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Erschienen
Waldfestival-Kult lebt: 20 Stunden Musik für LAU
09/2002
Die Legende lebt! Zum 26. Mal hat im "Alten Fahrerlager" der Rennstadt der Tross der letzten Reste nichtkommerzialisierter Kultur Hof gehalten – und wieder waren an die 2500 Musikfans gekommen, als Ende August der "Initiativkreis Waldfestival e.V." sein alljährliches Event abgezogen hat. Da gabs nicht nur was auf die Ohren (eigener Bericht), sondern auch die bereits zur hohen Schule der Kultur avancierte ganz spezielle Waldfestival-Stimmung: Vier schlägereifreudige Banden, eine ganze Horde betrunkener Nimmersatte und ein Rudel musikbesessener Ohrwürmer lag sich beim "Wunder von Hockenheim" einmal mehr am Ende doch wieder fröhlich mitsingend in den Armen.

Der Geist des Waldfestivals, der seine Wurzeln noch immer in den 1970ern findet, ist geblieben, wie er immer war. Wo bekommt man heute noch neun Bands kostenlos auf einer Bühne serviert: Fast 20 Stunden Musik für LAU. Der Gral des "Musikfestivals für alle" wird zumindest in unserer Region nirgends so wacker verteidigt –allein der Geruch des schnöden Mammons treibt den Machern um die IK-Vorsitzenden Hannelore Schirra und Giesela Geiss ein schweres Runzeln auf die Stirn – sie wollen nicht nur Nachwuchsbands eine Chance geben, sondern eben auch die Nachwuchshörer bei der Stange halten, auch wenn die sich keine teuren Eintrittskarten leisten können.

So bietet man weiterhin Newcomer-Bands die Chance, sich zu präsentieren und gleichzeitig holt man sich generationenübergreifend die Musikfans zusammen, die bereit sind, sich auf neues einzulassen – ohne dabei Altgewohntes aufgeben zu müssen.

Der zweite wichtige Quell, aus dem das Waldfestival sich nach wie vor speist, ist die ganz besondere Unterart von Liebe, mit der die Organisatoren das Event organisieren und durchführen: Wohlwollend-nachsichtiges Chaos. Wenn beim IK einmal etwas schief geht – und es geht jedes Mal viel schief -, dann wird kurz rumgebrüllt, eine Bierflasche zerschellt in der Ecke, aber die nächste wird dann doch schon wieder gemeinsam gestemmt, um zusammen eine bisweilen auch unkonventionelle Lösung zu finden. Seit dreißig Jahren hat man sich immer wieder mit Professorien über Wasser gehalten, die einerseits verhindert haben, dass der Hochmut um sich greifen konnte, und die andererseits das liebenswerte Flair des Waldfestivals am Leben hielten.

Eine solche Aktion lebt aus kantigen, raubeinigen Charakteren, inzwischen ist die dritte Generation am Ruder, die allerdings händeringend nach der vierten sucht. Bei den Helfern waren in diesem Jahr viele neue Gesichter zu sehen, wenngleich es natürlich auch Konstanten gibt: "Wolfi" Fitterling, genannt "de Kroone" ist immer noch die tragende Säule, schuftet 72 Stunden non-stop und verbrät den größten Teil seines Jahresurlaubs vor und nach dem Waldfestival. Drüben am Grill werden immer noch von zwei Chefbrätern in 48-Stunden-Schichten die heißen Platten beschickt und hungrige Mäuler gestopft: Der Event lebt auch von der Selbstaufopferung seiner Macher.

Am Ende wird in diesem Jahr wieder einmal nichts hängen bleiben, schätzt Chris, der die bisweilen auch leere Kasse unter seiner Fuchtel hat. Trotzdem riskiert Thomas immer gerne eine dicke Lippe: Muss halt die eine oder andere Band mit einem feuchten Händedruck und einem Kasten Bier zufrieden sein.


Kein Zweifel: In der Rennstadt sind die Uhren des Musikbiz stehen geblieben. Zumindest was das Waldfestival angeht. Begeisterte Fans sind den Machern genug, und eine bomben Stimmung. Beides stellte sich auch in diesem Jahr pünktlich ein – Gotteslohn kann eben doch reich machen.



Der IK Waldfestival hat eine eigene Homepage, auf der vor allem das ausführliche Tagebuch einen Eindruck vom Feeling geben kann: http://www.waldfestival.de.