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Erschienen
Saitenweisen zum Träumen - Gitarrenkonzert mit Christian Straube
10/2002
Rund 70 Zuhörer lauschten zwei Stunden lang gespannt und mit einer gewissen Andacht Gitarrenklängen, als am ersten Freitag im Oktober im Neulußheimer Kulturzentrum "Alter Bahnhof" Christian Straube zu musikalischen Phantasiereisen einlud: Keinen noch so leisen Ton verpassen, keine Harmonie versäumen, keines seiner technischen Meisterstücke überhören, so lautete die Devise.

Straube, lange Zeit als der Lyriker unter den Gitarristen gehandelt, hat mit seinem Programm, das er etwas trist "Gitarrenkonzert" überschrieben hatte, "Musik zum Abheben" präsentiert, die seinen ganzen Stilreichtum in leisen, aber eben auch in markigen Tönen vor Ohren führte.

Seine Spezialität sind Klangbilder, die der Phantasie seiner Zuhörer Flügel verleiht und selbst den eben noch am Fließband stehenden Fabrikarbeiter zu geistigen Höhenflügen verleitet; der Weg zur "Blauen Blume" wird auf seinen musikalischen Reisen geebnet. Dabei will Straube nicht fesseln oder bannen, sondern befreien, verzaubern und entführen.

Das ist dem Meister der sechs Saiten auch diesmal wieder ganz problemlos gelungen: Seine Gäste waren mit allen Sinnen so bei der Sache, dass es nach jedem Stück einer kleinen Pause bedurfte, bevor sie – wieder im Hier und Jetzt – ihrem phantastischen Reiseleiter den gehörigen Applaus zollen konnten.

Die Wege führten häufig nach Frankreich in die Bretagne. Die Liebe zu diesem Landstrich und seiner Bevölkerung hat der bescheidene Mann in Töne gegossen, er hat Emotionen, Geräusche, Bilder vermischt zu aufregenden und anregenden Gemälden aus Musik. Dabei gibt er nicht vor, wohin die Reise gehen soll, sondern lädt ein und überlässt die Entdeckung dann ganz der Neugierde seiner Zuhörer. Saitenweise verführt er so zum Träumen.

Dabei kommt dem diplomierten Konzertgitarristen, der heute als Dozent für Gitarre an der Pfälzischen Musikakademie in Speyer unterrichtet, seine bis zur Perfektion ausgereifte Technik auf der einen, sein Ideenreichtum und seine eigene Emotionalität auf der anderen Seite zugute. Bei aller technischen Perfektion, die die faszinierenden Pickings und kunstvollen Verschnörkelungen erst ermöglichen, sind es keine verkopften Übungsstückchen, die Straube zu Gehör bringt. Es sind phantasievolle Kleinode, geistreiche Minutenstückchen, mal lyrisch, mal expressiv.

So fühlt sich sein Publikum plötzlich weit draußen auf dem "Océan agité", beobachtet, wie die See die Wellen auftürmt zu brausendem Tosen, ist zu Gast beim "Fest noz", wenn in den Scheunen die Bretonen mit Calvados, Cidre, Crepes und vor allem Tanz in ausgelassener Fröhlichkeit miteinander feiern oder erlebt mit "Une année en Bretagne" nicht nur ein Jahr in der französischen Region, sondern gleichzeitig auch die Liebeserklärung an einen Landstrich, den die meisten zwar schon einmal bereist, aber nie wirklich kennengelernt haben. Auf ganz spezielle Weise konnte man dies nun durch die Augen, die Hände und das Instrument Straubes tun: Lebenslustig, manchmal etwas verrückt, immer aber auch mit leisen Tönen und in Gedanken versunken präsentierte er die modernen, aber auch die traditionellen Saiten dieses Landes, macht das uralte "Flüstern der Steine" hörbar und lässt in einer schier unglaublichen technischen Raffinesse das "Reisefieber" ausbrechen.

Einer der schönsten Titel "Silberdistel": Der enorme Einfallsreichtum und eine breite Varianz in den Themen machen die Widmung an eine schöne Frau zum Aufhänger für wunderbare und zauberhafte Musik.


Mit "Draußen", einer warmen und besinnlichen Ode an die Zeit, in der man wieder Einkehr halten kann, beendete der Künstler, dem Gitarren-Legende Sigi Schwab das Qualitätssiegel, sein einzig legitimer Nachfolger zu sein, aufgedrückt hat, seinen Bilderbogen, der das Publikum herausgeführt hat aus dem grauen Alltag in eine Welt der Töne, der Phantasie und der Träume.

Nähere Infos unter http://www.christianstraube.de.