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Natalie John
Erschienen
Richterin Barbara Salesch - Meine spannendsten Fälle
07/2002
Dino Verlag, Stuttgart
173 Seiten / € 7,95
Es hat sich einiges getan, seit die praktizierende Richterin Barbara Salesch 1999 mit ihrem Schiedgericht die ganz spezielle teutonische Version des Court-TV bei SAT1 gestartet hat: Die ehemalige Vorsitzende am Hamburger Landgericht hat den komfortablen Gerichtssaal mit einem kleinen Fernsehstudio getauscht und als erste Fernsehrichterin in einem Schiedsgericht kleine, aber dafür echte Fälle mit echten Angeklagten und echten Klägern verhandelt.

Lang, lang ists her. Seitdem ist sie in der Hierarchie aufgestiegen - an ihrer Stelle sitzt nun (allerdings beim ZDF) Richter Guido Neumann über kleine Fälle zu Gericht, Richterin Salesch hat das Strafgericht für sich entdeckt und urteilt werktäglich zwei Fälle ab. Die sind zwar noch der Rechtspraxis entnommen, werden aber von Schauspielern nachgestellt.

Dennoch ist der Boom des Quasi-Court-Fernsehens hierzulande unübersehbar: Direkt nach Quotenkönigin Salesch spricht der zweite Zuschauerliebling Richter Alexander Hold Recht, parallel zu "RBS" starkt Dr. Ruth Herz durch die Untiefen des Jugendgerichts. Die drei Fernsehrichter brauchen sich hinter anderen Größen de runterhaltungsbranche nicht zu verstecken: Ihr Bekanntheitsgrad ist schier unglaublich und ihre Fangemeinden sind ähnlich enthusiastisch, wie bei den ganz Großen - wer es je gewagt haben sollte, im Forum von "RAH" auch nur ein ganz angedeutetes Wort der Kritik los zu werden, weiß, mit welcher Inbrunst die treuen Zuschauer ihre Helden verteidigen.

Bei Dino hat man nun die Merchandising-Spur geleckt und mit "Richterin Barbara Salesch - Meine spannendsten Fälle" ein Büchlein vorgelegt, das die Herzen der RBS-Gucker höher schlagen lässt.

Auf knappen 170 Seiten werden sechs Fälle vorgestellt, die alle bereits im Fernsehen verhandelt wurden. Ob es die spannendsten aus den inzwischen über 1.000 Fällen sind, die Salesch bereits fernsehtauglich beurteilt hat, ist zumindest unserer Ansicht nach fraglich, aber sie sind ein gelungenes Destillat aus den täglichen Verhandlungs-Häppchen: Körperverletzung, Bandendiebstahl, räuberische Erpressung und Vergewaltigung. Was uns noch fehlt, weil es häufig verhandelt wird, wäre die Aussetzung gewesen. Aber über die Auswahl lässt isch bei einer derart großen Fülle an Möglichkeiten nur schwerlich streiten.

Jeder Kasus wurd frei nacherzählt, und hier muss denn eigentlich auch die Kritik ansetzen. "Meine spannendsten Fälle" sind die Rückkehr der Groschenromane, allerdings mit rund acht Euro etwas teuerer, als "dazumal". Der Stil ist seicht, suggestive Phrasen wechseln sich ab mit stark verknappten Ausführungen von Seiten der Staatsanwaltschaft oder der Verteidigung. Was dem RBS-Fan fehlt, sind die - zugegebenermaßen etwas übertriebenen, aber immer wieder sehr amüsanten - Auseinandersetzungen zwischen den beiden Parteien: Nichts ist doch schöner, als wenn Staatsanwalt Römer auf die arme Rechtsanwältin Tasic einhackt oder Rechtsanwalt Krechel Staatsanwalt Mameghani abkanzelt.

Was bei diesem Stil verloren geht, ist die Fähigkeit des Lesers, seine eigenen Schlüsse zu ziehen. "Aber war er wirklich der Täter? Der Mann, der ihr Leben zerstört hatte?" oder an anderer Stelle "War ihr bewusst geworden, dass sie mit dem Urteil an einem Tag zwei Söhne verloren hatte? ... Dass sie zwei Frauen unglücklich gemacht hatte?" - man stelle sich solche Kommentare einmal in den Gerichtssendungen vor: Kein Mensch würde sich dabei noch ernst genommen vorkommen.


Im September soll bereits der zweite Band mit Fällen von Richterin Barbara Salesch erscheinen - es bleibt zu hoffen, dass man dann den Lesern etwas mehr zutraut, als schmuddelige, seichte Unterhaltung für Menschen, die ihr Gehirn und ihre Phantasie am Schlüsselbrett hängen haben. Solche Leute befassen sich nämlich ohnedies nicht wirklich sinnvoll mit dem deutschen Rechtssystem, wie sich das die gute Barbara Salesch in ihrem Vorwort wünscht.