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Erschienen
Die Welt wird dich verstehen, wenn du singst
12/2002
Ein Schiff mit weißen Segeln, dicht vollgeschrieben mit Noten und Texten von Sehnsucht, von Liebe, von Gefühl und von Scheitern – der Berliner Liedermacher Klaus Hoffmann machte Mitte Dezember in der Hockenheimer Stadthalle die Leinen los und schiffte das Publikum auf seine ganz private Insel ein.

Die Passagiere waren zwar nicht in der gewohnten Anzahl gekommen – Hoffmann ist sonst volle Säle und ausverkaufte Häuser durchaus gewohnt -, dafür war die angetretene Meute mit Leib und Seele mit von der Partie.

"Wir haben gesagt, wir kommen wieder – und wir sind wieder da!" Klaus Hoffmann, den die Berliner gerne liebevoll den "kleinen Prinzen" nennen und der für die anderen - die Kritiker - der "Teestuben-Liedermacher" ist, war da wie nie. Seine Fans haben in den vergangenen Jahrzehnten seiner Karriere (beachten sie hierzu unser "Zur Person" weiter unten) viele Hoffmanns erlebt – den Jaques-Brel-Verschnitt, den Tänzer, den Träumer, den Denker. Den eigentlichen Klaus Hoffmann gibt es nicht. Der Mensch und seine Lieder sind wechselhaft wie die Gezeiten. Der Klaus Hoffmann unserer Tage ist mit seiner "Insellieder"-Tournee, die ihn seit November und noch bis März nächsten Jahres durch die ganze Republik führt, wie ein Spaziergang am Strand – den Blick hinaus aufs weite Meer, aber mit wachen Augen offen auch für das ein oder andere Stück Strandgut aus alten Tagen.

So segelt er mit seiner Crew durch ein rund zweieinhalbstündiges Programm. Seine Mannen fassen gut mit an: Am Piano und am Synthesizer Hawo Bleich, der für die einfühlsame Atmosphäre zuständig ist, an der Gitarre Michael Brandt mit zärtlich umspielenden Motiven und dem ein oder anderen Solo, Peter Keiser am Bass in ganz besonderem musikalisch-darstellerischem Zwiegespräch mit dem Kapitän selbst und Stephan Genze am Schlagzeug. Diese Inseltour ist eine gemeinsame Sache nicht nur der Vier. Wenn auch der Skipper das Steuer in der Hand hält, so lässt er immer wieder spüren, dass er nicht nur für sich, sondern vor allem für seine Zuhörer da oben auf der Bühne steht. Wie ein Tiger im Käfig treibt es Hoffmann über die Bühne, der bis heute nicht fassen kann, dass er ein Idol geworden ist und eine Integrationsfigur, die seine Gäste lieben.

Wofür? Ein wenig erinnert der Sänger, der nicht nur singt, sondern einer ganz klassische Art des Entertainments die Stange hält, an eine faszinierende Mischung aus Harald Juhnke und einer etwas verknautschte Version von Tim Robbins. Sein langjähriger Freund Reinhard Mey charakterisierte ihn als einen "Magier der Worte". Und Musik-Kritiker nennen ihn schon mal gerne "einen gut rasierten Paolo Conte".

Tatsächlich darf man ihn ungeniert in einem Satz nennen mit den drei anderen großen Liedermachern der Republik: Hannes Wader, Reinhard Mey und Konstantin Wecker. Mit den beiden erstgenannten hat er 1996 eine gemeinsame Produktion auf Bühne und Tonträger gemacht und zusammen bilden die Vier einen eigenen Kosmos, in dem jeder von ihnen einen eigenen Stern hat.

