein Auge und alle drei die Mutter, die ihre Söhne aus dem Haus treibt und sich kurze Zeit später scheinbar erhängt. Nach dem Diamant wird sogar in der Leiche der Mutter gesucht - harter Tobak also. Das erinnert nicht nur leicht an die Metabarone, jenes Science-Fiction-Epos mit dem extra Schuss Gewalt. Beide Geschichten haben den selben Autor – Jodorowsky.

Wieder einmal, ähnlich auch seinen Technovätern, müssen Menschen großes Leid erfahren, um eine noch größere Geschichte zu erzählen. Beeindruckend ist die erbarmungslose Schilderung der Bosheit. Mit unkommentierter Härte muss man miterleben, wie ein Bruder den anderen kaltblütig enthauptet, dessen Frau vergewaltigt und schließlich selbst ermordet wird. Wer noch nicht den Glauben an die Menschlichkeit verloren hat, sollte sich vor diesem Comic hüten.

Schon der Italo-Western erhob Gewalt zum Stilmittel, dennoch schafft es Bouncer, in dieser Disziplin neue Maßstäbe zu setzten. Wären da nicht die überragenden Zeichnungen, müsste man vor diesem Comic warnen, so bleibt zumindest ein ungutes Gefühl zurück.


Wenn es Bouncer schaffen sollte, eine ehrliche Diskussion zum Thema Gewalt zu entfachen, die - nicht nur im Hinblick auf Erfurt - mehr als nötig wäre, dann hätten wir hier einen Meilenstein der Neunten Kunst vorliegen. Aber der negativen Grundaussage der Geschichte folgend werden wir wohl auch diese Gelegenheit, uns mit unserem Menschsein, den hellen und den dunklen Seiten, auseinanderzusetzten, verpassen. Schade. Dann bleibt nur ein brutaler Western mit überdurchschnittlich guten Zeichnungen.