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Erschienen
Ausgeflippte Schwaben präsentieren orgiastisch-musikalische Highlightparade
11/2002
"Posaune, Tuba, Quetschkommod ond a Waschbrett mit a Schell: Wenn so was hearsch bisch sicher – bei der Zieh und Zupfkapell!" Man könnte sie kaum besser vorstellen, als mit ihrem eigenen Lied, in dem sie die Freuden und Leiden des Musikerdaseins Revue passieren lassen – "Herrn Stumpfes Zieh & Zupfkapelle" heißt eine der wirklich außergewöhnlichen Formationen, die durch unsere Lande tingelt und die am zweiten Samstag im November im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" Station machte. In einer Art schwäbisch-orgiastischer Highlightparade hechtet die Vier-Mann-Formation um Michael "Flex" Flechsler durch ihr am Ende – dem immer fordernder werdenden Publikum gehorchend - doch fast zweieinhalbstündiges Programm. Letztlich kann sich dieser Mischung aus Volkslied und Veitstanz, Blues und Blüsle, Rock und Reggae, Liebeslied und Limericks, Vollblutmusik und Vesperbrot, Bierdunst und Bemberle, Hippie und Pippi auch keiner entziehen: Alles hechelt mit, wer kann, singt auch gerne mal den Refrain mit – sofern er sich schon von den Lachsalven erholt hat, die die abstrusen Zwischentexte der Vier, mit denen sie ein Lied mit dem anderen verbinden, immer wieder hervorrufen.

Die "Stumpfes" sind in Hockenheim ja längst eine bekannte Größe, nachdem sie vor einigen Jahren zum ersten mal quasi im Begleitprogramm von Albin Braigs "Hannes und der Bürgermeister" in die Rennstadt kamen. Schnell war entdeckt, was andere – hier sind die Schwobe den Badensern vielleicht doch einen Tick voraus – längst erkannt haben: Mit denen muss man einen eigenen Abend erleben. Nun war es also wieder einmal so weit und das bis aufs letzte Eckchen ausverkaufte Pumpwerk feierte in einem Freudentaumel zusammen mit dem Quartett aus Aalen ein humoristisch-musikalisches Fest im Stil ausgeflippter Schwaben.

So betreiben sie musikalische Aufarbeitung frühkindlicher Traumen ("Mei Baba war a fauler Hund, hat nie was g'schafft, war netmol beim Bund") Hand in Hand mit der depressiv-anmutigen Transkription verkorkster Seelenlagen in die landwirtschaftliche Abteilung ("Mir schiffts au jedes Johr ins Heu, nie bleibt mei Fuder trocke") – so was bringt nur eine Band fertig, der auch das "Primle" neben dem "Bänkle" vor dem "Hüttle" ein langes und liebevolles Lied wert ist (zumal ja dann doch auch ein "Mädle" drin vorkommt). Kein Musikstil ist den Jungs heilig, kein alter Kultsong wird vor der krönenden Schändung bewahrt: Mit "Mir spielet jetzt a bissle Jazz" führen sie in den Grenzbereich der musikalisch-physisch-psychisch-psychedelischen Leistungsfähigkeit, "In the jungle" tut am Ende nur noch das "Bemberle" weh und aus dem "kitschigen, schmalzigen Liebeslied" "Bel Ami" wird ein Herzschmerzsong über das "Linsengericht" (weil "Essen ist der Sex des Alters"). So arbeiten sie die Themen der Zeit ab: Beim Bau mit dem "Roten Punkt" gibt’s nur Ärger, zum Landesjubiläum präsentieren sie statt etwas über Baden und Württemberg einen Beachboy-Verschnitt über baden in Württemberg und das morgendliche Aufstehn, die Plage des Musikerdaseins ("um sechse klingelt der Wecker – weil um halba siebene die Läde zumachet") quittieren sie ganz lapidar mit einem "I bleib heut oifach liege".

"Mit zunehmender Berühmtheit muss zumindest eine Teil der illustren Biographie offengelegt werden", so die Stumpfes am Rande ihres Happenings. Und jetzt ist klar: Der musikalische Erfolg war ihnen bereits in die Wiege gelegt, stammen sie doch aus alten Musiker-Dynastien, die entweder die "Happy Teddies" oder eben den Posaunenchor in ihrer beeindruckenden Chronik führen. Kein Wunder also, dass Flex, Manne Arnold, Benny Banano und Marcel "Selle" Hafner zum Erfolg verdammt sind. Was aber – neben den halsbrecherischen Wechseln, in denen das Quartett den Eindruck vermittelt, dass jeder jedes Instrument beherrschen würde (inklusive der Plastik-Kindersaxophons) – den wahren Reiz der "Stumpfes" ausmacht, ist ihre Authentizität. Die vier spielen niemanden nach, kopieren keine Originale. Da sind sie doch lieber selbst welche. Mit allen Konsequenzen – Reichtum, schnelle Autos schöne Frauen ... kennen sie nur vom Hörensagen. Dafür haben sie Fans, die ihnen zu Füßen liegen, die in einen Freudentaumel ausbrechen, wenn Benny ihnen tollpatschig vorschluchzt, Manni konfus über die Bühne tapert, Selle den Koordinator gibt und Flex den Coolen raushängen lässt.


Zehn Jahre dauert dieses etwas unmoderne Liebesspiel nun schon an. Es gibt ja angeblich welche, die werden im Alter immer reifer. Es gibt auch welche, die werden im Alter immer blöder – die Stumpfes sind seltene Vertreter der Rasse, die im Alter immer schöner werden.

Nähere Infos – und viele lustige "Schmankerl" - im Internet unter http://www.stumpfes.de.