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Otomo Nagayasu
Erschienen
The Legend of Mother Sarah
07/2002
Carlsen Verlag GmbH, Hamburg
14 Bände, je ca. 100 Seiten / € 10,-
Mangas, das sind Kulleraugen, Geschwindigkeitsstriche, Heidis - was für Kinder, brutal und exotisch. Wie jedes allgemeine Urteil möglicherweise wahr, dennoch sollte man solche Vorurteile immer mal wieder überprüfen.

Mangas sind Massenprodukte und hierzulande bekommen wir nur einen Teil des Ganzen Ausmaßes zu sehen. Momantan kaufen vor allem jüngere Comic-Leser Mangas, entsprechend ist die Auswahl der in Deutschland produzierten Mangas. Nun publiziert vor allem der Carlsen Verlag schon lange in dieser Sparte. 1996, also vor sechs Jahren, verlegten die Hamburger die eher für den Erwachsenen Leser konzipierte Serie Sarah. So ist auch der hohe Preis von zehn Euro für gerade einmal runde hundert schwarz/weiße Seiten zu erklären.

Aber schauen wir doch auch in die erzählte Geschichte hinein. Die Erde hat den nuklearen Krieg hinter sich. Die lebensfreundlichen Regionen sind verstrahlt, der Rest der Erde nicht besiedelbar, und nur ein kleiner Rest der Menschheit hat in Weltraumstationen überlebt. Eine Idee trennt die Überlebenden in zwei sich bekriegende Lager: Eine weitere gewaltige Explosion soll die Neigung der Erdachse verändern, um so die verstrahlten Gebiete unter ewigem Eis zu begraben und die bisherigen lebensfeindlichen Regionen urbar machen.

Visionär oder unmenschlich? Die Gruppe Epoch möchte den Plan verwirklichen, Mother Earth kämpft mit allen Mittel dagegen an. Die Konflikte münden in Anarchie, die Epoch nutzt, um die Bombe zu zünden. Doch auch die Kolonien im All werden dabei beschädigt, so dass die verfeindeten Lager auf die Erde flüchten müssen - nur um hier ihren Krieg weiter zu führen. In den Wirren der Evakuierung verliert Sarah drei ihrer vier Kinder und ihren Mann. Nach der Notlandung macht sie sich auf die Suche nach ihrer Familie.

Das ist in groben Zügen der Plot der Serie, die in je zwei bis drei Alben eine in sich geschlossene Geschichte erzählt. Der postapokalyptische Hintergrund erinnert an Serien wie Jeremiah, wenn auch die Zeichnungen eine völlig andere Sprache sprechen. Otomos Bilder sind klar und in einem realistischen Stil. Perfekte Anatomie ohne Übertreibung oder Überzeichnung. Detaillierte Hintergründe und fehlerfreie Perspektiven - aber keine Kulleraugen. Mangas für Erwachsene eben. Für die Verhältnisse des Genres ist die Seitenaufteilung aufgeräumt. Nicht das klassische Neun-Panel-Schema, aber sehr aufgeräumt und nachvollziehbar.

Dem ungeübten Manga-Leser kommt die europäische Leserichtung zugute, kein "von hinten nach vorne Unsinn" (obwohl das mit ein wenig Übung kein Problem ist und man Unbekanntem gegenüber ja bekanntlicherweise aufgeschlossen sein soll, gell?!).

Die erste Story-Line handelt von einer Grabungsstätte der Mother Earth. Hier müssen Kriegsgefangene nach Gold graben, wer nicht spurt, wird erschossen. Das Leben ist hart - das gilt ganz besonders in Mangas. Doch ein Soldat aus einem Erschießungskommando weigert sich, den Tötungsbefehl auszuführen.
Nach einigen Schicksalsschlägen treffen sich die verfeindeten Parteien in schnell wechselnden Machtverhältnissen am Grunde der Grabungsstätte und müssen alle ihrem Ende ins Auge blicken - allerdings nicht, ohne dass der Leser nicht noch die Gier in ihren nur noch kurz von Leben beseelten Guckerchen lesen könnte.

Sarah überlebt, genau wie ihr Weggefährte, ein reisender Händler. Zusammen reisen sie in die zweite Geschichte, die Band drei bis fünf erzählen. Brot und Spiele. Die Idee, dass die Mächtigen nach der großen Katastrophe die Hungernden und die Strahlen-Mutanten zum persönlichen Vergnügen gegeneinander kämpfen lassen, ist nicht neu, wird aber immer wieder gerne genommen. Hier sind es besonders die Rückblenden, die erklären, warum Sarah nur noch eine Brust hat. Mit einer schonungslosen Härte erzählt die Geschichte, wie eine Mutter ihr eigenes Kind umbringen muss. Vergewaltigung, Mord und Menschenverachtung, Anteile der Menschheit, die gerne vernachlässigt oder verdrängt werden, werden hier thematisiert und visualisiert. Spannend erzählt und - wie gesagt - perfekt ins Bild gesetzt.


Sarah ist auf jeden Fall einen Blick wert, selbst wenn die erste Geschichte mit zwanzig Euro zu Buche schlägt. Vielleicht der Einstieg für den Album-Leser in die farb-lose Welt der asiatischen Comic-Kunst.