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Erschienen
Waldfestival mixt die Extreme: Irish Folk und Heavy Metal in trauter Zweisamkeit
09/2002
Für ungewöhnliche Mischungen ist das "Waldfestival" in Hockenheim ja bekannt. Auch beim 26. Event, der Ende August am Freitag und Samstag im "Alten Fahrerlager" fast 2500 Besucher anlockte, präsentierten die Macher wieder eine reizvolle Mischung. Neun Bands, alte Hasen der Musikbranche und Neueinsteiger Schlagzeug an Schlagzeug, Irish Folk und Heavy Metal in trauter Zweisamkeit – da war wieder mal für jeden was dabei.

Der Opener wurde mit "Rock aus Meerbusch" von der Formation "Massendefekt" bestritten, junger, aggressiver Deutsch-Rock, in den die fünf Jungs um Leader Christian "Ole" Olejnik nur versehentlich einmal eine melancholischere Nummer einstreuten, um dann gleich wieder mit gewaltigem Druck in den Wald hinauszublasen. Natürlich kämpften sie mit der anfangs etwas geringen Zuhörerzahl – aber beim furiosen Schluss wippten doch eine ganz beachtliche Zahl durchaus zufriedener Musikfans vor der Bühne.

Enttäuscht wurden sie dann allerdings von "Musty Smell": Die Truppe aus Oberhausen-Rheinhausen brachte Hits der letzten dreißig Jahre, man kann Musik allerdings kaum noch emotionsloser machen, selbst wenn man wollte: Folgerichtig ließen sich die Zuhörer auch keine Sekunde lang dazu bewegen, sich zu bewegen.

Umso mehr heizte dafür bis tief in die Nacht "Lady GoDiva" ein. Der Irish-Folk-Punk, inzwischen auf drei eigenen CDs verewigt, den die Band aus dem Sauerland präsentiert, riss die Zuhörer mit, ein einziges Meer guter Laune wogte vor der Bühne, freudiges Mitgröhlen allerorten - Akkordeon, Banjo, Mandoline, Gitarren, Bass und Drums setzte die 1994 gegründete Truppe um die Frontmänner Andreas Beckmann und Thomas Rünker auf eine ganz eigene, deutlich angehärtete Weise ein, die eingefleischten Folk-Fans zunächst den Angstschweiß, nach dem Auftritt aber das deutlich sichtbare Nass eines begeisterten Freudentaumels auf die Stirn trieb.

Der Samstag gehörte zunächst dem Konzept "Offene Bühne": Nachwuchsbands können sich hier vorstellen. Sie bekommen zwar keine Gage, aber dafür eine fach- und sachkundige Zuhörerschaft gestellt, die sich allerdings beim Auftritt der Coverband "Blind Date" noch etwas im Wald zerstreut hatte, um die Nachwehen des Vorabends zu verdauen und mit Aspirin zu erschlagen. Das tat dem Ganzen aber keinen Abbruch: Ein Rundumblick in den Wald bewies, was auch die wenigen Wackeren vor der Bühne schon versprachen – „Blind Date“ kam an und sie werden voraussichtlich beim Hockenheimer Mai im kommenden Jahr erneut beim Waldfestival zu hören sein.

Ebenfalls große Ankommer: "The glue". Die "Kleber" aus Bielefeld waren quasi "Überraschungsgäste", mit einem angenehm straighten Crossover konnten sie aber die langsam wachsende Zuhörerschar vor der Bühne überzeugen. Drei Mannen und der Sänger Niko Penteridis, die rocken wollen, ohne die typischen Klischees zu bedienen: Keine Nieten, keine grimmigen Mienen, dafür groovy Livesound – das Konzept ging auch in Hockenheim auf.

Ruhig ließen es "The Flow" angehen. Vielleicht einen Deut zu ruhig – vor allem im deutlich härteren Umfeld des Waldfestivals verwässerte ihre durchgehend eigene Musik, eine Art Synthese aus Funk, Rock und Pop zu reiner, wenngleich etwas rockbetonter Kaufhaushintergrundmusik.

Zwei Bands hatten sich ganz jeweils einem großen Vorbild hingegeben. "Cheap Purple", eine Fünferbande um Sänger Bastian Vier und den Heidelberger Bernd Küspert hat sich an die große Legende des Hardrock gewagt und mit einem äußerst authentischen Sound dafür gesorgt, dass die großen Zeiten, in denen "Deep Purple" neben Led Zeppelin und Black Sabbath den Grundstein für Hardrock legte, wiederauferstanden. Also keineswegs "Deep Purple für Arme", sondern ein frenetischer Tribut an die großen Rock-Opas, die gerade durch England tourten – und folglich auch eine absolut ausgelassene Stimmung.

Den Abschluss des Waldfestivals machten "Big Balls". Die "Dicken Eier" aus Stuttgart haben sich auf die ganz Großen des Heavy Metal geradezu versteift - mit AC/DC-Hymnen ließen es die fünf Jungs bis tief in die Nacht hinein mächtig krachen: "Let there be rock".

Zwischen den beiden Tribute-Bands zum zumindest finanziellen Höhepunkt des Waldfestivals noch einmal Irish Folk. Die wohl bekannteste der neun Bands, "Fiddler’s Green", präsentiert die Volksmusik aus dem Land der grünen Hügel ebenfalls in einer ziemlichen Heavy-Version, bisweilen mischt sich ein deutlicher dirty sound dazwischen, nicht umsonst nennen sie selbst ihre Musik "Irish Independent Speedfolk". Fiddle, Tin Whistle, Akkordeon, Bouzouki und Bodhran findet man auch bei den "Klassikern" des deutschen Irish Folk, aber nirgends ist der Sound so hart, nirgends so kompromisslos und so kraftstrotzend. Das übertrug sich durchaus auch auf die Fans, die ausgelassen den Auftritt mitfeierten.


Was bleibt also nach rund zwanzig Stunden Festival, Bier, Wein, Weib und Gesang? Dutzendweise schwere Köpfe, ein sich gefährlich dem Ende zuneigender Aspirin-Vorrat, und die Vorfreude auf das Waldfestival im kommenden Jahr.


Die Bands im Internet:
Massendefekt: http://www.massendefekt.com
Musty Smell: http://www.musty-smell.de
Lady GoDiva: http://www.ladygodiva.de
The Glue: http://www.gluestyle.de
Cheap Purple: http://www.cheap-purple.com
Fiddler’s Green: http://www.fiddlers-green.de
Big Balls: http://www.big-balls.net