2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Erschienen
"Eigentlich bin ich wie Eva Peron..." - Simone Solga in Hockenheim
11/2002
"Gehen sie nach Hause, hängen sie sich tot über den Gartenzaun - da haben sie ihr Berufsziel erreicht!" Buchhändler - wir kennen sie alle, vor allem die mit diesem arrogant-überheblichen Zug um die Mundwinkel, die sich innerlich über uns schlapp lachen, wenn wir den Namen des Bestseller-Autors wieder mal nicht richtig aussprechen können - haben kein gutes Standing bei Simone Solga. Genau so wenig, wie der ständig vor sich hinklimpernde Nachbar in der Wohnung über ihr. Kein Wunder also, dass die Radiomoderatorin, die gerade ihren Job gewechselt hat (eigentlich wurde sie mehr gewechselt - ausgewechselt), auf gepackten Umzugskisten sitzt, um eine neue Bleibe zu beziehen.

Genau an diesem Punkt setzt das erste Solo-Programm der gebürtigen Leipzigerin, "Ich pack's", ein, das die Schauspielerin am letzten Samstag im Oktober vor einem zwar kleinen, aber dafür sehr engagierten Publikum im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" präsentierte.

Auch im wahren Leben hat es Simone Solga in die Ferne verschlagen: Nach einigen Jahren bei der "Leipziger Pfeffermühle" wechselte sie Mitte der Neunziger zum Münchner Vorzeige-Kabarett, der "Lach- und Schießgesellschaft", wo sie inzwischen zu einer tragenden Säule des Ensembles geworden ist.

Überhaupt ist "Ich pack's" mehr eine autobiografische Innenansicht, als frei erfundenes Kunstprodukt, und das obgleich die Texte aus der Feder bekannter Autoren wie Matthias Beltz, Karl-Heinz Hummel und Herman von Ulzen stammen; all die unterschiedlichen Persönlichkeiten, die – "zwei Herzen wohnen auch in meiner Brust" - in ihr vereint sind, werden vor dem Publikum ausgebreitet, das einfach mitwarten muss. Auf den Möbelwagen, auf den Morgen, auf bessere Zeiten. Und wenn man schon in gemeinsamem Schicksal beisammensitzt, kann man doch auch den ein oder anderen Schwank aus dem Leben erzählen.

Das tut die Solga, mal in fröhlichem Drauflosgeplapper, mal in Liedform oder in kleinen Parodien ihrer auch so lieben Nachbarschaft. Dabei kommt ihr ihre ganz enorme Wandlungsfähigkeit zugute: Eine kleine Nuance in der Gestik ein feiner Schwenk in Stimme und Slang, schon entfesselt sich eine ganz neue Figur vor dem staunenden Blick der Zuschauer.

Aus den Simones, Frau Hinterleitners und verschiedenen Radiomoderatorinnen sticht eine Hauptrolle ganz besonders hervor: Die liebe Oma, auch wenn sie ihre Enkelin nie besucht hat, ist stets im Zwiegespräch mit ihr und der Welt, lässt Weisheiten ab und Plattheiten gleichermaßen. "Wer aus Liebe heiratet, hat gute Nächte, aber schlechte Tage", jagt ihre Erzählung vom eigenen Ehemann ("Sah ich die schöne Aussicht, sah er die schmutzigen Fenster") und ihre Feststellung, "Wie jeder Mensch habe ich Angst davor, verrückt zu werden!" Dabei bleibt die Exil-Russin Oma Solga immer eine Dame – "das ist mehr als eine Frau!"

Aber auch die Enkeltochter selbst bringt – natürlich nur als Rolle – ausreichend Eigentümlichkeiten mit. Die Frau, die glaubt, sie sei eigentlich wie Eva Peron ("ich muss nur noch den nächsten Diktator von Deutschland kennenlernen"), holt ihren Basilikum gerne auf dem Friedhof, hat – weil sie nun gar nichts wegwerfen kann – einen Teppich mit eingewebtem Lenin-Kopf und hatte damals in DDR-Zeiten, da jeder einen Brieffreund in Russland haben musste, gleich drei Ninas am Hals. Beim wilden Wechsel durch die verschiedenen Protagonisten ist Solga immer auf der Suche nach dem eigenen Selbst: "Ich weiß nicht einmal, wie ein persönliches Geschenk für mich selbst aussehen sollte". So lebt sie mit sich selbst zusammen "ohne viel Fragen zu stellen".

Was sie konsequent meidet, sind politische Anmerkungen. Dafür streut sie ab und an ein kleines Liedchen ein, das verkürzt die Wartezeit, die aber dem Publikum ohnedies viel zu kurz vorgekommen sein dürfte.

Tosender Applaus dankte der sächsischen Münchnerin ihre Kreativität und ihre vielen Talente.


Simone Solga hat übrigens ihr neues Programm bereits in petto: "Perle mit Zündschnur" heißt es und verspricht viele Neuigkeiten aus der Gegend zwischen Krautersleben und Ableben.

Weitere Informationen im Internet unter http://www.simonesolga.de.