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Erschienen
Den Donnerstag zum Freitag gemacht
11/2002
Mitte November ist in Hockenheim gelungen, auf was die Wissenschaft schon seit der Einführung des Julianischen Kalenders gewartet hat: Ein bis auf den letzten Platz ausverkauftes Kulturzentrum "Pumpwerk" konnte miterleben, wie der Donnerstag zu einem Freitag gemacht wurde. Besser gesagt: Zu einem Freitag-Tag.

Der Schauspieler Thomas Freitag hat das Wunder geschafft, indem er an diesem Abend mit seinem neuesten Solo-Programm den Tag für sich entschieden hat. "In 98 Minuten zum Millionär" war sein fiktives Seminar überschrieben, mit dem er seinem Publikum ein besseres Verhältnis zum Geld eintrichtern wollte. Zwar sei das Geld für die Deutschen, was für die Italiener der Gesang sei, dennoch seien die weitverbreitetsten Anlageformen hierzulande "das Sparbuch und Bier".

Das läge insbesondere daran, dass der Teutone in der ständigen Angst "vor Krisen, Krieg und SPD-Regierungen" lebe.

Für Geld zu Arbeiten sei heutzutage nur noch etwas für echte Romantiker - als Banker Frank Weber stellte Freitag die Vorzüge anderer Anlageformen vor: Aktien, Versicherungen und natürlich die Ehe. Und das, obwohl viele Verheiratete ihren Ehepartner am Ende doch umbrächten, um "sich den Papierkram bei der Scheidung" zu sparen. Dabei lockerte er mit eindrücklichen Geschichtchen die an sich trockene Materie auf. Die Telekom sei der "einzige Betrieb in der Welt, der das Kapital eines Weltkonzerns mit der Effizienz eines VEB verbindet", Lebensversicherungen gäbe es jetzt auch für Haustiere ("Wenn der Hund stirbt, kommt der Mann von der Hamburg-Mannheimer und legt sich ins Körbchen") und wer clever und mit modernem Vokabular argumentiere, könne jede Situation meistern: Ein Ehemann könne jetzt beim außerehelichen Kontakt zur holden Weiblichkeit glatt behaupten, er habe seine Frau nicht betrogen, sondern allenfalls den Geschlechtsverkehr "outgesourced".

Er selbst dagegen hat in Beziehungsfragen kein besonders geschicktes Händchen. An kommt eben nur, wer etwas Außergewöhnliches vorweisen könne – selbst ist er absoluter Durchschnitt: "Ich bin halt nicht der Typ, über den Fellini einen vierstündigen Kostümfilm gedreht hätte", so der Mann, gegen den Max Schauzer wie ein Anarchist daherkommt. Kein Wunder also, dass das Fräulein Lenz in seiner Bank nicht gerade auf ihn abfährt. Denn bei all den finanztechnischen Hampeleien, die Weber ("großes W, kleiner Eber") seinem Publikum vorträgt, sucht er doch nur jemanden, dem er seine Seele ausschütten kann. Dass er für sie selbst Geld aus der Kasse gestohlen hat, glaubt ihm keiner, und erst als er die erste Million zusammengeklaut hat, geht er zur Beichte. Sie wissen nicht, was das ist? Damals in den 50-ern war es das, was heute S-Bahn-Surfen ist: "Der absolute Adrenalin-Kick". Heute dagegen kann man selbst mit größeren Diebereien beim Pfarrer kaum noch landen. Der ist frustriert, weil in seiner Messe nur noch 15 Leute sitzen – "alle über 90. Denen brauchst Du die Bibel nicht mehr vorlesen, die haben sie noch miterlebt!" Kein Wunder, in einer Zeit, in der nicht mehr der Papst, sondern Ulrich Wickert die höchste moralische Instanz ist.

Ganz exakt 98 Minuten hat Freitags Programm gedauert – ein wilder Streifzug durch alle Themen, die ein frustrierter weil verschmähter Liebhaber drauf hat. Am Ende kommt er doch noch zu seinem Glück: Als er all das gestohlene Geld an einem Baum im Stadtpark aufgehängt hat, gesteht "sein" Fräulein Lenz ihm doch noch ihre Liebe – durchs Radio.

Der besondere Reiz des freitäglichen Solos liegt in seiner Klasse. Während man heute allenthalben gequirlte Comedy serviert bekommt, setzt der Schauspieler, der im Düsseldorfer "Kom(m)ödchen" zu beachtlicher Berühmtheit gelangte, auf klassischen Witz, der wohltuend an die großen Entertainer längst vergangener Tage erinnert. Freitag braucht sich nicht zu prostituieren, er überzeugt mit sauber präsentiertem Witz, mit einem unschlagbaren darstellerischen Talent, das er noch aus seinen Zeiten im Stuttgarter "Renitenz" herübergerettet hat, und mit intelligenten Wortklaubereien. Ob als Baby Feuermann oder als Staatssekretärin im Selbstbedienungs-Krankenhaus, in dem man sich in naher Zukunft selbst operieren muss ("Endlich heißt es nicht mehr 'wer arm ist, muss früher sterben', sondern 'wer jetzt noch stirbt, ist selbst dran schuld!'") – Freitag ist in all seinen selbstgewählten Rollen ein großer Unterhaltungskünstler. Dabei setzt er voll auf die Karte schöngeistigen Humors. Zitate wie "Superminister Clement sagt, es ginge nicht an, dass Menschen komplett auf Staatskosten leben – so wie er" sind nun einmal nichts für Zuhörer, die ihren Verstand an der Garderobe abgegeben haben. Ein Blick ins Publikum konnte diesbezüglich aber beruhigen. Was da versammelt war, war nicht die vereinigte Spaßgesellschaft, sondern eine Schar interessierter und wacher Menschen, die ihren Sinn für Hintergründiges und Vorwitziges noch nicht verloren haben.


Alle anderen können mit ihrem Gehirn ja das machen, was Weber mit seinem Geld tat: "Hängen sies doch einfach an einen Baum!"



Nähere Informationen im Netz unter http://www.thomasfreitag.com.