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Erschienen
Tiefgründige Röhre und moderner, schräger Jazz
12/2002
Die Jazz- und Bluestage im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" sind längst zu einer festen Größe im Terminkalender der Stadt geworden. Erstaunlich aber, mit welchen Namen die Spartenveranstaltung in diesem Jahr aufwarten konnte. Bereits zum "Opener" gab es am ersten Freitag im Dezembermit einem zwar etwas dünn besuchten, dafür aber umso begeisterter gefeierten Konzert zunächst Jazz der Oberklasse.

Die Mannheimer Sängerin Silke Hauck nutzte die schweren Bedingungen zu einem grandiosen Auftritt, bei dem sie alle ihre Qualitäten unter Beweis stellen konnte. Zunächst war nämlich nur eine recht dürftige Besucherzahl ins Pumpwerk gekommen – keine leichte Sache, in die dünn gesäten Reihen etwas Stimmung zu bringen. Doch die Hauck hat schon ganz andere Kunststücke vollbracht. Mit ihrer beachtlichen Röhre riss die in der Region bereits tatsächlich berühmte Chanteuse die Zuhörer mit und füllte auf diese Art und Weise den Raum. Sie begeisterte mit einem abwechslungsreichen Programm – Janice Joplin und Swing querbeet -, mit einer gelungenen Präsentation und vor allem mit einer Stimme, der sich kaum ein Zuhörer entziehen konnte.

An Silke Haucks musikalischen Eskapaden scheiden sich die Geister. Die Dreißigerin versuchte sich in der Vergangenheit nämlich in allen möglichen Stilen und erntete dabei nicht immer nur Beifall. Aber ihr Programm an diesem Abend ist so etwas, wie die Rückkehr in eine wahre Heimat: Jazz und Blues sind die Stile, in der die Sängerin wirklich zuhause ist. In diesen Genres ist ihre Stimme kaum zu schlagen, eine tiefgründige, durch eine leicht angerauchte Nuance noch spannendere Farbe, die in zarten Tönen hauchen, aber auch in explosiven Passagen überzeugen kann. Dazu kommt eine grandiose Bühnenshow, die das Publikum nicht zum bloßen Zuhörer degradiert, sondern jedes Augenpaar, jedes Ohr als feste Größe mit einbezieht. Nur so kann erklärt werden, wie sie trotz der widrigen Umstände zusammen mit ihrem Pianisten Rainer Klundt das Pumpwerk Kopf stehen lassen konnte.

Dank der von Silke Hauck angeheizten Stimmung hatte es der internationale Star des Abends um vieles leichter. Zumal sich doch noch ein Paar mehr Gäste eingefunden hatten, als Dick de Graaf, der großartige Saxophonist aus Holland, im Pumpwerk ein jazzig-modernes Musikspektakel entfesselte. Seine CDs werden von der Weltpresse gefeiert, seine unzähligen Auftritte, die ihn trotz der großen Erfolge nach wie vor auch in kleine Clubs führen, werden vom Publikum bejubelt – dennoch ist Dick de Graaf in Deutschland ein weitgehend unbekannter Name. Das mag auch daran liegen, dass er nichts für den Massengeschmack fertigt, keine abgemilderte Bestseller-Musik, sondern reinen, wahren, unverfälschten und vor allem eigenständigen Sound. Bei den Live-Auftritten stellt sich dann immer wieder heraus: Wer de Graaf und sein "Kwartet" erst einmal gehört hat, der kann sich mit dem schrägen, modernen Jazz durchaus anfreunden.

Das liegt mit daran, dass der Mann aus Holland, der schon mit Musikgiganten wie Chet Baker und John Clayton auf der Bühne stand, eine auf das Publikum zentrierte Bühnenshow ablieferte. Und natürlich einen sehr eigenständigen, zwar abgehobenen, aber noch nicht verrückten Jazz. Seine Programme sind immer auch Ausfluss seiner Worldmusic-Projekte: Mal spielt er Jimi Hendrix neu ein, mal in Westafrika zusammen mit lokalen Künstlern. Sein neuestes Projekt "Sound roots" deckt im Grunde das gesamte 20. Jahrhundert ab: Von Sydney Bechet bis Sting, von Dizzy Gillespie bis zu Dick de Graaf selbst.

Wenn de Graaf mit seinen Jungs an der Seite loslegt, ist das wie ein ausführliches Gespräch: Er spricht – mit seinen klaren Tönen ebenso, wie mit seinen sprudelnden musikalischen Ideen.


Dieser Abend hat einmal mehr klar gemacht: Die Jazz- und Bluestage sind und bleiben eine Nischenveranstaltung. Der Anspruch ist extrem hoch. Die Namen haben zwar den Klang von großer weiter Welt, letztlich ist damit aber kein breites Publikum zu erreichen, weil die Ansprüche, die viele an sich selbst stellen, dagegen deutlich abfallen. Dennoch ist es bewundernswert und auch beachtlich, dass selbst im erfolgsverwöhnten Hockenheim weiterhin auch Musikstile, die keine Publikumsmagneten sind, einen Platz haben.
Zu verdanken sicherlich vor allem der unermüdlichen Arbeit von Kulturchef Lothar Blank, aber auch den Sponsoren. Ohne Eichbaum und die Hockenheimer Volksbank wären alle Versuche, dieses schmucke und wirklich hochrangige Musikerereignis am Leben zu halten, vergeblich.

Weitere Infos zu den Künstlern unter
http://www.silkehauck.de und
http://www.dickdegraaf.com.