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Erschienen
Einer Gesellschaft voller Narren den untrüglichen Spiegel vorgehalten
10/2002
"Ohren habt ihr und hört nicht. Augen habt ihr und seht nicht. Wenn die Steine zu reden anfangen, wird euch Hören und Sehen vergehen!" Fast wie eine Drohung klingt die Botschaft aus "Die Spielverderber oder: Das Erbe der Narren", mit dem sich der bekannte Erfolgsautor Michael Ende an seine Zuschauer, an die ganze Gesellschaft gewandt hat (Uraufführung 1967 in Frankfurt/M.). Ende, der durch seine Romane "Momo" und "Die unendliche Geschichte" Weltruhm errungen hat, konnte mit seinem übrigen Werk keinen breiten Rezipientenkreis erreichen; dennoch hat er auf vielfältige Art und Weise versucht, seine aufrüttelnden Mahnungen unters Volk zu bringen – Kinderbücher (unter anderem "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer"), Gedichte, Gespräche mit Größen aus Politik und Kultur, eine Oper. Ein beispielhafter Vertreter aus seiner ganzen Reihe von Theaterstücken ist "Die Spielverderber", ein zorniges Narrenspiel mit gleichnishaftem Charakter, phantastisch, symbolträchtig mystisch und stellenweise sogar bizarr.

Zehn unterschiedliche Charaktere werden zur Testamentseröffnung geladen. Keiner von ihnen kennt den Erblasser, trotzdem sind sie alle "aus triftigen Gründen" erwählt worden. Jeder von ihnen erhält einen kleinen Fetzen des Testaments, der allein keinen Sinn ergibt – nur wenn alle sich zusammentun und die Anteile aneinanderlegen, kann das Testament eröffnet werden. "Es ist ein Spiel", offenbart der greise Diener des Hauses – und er kündet von großem Lohn, "wenn ihr es gut spielt" und von großer Strafe, wenn schlecht gespielt wird. Die Aufgabe aber stellt die Erben vor eine unlösbare Aufgabe: Zu unterschiedlich sind sie in ihrer Art, als General und Baronin, Versicherungsmakler und Gelegenheitsverbrecher, notorische Lügnerin und moralinsaure Oberlehrerin zusammentreffen. Das Schicksal nimmt seinen Lauf, denn aus dem verwunschenen Schloss wird ein "übernatürlicher Knast": Das "sensible Etablissement" ist ein einziger, untrüglicher Spiegel, der das wahre Wesen der Menschen offenbart. Lug und Betrug sind die Waffen, mit denen die Archetypen versuchen, sich einen möglichst großen Teil des erhofften Millionenerbes unter den Nagel zu reißen. Aber in diesem Höllen-Bunker, der von Bild zu Bild zusammen mit seinen Insassen mehr und mehr herunterkommt, werden "alle Dinge entwertet, mit denen gegen ihn gesündigt wurde". So entscheidet man sich bei der Auswahl, die nur das Heil im gemeinsamen Tun oder den Untergang im Gegeneinander offeriert, blind und taub wie man ist, für den Abgrund: Die Höllenpforte tut sich auf und hinterlässt ein ratloses und entsetztes Publikum.

Endes Mahnung blieb am zweiten Sonntag im Oktober nicht ungehört, als sie vom Mannheimer "ImPuls" im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" neu interpretiert wurde. Zwar waren die Zuschauerreihen beim ersten Auftritt der Amateurtheatergruppe in der Rennstadt noch etwas licht gesät, aber Eindruck haben die Schauspieler um die Regisseure Albrecht Gottschall und Boris Grasser dennoch hinterlassen.

Nun mag das Stück aus sich heraus schon wirken – die zahllosen symbolischen Andeutungen, biblischen und mystischen Entlehnungen (zur symbolhaften Deutung weiter unten mehr) sprechen eine ganz eigene Sprache. Aber ein Schauspiel lebt eben auch und gerade vom "Spiel". Und da ist das "ImPuls"-Theater, wenngleich daneben auch einige recht schwache Mimen einen gemischten Eindruck hinterlassen haben, mit einigen wirklichen Talenten gesegnet.

Da wäre an erster Stelle Bernd Buczeck zu nennen, der den alternen Diener Anton Buldt mit einer bemerkenswerten Inbrunst und Ausstrahlung gab. Das verzweifelte Ankämpfen des immer schwächer werdenden einzigen wahrhaft "guten Geistes" im Haus, sein in verschleierten Andeutungen mystifiziertes verborgenes Geheimnis, seine Integrität und sein letztendliches Scheitern setzte Buczeck gekonnt und mit Klasse um.

