2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Erschienen
Kahn soll Kanzler werden!
07/2002
Die Deutsche Nation verfällt in ein Wechselbad von Trauer und Hochgefühl: Nach dem zwar glänzend gespielten, aber dennoch verlorenen Finale im japanischen Yokohama geht mit der Fußball-WM in Korea für Deutschland auch gleich noch der Sommer, das Jahrtausend und vielleicht sogar das ganze Leben den Bach runter. Rührende alte Männer polieren unter Tränen noch einmal den im Silberrahmen konservierten Schnappschuss vom "Wunder von Bern", als 1954 Helmut Rahn die Ungarn vom Platz fegte und Deutschland von heute auf morgen plötzlich wieder jemand war. Aber lang lang ists her.

Auch wenn die Wetten in der Redaktion 17:3 dafür standen, dass die Jungs um Rudi Völler schon in der Vorrunde ihr Rückflugticket bekommen würden, müssen wir anerkennen: Die deutschen Buben haben sich wacker geschlagen. Gut, die Kickerei gegen die USA war eher peinlich, aber reden wir doch einfach nur noch vom Endspiel. Das haben sie doch wirklich gut gemacht, und eine kleine Spur Bern lebte wieder auf: Damals war das Fernsehen, diesmal die Trikotkombi schwarz-weiß.

Dieser 30. Juni hat Helden geboren: Klose hatte zwei gute Möglichkeiten, und semmelte sie in einer bislang nicht gekannten Präzision direkt am gegnerischen Tor vorbei. Herrlich! Jens Jeremies humpelte verletzt vom Platz, um dann - ganz "Kampf bis zum letzten Blutstropfen" - wieder ins Spiel zurückzukehren. Tapfer!

Aber der große Mann von Yokohama war ohne jeden Zweifel Keeper Oliver Kahn. Der Mann mit dem Charme eines Neanderthalers hat die Deutschen wieder zurückgebracht ins Rennen. Rudi hätte ohne den blonden Bayern-Joker den Koffer schon zum WM-Auftakt gleich gepackt lassen können.
Gut, wenn man heute sagt: Ohne diesen Torwart wäre Deutschland nicht so weit gekommen, dann fragt man sich natürlich, welche Mannschaft weit kommen würde, wenn sie keinen Tormann hätte. Aber es war in jedem Falle tragisch, dass ein klitzekleiner Fehler des Torwart-Titans das erste Tor für die Selecao einbrachte und damit die "Penta", auf den Ronaldo und seine Genossen so hingefiebert hatten, heraufbeschwor.

Unserer Meinung nach muss diese WM auch für Deutschland mehr bedeuten, als nur einen weiteren Vize-Titel. Er muss einen Ruck durch dieses Land schicken und für politische Beben in Berlin sorgen. Wir sind dafür: Kahn muss Kanzler werden!
Als Spielführer bringt er die besten Voraussetzungen in Sachen Personalführung und Management mit. Er ist krisenerprobt, willig zum Sieg und ein echter Kämpfer, der auch angesichts harter Gegner (wir sagen nur: Vier Mio Arbeitslose und so) nicht in Panik gerät. Und dieser Mann hat die Herzen der gesamten Republik gewonnen. Wer ist nicht im heimischen Wohnzimmer aus dem bequemen aber schon etwas speckigen Leder-Ohrensessel aufgestanden und zur Schrankwand in Eiche katastrophal gegangen, um den Fernseher zu umarmen - angesichts des allein und einsam in seinem Tor sitzenden Olli. Herzen, drücken, trösten - ein Instinkt, bei den Deutschen so weit im Unterbewussten vergraben und von Disziplin, Ordnung, Sauberkeit verdeckt, kehrte ins kollektive Bewusstsein zurück.

Bleibt die Frage, für welche Partei Kahn antreten soll. Die CDU könnte eine gehörige Frischzellenkur durchaus gebrauchen, aber wenn Kahn und Stoiber den Platz tauschen, dann wird es in den Reihen von Bayern Münschen bald einen grauhaarigen Torwart mit randloser Brille geben - nicht ganz optimal.
Aber auch die Schröder-Truppe der SPD dürfte Probleme haben, einen Könner wie Kahn zu integrieren - auch wenn der sich wohl fühlen dürfte: Von Flaschen war er ja auch in der Vergangenheit schon lange genug umgeben.

O.K. gerade kommt eine neue Meldung rein: Kahn hat sich am Finger verletzt. Sorry, Olli, damit bist Du leider doch aus dem Rennen: Einen gesunden moralischen Zeigefinger braucht man in der deutschen Politik nämlich allemal - gleich bei welcher Partei! Kann mal schnell einer die Nummer von Pierluigi Collina raussuchen und bei der Druckerei Bescheid sagen, dass wir jetzt eine Glatze auf unser Wahlplakat machen wollen ...