2017
 
 
 

Rezensionen

Editorial
Gästebuch
Archiv
Links
Kontakt

Suchmaschine

 
Weitere Artikel nach
Autor
Weitere Artikel nach
Titel

 

 

Drucken | Kommentar erstellen

_____________________________

Erschienen
Die Lüge ist wie ein Schneeball ...
11/2002
Der gute alte Martin Luther hat uns in diesem Monat zu geistigen Höchstleistungen angespornt: "Die Lüge ist wie ein Schneeball - je länger man ihn wälzt, desto grösser wird er", so sinnierte seinerzeit der Mann der Heiligen Schrift. Wer so viel Kontakt zu spirituellen Ankerpunkten hat, der kann wohl nur recht haben.

Glücklicherweise müssen wir aber gar nicht so weit gehen, um dieser Weisheit letzten Schluss zu finden: Ein paar Schritte zum Fernseher, zum Radio, zur Zeitung oder zum Internet reicht. Dort schlägt uns unsere tolle neue Regierung tagtäglich neue Horrorideen um die Ohren - 99 % Spekulationssteuer für alle (auch für die, die keine Aktien haben!), mindestens 23 Prozent Krankenversicherungsbeitrag, ab ersten Dezember täglich eingezogen, damit die ansonsten zu erwartenden postinsolventen Suizide nicht das schöne Ertragsergebnis der AOK stören, schließlich könnte das doch glatt den ein oder anderen Neubau eines Glas-Verwaltungs-Palastes verhindern, drei Stufen der Ökosteuer auf einmal nehmen (das ist dann wie beim Privatmenschen - der geht ja zeitgleich auf der sozialen Leiter drei Sprossen nach unten) und zur Abrundung noch ein paar Prozentpünktchen mehr für die Rentenkasse. Respekt! So generös hat sich noch keine Regierung an die Macht beschissen.

Aber seien wir doch mal ehrlich: Harte Tatsachen kann man doch eigentlich nicht spät genug hören. Und wer bisher noch geglaubt hat, Wahlkämpfe seien dazu da, den Wählern (das sind wir, auch wenn wir heute glauben mögen, nur noch die Deppen vom Dienst zu sein) auf das anstehende Elend vorzubereiten, der sollte sich mal eine Nase Tavor gönnen - und dann ganz relaxed! Fragen sie doch einfach mal einen durchschnittlichen Studenten der Politikwissenschaft im dreiundzwanzigsten Semester, der kann das ganz easy erklären: Der Wahlkampf dient allein der großen Show - wie sollten die Parteien sonst die an sie durchgeschobenen Milliönchen Parteienfinanzierung verjuxen. Und immerhin: Wir haben als Steuerzahler die ganze Partie bezahlt und wir sind die großen Nutznießer: Mindestens drei Monate lang (die "heiße Wahlkampfphase") gequirlte Scheiße auf allen Kanälen. Und - anders als im heimischen WC auch noch in allen Farben. Welcome to Fäkalia-City. Wer im Dreck sitzt, darf auch davon reden!

Was in unseren Augen das wahrlich spektakuläre Phänomen der Kombination aus Wahlkampfversprechen und Regierungshandeln ist: Es handelt sich dabei um eine zwangsläufig gleiche Summe nur mit unterschiedlichen Vorzeichen. Heute versprochen, morgen gebrochen, das ist die Lehre, die keiner besser als Gerhard Schröder verkörpern kann. Gestern noch passionierter Ossi-Hasser, heute der Grand-Segnieur der Einheit. Aber Gerd hat ja auch gute Vorbilder auf seiner Seite des politischen Spektrums - "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten ..." und so.

Beruhigend ist, dass die anderen auch nicht besser sind. Spaß-Guido vollführt den schönsten Eier-Tanz (Vorsicht, liebe http://www.schwusos.de - dies ist KEIN Wortspiel!), kotzt Mölli vor die Füße und besuddelt sich selbst dieblau-gelben Pumps. Stoiber ist Kanzler nur im Geiste - da hilft wohl auch nur noch ein hochpotentes Psychopharmakum: "Eins steht jetzt schon fest: Die Union hat die Wahl gewonnen" war wohl mehr als Halluzinazion zu verstehen. Dann kickt die Union Friedrich Merz erst in den Dreck, um ihn dann - leicht beschmutzt und ziemlich stinkig wieder emporzuhieven. Es lebe die BSE-Republik Deutschland! Und dann waren da noch die Grünen. Sie haben die Wahl gewonnen - als leere Hülse eines ehemals bemerkenswerten Politik-Ansatzes. Über die Spreu, die sie zwischenzeitlich nur noch darstellen, stolpern sie jetzt in rothscher Eleganz: Die beiden wahlreichen Vorsitzenden werden geschasst. Die Trennung von Amt und Mandat ist ein schönes Beispiel für die Trennung von Hirn und Verstand.

"Die Lüge ist wie ein Schneeball -je länger man ihn wälzt, desto grösser wird er". Wenn man sich die derzeitige Lage unserer politischen Kaste anschaut, dann könnte man auf den Gedanken kommen, es wäre das beste, man würde die ganze Bande zum Teufel jagen. Aber da wir das ja nicht machen, schließen wir - mit salbungsvoller Stimme gesprochen - mit der folgenden tiefgründigen Botschaft: "Das Leben ist wie ein Haufen im Klo - je mehr man schluckt, desto größer wird er".

Und am Ende Abziehen nicht vergessen.