Die Nonchalance der Baronin Alexandra von Xanadu war Tatjana Blumenstein wie auf den Leib geschrieben. Sie machte aus der nur auf den ersten Blick flatterhaften Zirkusdomteuse die unterschwellig Wissende, die im ganzen Ränkespiel noch den letzten Rest von Unschuld bewahrte, die erkannte, "dass es an uns liegt", ob sich die Sache zum Guten wendet – und gefangen zuerst in ein entlegenes Zimmer, dann in die Gewalt der Umstände, doch nicht eingreifen kann.

Eine Art "Heimspiel" hatte Susanne Kraus. Die Hockenheimerin verkörperte die lasterhafte Lügnerin Ninive Geryon, die sich in ein auswegsloses Liebesspiel begibt. Herrlich ihre gehörigen Wutausbrüche, die exzessive Art, in der sie die Rolle der im Weltschmerz verzweifelten Anti-Heldin gab: Mit Unaufrichtigkeit kämpfte sie gegen eine verlogene Welt, nur, um letztlich mit ihr zusammen unterzugehen.

"Die Spielverderber" ist die 14. Inszenierung des 1988 gegründeten Theaterensembles; ein interpretatorischer Witz und der Charme eines unverbrauchten Schauspielerstammes konnte die Zuschauer gewinnen.

Mit dem neuesten Stück ist "ImPuls" etwas gelungen, das zur Königsklasse des Theaters gehört: Nicht nur zu unterhalten, sondern auch zu belehren. Ohne moralischen Zeigefinger und ohne Zwang. Die Welt ist ein Chaos und wir sind auf dem besten Wege, gemeinsam unterzugehen. Der einzige Ausweg ist, "wenn einer dem anderen hilft, ohne Angst und Misstrauen. Das ist alles. Das ist viel." Endes mahnendes Werk richtet sich an den Menschen unserer Tage mit einer unglaublichen Aktuallität. „Vielleicht muss man ein Narr sein, um das da zu verstehen“. Vielleicht sollte man ein wenig mehr Narr sein, um zu überleben.





Ein Wust von Symbolen

Das Spiel mit Symbolen, mit mythischen Andeutungen, ist dem Erfolgsautor Michael Ende in seinem – von der Kritik bedauerlicherweise wenig beachteten - Theaterstück "Die Spielverderber oder: Das Erbe der Narren", in vortrefflicher Weise gelungen. Sprechende Namen, leicht abgewandelte Zitate aus Bibel und Mythologie, überhaupt das Hauptthema des "schweren Erbes" – ein Verständnis seines Werkes kann sich nur dem sehenden Auge des wissenden Betrachters enthüllen.

So ist die Baronin Alexandra von Xanadu der unverblümte Hinweis auf die mongolische Stadt gleichen Namens, von der einige Chinesen noch heute glauben, dass die alten Paläste ("Kristallpalast") Kublai Khans dort manchmal in der Morgensonne auftauchen, da sie einst in so hellem Glanz erstrahlten. In dem Gedicht "Kubla Khan" des englischen Dichters Samuel Taylor Coleridge taucht Xanadu als magischer, visionärer Ort der literarischen Erinnerung und Freiheit auf.

Der General wird im wahrsten Sinne des Wortes zum "Popanz", zu einer Strohpuppe, einem vom Willen anderer abhängigen Menschen: "Ich war es zwar, der den Finger am Abzug hatte, aber die Kugel habt ihr alle gegossen".

Die junge Ninive Geryon verweist auf eine antike Stadt in Mesopotamien, wo die Byzantiner über die Perser siegten, aber eben auch auf biblische Geschichten: Gott vergab den Menschen der Stadt Ninive, die es ziemlich toll trieben, nachdem sie ihre Sünden bereut hatten. Ninive steht als Symbol für die gottferne Welt, in der gesündigt wird, für die Hölle auf Erden. Endes Transkription in unsere Tage: "Ich hasse diese Welt, in der alles versichert ist und käuflich".

Eine Welt voll Versuchungen, der auch der aufgesetzt Starke und Moralische leicht zu erliegen droht. Gedanken an Jesu Versuchung liegen nahe.

Die moralisierende Lehrerin heißt nicht von ungefähr "Dunkelstern", der Zuchthäusler nicht durch Zufall "Nebel". Eine ähnliche Ansammlung sprechender Namen findet sich beispielsweise in Heinrich von Kleists "Der zerbrochene Krug".

Wenn Wände Ohren haben, wenn – einem umgekehrten Wunder gleich – gestohlene Uhren zu Dörrobst werden, wenn ein wichtiger Schlüssel zwischen tausend anderen Schlüsseln unter und verloren geht, dann sind symbolhafte Deutungen angezeigt.

Sie alle sind maskierte Botschaften – und Ende sagt doch selbst: "Durch Masken werden Menschen so kenntlich".