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Erschienen
"Blues nach Vorschrift" mit "Ex-Günda" Arnim Töpel
10/2002
"Alles beginnt, alles hört auf – jede Leiter endet irgendwann..." Der Ausnahme-Kabarettist Arnim Töpel, inzwischen eine Art "Ehrengast" auf den Brettern des Hockenheimer Kulturzentrums "Pumpwerk", hat es noch einmal und schon wieder allen gezeigt: Nachdem wir schon Anfang diesen Jahres bei seinem letzten Gastspiel von der "Optimierung des Optimums" gesprochen haben, müssen wir wieder in die gleiche Richtung konstatieren – mit seinem neuen Programm "Blues nach Vorschrift", das er vergangenen Mittwoch zusammen mit dem Weltklasse-Gitarristen Klaus Manfred Häder und Band präsentierte, hat er seiner evolutionären Weiterentwicklung eine neue Phase hinzugefügt.
Aus der Asche des "Hallole, ich bins"-Günda und dem "Sex ist keine Lösung"-Beziehungssinnierer, der erst vor kurzem "Ausgelacht" hatte, ist ein Blue-Notes-Fetischist hervorgegangen, noch ernster, noch tiefgründiger, noch feinfühliger. Auch wenn Arnim Töpel "Sex ist keine Lösung" immer noch gibt, man mag es kaum noch sehen, nach seinem neuen Blues-Projekt, in dem er den Mut aufbringt, eigenständige, deutschsprachige Musik vorzustellen. Groove statt Halli-Galli, des ist die Botschaft des ganz neuen Töpel.

Für die Zeit nach der Pubertät hat er sich einen der besten Blues-Gitarristen unserer Tage an die Seite geholt: Manfred Häder ist nicht nur der Gründervater der legendären "Frankfurt City Blues Band" sondern auch einer der gefeierten Stars bei den Bluesfestivals landauf, landab – er hat sich als Mister "Exbluesiv" nicht nur bei den absoluten Blues-Fans einen Namen gemacht. Sein ganz individueller Gitarrenton ist Markenzeichen, erdig und dennoch bisweilen von fast sphärischer Leichtigkeit, exaltierte Soli und mit rechtem Groove im Rhythmus.

Begleitet wird das neue Duo Töpel/Häder von Udo Kistner (Bass) und Dieter Steinmann (Drums), die den treibenden oder auch verhaltenen Beat beisteuern.

Gemeinsam brillierten die Vier mit zwei Stunden reinem Programm, ruhige Nummern wechselten mit rassigen Stücken ab und wer nicht gerade eingefleischter Blues-Fetischist war, hatte schwere Zeiten vor sich. Wwenn man aber das rhythmische Kopfnicken im vollbesetzten Pumpwerk sah, schwanden solche Sorgen schnell – alles Blues-Liebhaber.

Die Texte Häders fielen bisweilen gegen Töpels immer wieder eingestreute feinsinnige Gedankensplitter ab, bildeten in ihrer etwas einfachen Denkart einen fast schon reizvollen Kontrast zu den geistigen Spitzen des kahlköpfigen Manns am Klavier. Häders Teil der Botschaft: "Mal geht’s mir gut, mal geht’s mir schlecht", in jedem Falle aber "Der Blues kommt einfach gut". Seine Singstimme ist nichts Besonderes, einerseits sind die Ecken und Kanten nicht ausgeprägt genug für einen markanten Sound, andererseits stören sie aber das Ebenmaß einer eher klassischen Stimme. Töpel dagegen sinniert in seiner bekannt warmen und weichen Art, "Jeder mag dich nur, wenn du schwach bist, jeder winkt dir zu nur solange du am Boden liegst". Eine weitere Spitzennummer war der bereits bekannte "Letzte Aufruf für den Flug" und die Welturaufführung der Idee "Mundart meets Blues": "Alles is subba, jeder gut druff, jeder hot’s leischter, denkst du als" – der passionierte Loosertyp, der gesagt bekommen muss: "Buwl, des is doch normal". Töpels Antwort auf die verquasten Menschen um ihn herum (das sind wir): "Es ist ein Wunder, dass die Menschen immer wieder hören wollen, dass mehr in ihnen steckt, als sie zu zeigen bereit sind. Dabei ist weniger mehr – und davon haben die meisten mehr als genug!"

Zu all dem steuerte Häder und Band einen mal turbulenten, mal emotionalen Sound bei, der viel profitierte von der unglaublichen Erfahrung der Musiker. Gemeinsam produzierten die Vier einen ganz eigentümlichen Klang, der so weit weg ist vom Baumwollpflücker-Pathos amerikanischer Blues-Legenden, aber dennoch Vorbilder in ihnen findet – wer hätte gedacht, dass so etwas geht? Töpel gibt zu, er sei selbst etwas skeptisch gewesen. Nach diesem Auftritt aber gibt ihm die Realität doch wieder recht: "Früher habe ich immer gesagt: 'Ich glaube nur, was ich weiß.' Heute sage ich: 'Ich glaube nur, was ich will'".


Frenetischer Applaus ist die Dankbarkeit des Publikums – Arnim Töpel und Manfred Häder haben es geschafft! Sie haben eine ganz neue, ganz eigene Klasse eröffnet, in der sie – so bleibt zu hoffen – auch weiterhin spielen werden.

Der Ex-Günda, der sich eigentlich vorgenommen hatte, erst im Rentenalter mit einer Blues-Band aufzutreten, meinte bewegt, "Ich bin froh, dass ich das früher versucht habe" – und die begeisterten Zuhörer fordern nun mehr.

Weitere Infos unter http://www.toepel-online.de und http://www.manfred-haeder.de.