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Erschienen
Der Starke, der Sanfte und der Moderne
12/2002
"Es ist mutig, solche Leute wie uns einzuladen!" Ungewöhnliche Worte des Dankes gab es amletzten Samstagim "Pumpwerk" für Hockenheims Kulturchef Lothar Blank. Ungewöhnlich vor allem durch den, der sie gesprochen hat: Claus Boesser-Ferrari, einer der Frontmänner in der deutschen Akustikgitarren-Szene. Anlass war die "Internationale Gitarrennacht", die der Komponist und Interpret organisiert hatte und die - neben Boesser-Ferrari selbst - mit Peter Finger und Ahmed El-Salamouny die Creme des Genres aufbot.

Tatsächlich war die Kombination der drei Ausnahme-Musiker ein mutiges Unterfangen. Zu unterschiedlich auf den ersten Blick ihre Ansätze, zu verschieden ihre musikalischen Gefilde. Am Ende machte aber eben diese Kombination aus Unvereinbarkeiten alles in allem den großen Reiz des Abends aus.

Den Anfang machte Peter Finger. Er ist Gründer des Musikverlages "Acoustic Music Records", des Labels, unter dessen Stern nicht nur die drei Vorzeige-Gitaristen des Abends stehen, sondern der auch Größen wie Pierre Bensusan und Paul Millns zu bieten hat. Sein eigenes Spiel ist an Virtuosität kaum zu übertreffen. Eine stets kraftvolle Innenansicht in deutlich impressionistischer Spielart, wobei Finger die halsbrecherische Verzierung und das rasende Tremolo besonders schätzt. Seine Kompositionen und seine Selbst-Interpretationen sind von enormem geistigen Tiefgang, wobei man nicht ableugnen darf, dass er aus seiner meisterhaften technischen Perfektion bisweilen ein effektlastiges Triumphieren macht. Alle seine Werke beziehen ihre enorme Energie, die sich fast zwangsläufig auf das gebannt staunende Publikum überträgt, aus einer großen dynamischen Spannkraft. Kein Wunder also, dass die internationale Fachpresse ihn mehrfach ins Pantheon der weltbesten Gitarristen hob und das Etikett "Meisterhaft" allen seinen inzwischen 13 LPs, die in einer vollkommen unverwechselbaren Klangsprache daherkommen, aufbrannte. In Hockenheim präsentierte er sich fast eine Stunde lang, spielte angeheizte Balladen, Liebeslieder, eine auf zwei Traditionals basierende Neukomposition mit irischem Einschlag und einen seiner ausnehmend ruhigen, emotional aufgeladenen Titel "für einen treuen Fan", der sich als seine Mutter entpuppt.

Eine Art sanften Keil trieb Ahmed El-Salamouny in den Abend. Der Gitarrist deutsch-ägyptischer Herkunft zeigte sich in seiner Anlage deutlich klassischer und den Traditionen gegenüber etwas offener. Allerdings waren es nicht die zentraleuropäischen Tontraditionen, die er im Gepäck hatte: Konzert- und Studienreisen führten den am Salzburger Mozarteum ausgebildeten Musiker immer wieder nach Brasilien und eben diese ganz besonders mit Lebensenergie und Freude aufgeladene Musik brachte er nach Hockenheim. Er bot eine sehr abwechslungsreiche und spannende Synthese aus brasilianischen Motiven und eigenen musikalischen Gedanken, wobei er die Faszination, die seine Musik ausmacht, nicht aus Lautstärke und technischen Kunstgriffen bezieht, sondern aus einer fast subtil beeinflussenden Verdichtung der Motivik. Sein Ton will sich nicht verstecken, er drängt sich aber auch nicht auf, sondern überlässt es dem Publikum, ob es den Klangbildern von einem Regentag in Brasilien oder von traditionellen Tänzen folgen will. El-Salamouny lässt den Ton für sich stehen und tritt als Künstler völlig in den Hintergrund, er setzt auf eine sehr fein dosierte Intonation und auf den Zauber seiner Motive. Einen Namen als Botschafter der brasilianischen Musik hat er sich neben seinem eigenen Konzertengagement vor allem durch das jährliche Internationale Gitarrenseminar in Salvador gemacht (die nächste Reise findet vom 10.-27.04.2003 statt und es sind, wie El-Salamouny unserer Zeitung gegenüber berichtete, noch Plätze frei. Kontakt: ahmed.el-salamouny@t-online.de).

Gänzlich anders dann der Beitrag, den Claus Boesser-Ferrari selbst brachte. Er hat bei diesem Auftritt die Grenzen der Konvention vollständig überwunden. Meditative Elemente, Töne nah der Hörgrenze, eine obertonschwangere, in sinnig variierenden Themen sprechende Musik, die Geschichten erzählt. Deutlich spürbar sind die starken Einflüsse, die seine Auseinandersetzung mit der Film- und Theatermusik hinterlassen hat. Eine kraftvolle, fast brutale Transkription des "The Police"-Titels "Demolition Man", die prosaische tonal erzählte Geschichte einer Amazonasfahrt, die die Goldkuppel des "Teatro Amazonas" entdeckt. Gegen Ende seines Programmes verlässt er dann den Raum der Gitarre als Saiteninstrument, bedient sich des Klangkörpers als percussivem Element.

So wechselten an diesem Abend der starke Peter Finder, der sanfte Ahmed El-Salamouny und der moderne Claus Boesser-Ferrari ab. Beim gemeinsamen Spiel der drei Musikgrößen zeigte sich am Ende aber eben doch, dass Unvereinbares bisweilen unvereinbar bleibt. Mit Jimi Hendrix’ "Little Wing" spielten die beiden Powermänner den zurückhaltenden El-Salamouny glatt an die Wand – der fulminante Höhepunkt musste unter diesen Umständen letztlich doch ausbleiben.


Dennoch bleibt ein einmaliges Musikerlebnis und ein unwiederbringlich phantastischer Ausflug in die Welt der Akustischen Gitarre. Diese Saiten des Abends werden ohne Zweifel noch lange nachklingen.