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Victoria Holt
Erschienen
Das Haus der sieben Elstern
08/2002
Scherz Verlag AG, Bern
383 Seiten / € 6,90
Die 13-jährige Frederica Hammond wird nach einem Schlaganfall ihrer Mutter von ihrer Tante aufgenommen. Ihr Vater hat die Familie bereits verlassen, als sie noch ein Baby war, und ist danach nie wieder aufgetaucht; ihre Tante ist die einzige, die sich um das Mädchen zu kümmern bereit ist.



Im Dorf ihrer Tante freundet sie sich mit der scheuen Rachel und der vorlauten Tamarisk an. Die drei ungleichen Mädchen werden gemeinsam im hochherrschaftlichen Gutshaus von Tamarisks Familie unterrichtet, wo Frederica bald die Bekanntschaft von Tamarisks älterem Bruder Crispin macht. Er verwaltet das große Familiengut, da sein Vater früh an den Folgen seines ausschweifenden Lebens gestorben ist. Seine herablassende Art verletzt Frederica sehr, sie fühlt sich von ihm abgewertet und reagiert ihrerseits mit Verachtung.



Doch als sie sich in einer verzweifelten Situation befindet, ist er zufällig zugegen und kommt ihr zur Hilfe. Dies lässt ihn in ihrer Achtung steigen. Ihre einstige Abneigung verwandelt sich rasch in Liebe, als sie – älter geworden – immer mehr sein Interesse und seine Zuneigung spürt. Sie lernt ihn besser kennen und entdeckt eine sehr fürsorgliche Seite an ihm: Er sorgt rührend für seine beiden ehemaligen Kindermädchen, die er in einem Haus auf seinem Anwesen wohnen lässt. Die beiden sind Schwestern, könnten jedoch unterschiedlicher nicht sein: Lucy ist die Ältere, vernünftig und achtsam; Flora, die Jüngere, ist geistig verwirrt und lebt in der Vergangenheit. Frederica fühlt sich von der verstörten Flora seltsam angezogen; sie spürt, dass die beiden Frauen ein Geheimnis verbindet. Sie tauft das Haus, in dem sie leben, auf Grund eines dort aufgehängten Bildes „das Haus der sieben Elstern“. Der Name erinnert sie an einen alten Kindervers, in dem sieben Elstern für ein Geheimnis stehen, das nie verraten werden darf.



Inzwischen ist ein unbekannter (und durchaus attraktiver) Gentleman in dem verschlafenen Nest aufgetaucht, ein Mann von Welt, mit dem wohlklingenden Namen Gaston Marchmont. Sowohl Tamarisk als auch Rachel verfallen ihm sofort, jede der beiden jungen Frauen in der festen Überzeugung, dass er sie heiraten wird. Die reiche Tamarisk ist die glückliche Auserwählte, in einer Nacht- und Nebelaktion heiratet Gaston sie. Rachel hat das Nachsehen, so scheint es zumindest. Doch auch Tamarisks Glück währt nicht lange. Gaston findet nicht nur Gefallen an seiner hübschen Gattin, sondern ziemlich wahllos an jedem weiblichen Geschöpf, das sich in Reichweite befindet. So verspürt die enttäuschte Tamarisk große Erleichterung, als Gaston eines schönen Tages ermordet aufgefunden wird...



Obwohl niemand von Trauer geplagt wird, versetzt das gewaltsame Ableben Gastons doch die ganze Umgebung in helle Aufregung, die Polizei nimmt sofort die Ermittlungen auf. Alle stellen sich die brennende Frage: Wer hat den Mord begangen? War es die betrogene Ehefrau Tamarisk; die verschmähte Geliebte Rachel; deren eifersüchtiger Freund oder gar der misstrauische Crispin, der Gaston von Anfang an nicht leiden konnte? Alle sind verdächtig, auch wenn die Polizei niemandem etwas nachweisen kann.



Fredericas Beziehung zu Crispin wird trotz der bedrohlichen Störung immer inniger. Zwar spürt sie, dass er ihr nicht alles anvertraut hat, was in seinem bisherigen Leben Bedeutsames geschehen ist, aber sie hofft, dass sich das mit der Zeit geben wird. Ausgerechnet kurz nachdem er ihr einen Heiratsantrag gemacht hat, erfährt sie jedoch eine furchtbare Wahrheit: Er war schon einmal verheiratet und seine erste Frau ist – entgegen bisheriger Vermutungen – nicht tot, eine erneute Ehe somit unmöglich. Sie ist völlig am Boden zerstört, hat sie doch ihre ganzen Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft mit dem Geliebten gesetzt. Zu allem Überfluss wird er noch von seiner Ehefrau erpresst. Er ist trotz allem fest entschlossen, die Wahrheit geheim zu halten und Frederica dennoch zu heirate; sie hingegen wird von Skrupeln geplagt und verlässt England fluchtartig.



Natürlich wird am Ende nicht nur der Mord geklärt, sondern auch das Geheimnis der sieben Elstern gelüftet, so dass alles seinen Lauf nehmen kann und dem Happy-End nichts mehr im Wege steht. Alle drei Freundinnen bekommen den für sie passenden Ehemann (alles wahre Prachtexemplare) und die Irrungen und Wirrungen der Geschichte lösen sich in allgemeines Wohlgefallen auf - so wie sich das für einen solchen Roman gehört.



Leider bietet die Handlung trotz ihrer abstrusen Verwicklungen und den diversen Vorgeschichten der verschiedenen bedeutsamen Personen wenig Neues: Die plötzlich wieder aus der Versenkung auftauchende Ehefrau kommt der erstaunten Leserin aus dem Klassiker „Sturmhöhe“ genauso bekannt vor wie die ebenfalls vorhandenen Versatzstücke verarmtes, mäßig hübsches aber dafür ausgesprochen intelligentes Mädchen und einsamer, unnahbarer, vom Schicksal einer gescheiterten Ehe gezeichneter und um einiges älterer Gentleman.



Der Roman reicht zwar bei weitem nicht an das oben erwähnte Vorbild heran, bietet aber durchaus Spannung und – abgesehen vom Ende – eine nicht vorhersehbare Entwicklung der Handlung. Wenn man als Leserin eine gewisse Neigung zu einfachen romantischen Geschichten mitbringen (und keine allzu hohen Anforderung an Logik und Wahrscheinlichkeiten stellt), dann wird man dem Buch durchaus einiges abgewinnen können. Es werden alle gängigen Klischees bedient und auch ohne Sonnenuntergangsszene (die sich bei einer Verfilmung bestimmt noch einbauen ließe) wird völlig jugendfrei Fredericas tragische Liebe geschildert. Der Kampf zwischen moralischer Verpflichtung und dem Ruf des Herzens ist eben einfach netter zu lesen als die alltäglichen Kämpfe darum, wer den Abwasch erledigt.


Kein Glanzlicht der Literatur, aber eine unterhaltsame Lektüre für verregnete Sommertage.