Klaus Hoffmanns Stern ist wohl der am weitesten draußen im unendlichen All. Seine Texte sind nicht wirklich wertend, mehr erzählend, fabulierend. Bei seinen Auftritten ist er völlig ungeschminkt, er verbirgt nichts, räumt seinen Gefühlen, seinen Erinnerungen Platz ein bis in die letzte Reihe; so bietet er seinem Publikum ein Konzerterlebnis der besonderen Art. Ungewöhnlich. Schutzlos. Verletzlich. Eine Achterbahn-Fahrt einmal quer durch die ganze Seele. Seine eigene, aber auch die seiner Zuhörer. Er verarbeitet sein Leben, seine Wünsche und Träume in Liedern: Vergangenheitsbewältigung betreibt er in der musikalischen Art. Und in einer poetischen, feinen Sprache des Dichters und Denkers. Es sind die Gedanken eines Mannes, der sich selbst von unterwegs den Anrufbeantworter bespricht, um sich wiederzufinden, dem die alte Singer-Nähmaschine fehlt und der ganz unverhohlen zugibt: "Jeder Mann ein Muttermann, jeder Held ein großes Kind". Hoffmann versinkt in Oliver-und-Stanley-Melancholie, lässt den alten Leierkastenmann, den "König der Kinder", aufleben und beschwört die Zukunft: "Heut rette ich die Welt, damit sie dir gefällt, ich bring ein Licht hinter die Schranken." Rührend und fesselnd seine Kostproben aus der neusten Produktion, einer Single für die Unicef: Wenn er fragt "doch was wirst du tun, wenn die Schwerter ruhn" gibt er gleich auch "Die Antwort der Blumen" und stellt fest: "Jedes Kind braucht einen Engel".

Was wäre Hoffmann ohne seine Zerrissenheit beim Gedanken an seine Stadt – Berlin findet sich immer wieder in seinen Liedern. "Hab mich so nach dir gesehnt", das mag die Grundstimmung seiner Liebe zur Hauptstadt sein, doch bei der Auseinandersetzung mit der Realität "wird mir langsam klar, dass, was ich träumte, schöner war". Sein Berlin kennt noch den "Kiez", verkauft den Grießgram, versäuft den Größenwahn, wie er in seinen Cabaret-artig angehauchten "Tagen der Ente" feststellt.

Wenn Klaus Hoffmann von der Insel singt, dann ist damit nicht Sylt und nicht der Ballermann gemeint. Es ist ein Synonym für Fernweh, für den Zufluchtsort, für die Rettung des Schiffbrüchigen – Begriffe, mit denen kein Künstler so umzugehen versteht, wie der Mann aus Berlin: "Ein paar Schritte noch, dann kehrst Du heim – da wird eine Insel sein".

Seinen Zuhörern bescherte er mit seinem Auftritt in Hockenheim einen unvergesslichen Abend, der noch lange nachklingen wird. Ein Paar hundert Menschen haben sich jetzt wieder aufgemacht: "Ich suche deine Liebe und ziehe mit dem Wind, um dich zu finden, meine Insel". Sie haben einen guten Steuermann an Bord, einen, der durch all seine Selbstreflexion seinen Mitmenschen mehr als sich selbst den rechten Kurs anzulegen weiß: "Wenn du singst singen alle, die dich sehen und die Welt wird dich verstehen wenn du singst".

Wer das Konzert in Hockenheim verpasst haben sollte, hat im kommenden Jahr noch einmal die Gelegenheit: Am 18.01.2003 gastier Klaus Hoffmann in Karlsruhe im Konzerthaus.

Weitere Infos unter http://www.klaus-hoffmann.com.


Zur Person: Klaus Hoffmann

Der 1951 in Berlin geborene Liedermacher Klaus Hoffmann gehört heute zusammen mit Hannes Wader, Reinhard Mey und Konstantin Wecker unbestritten zu den Großen Vier der Deutschen Songwriter-Szene. Damals in Berlin fing es auch an, 1968, als er gerade seine Lehre in der Stahlbranche absolvierte und Kaufmann bei Klöckner lernte.

In Berlin brannten die Straßen, die Jugend außer Rand und Band gegen der Muff des Establishmanet. Hoffmann setzte – damals noch als Klaus Dierenhoff - seinen Zuhörern etwas anderes entgegen: Gefühl. Keine Politik. Kritik schwang sicher mit, aber nur sehr verhalten, in kleine Geschichten fast nett verpackt. Seine Vorbilder waren vor allem Brel und Ferré, aber auch Rimbaud, die Beatles, Bob Dylan oder dieser junge Sänger, der mit einem Lächeln seine oft harsche Kritik verteilte - Reinhard Mey. 1975 gelang der Durchbruch, Hoffmann wurde, auch wenn er selbst das nicht gewollt haben mag, zum Idol einer jungen Generation. 1978 erhält er den Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Chansons, im Jahr darauf folgt die erste große Deutschland-Tournee und 1980 der Deutsche Schallplattenpreis. Er macht mehrere Metamorphosen durch, popt und rockt in den 80ern mit seiner ganzen Generation, Anfang der 90er swingt er durch seine Lieder, teils mit lateinamerikanischen Klängen. Immer wenn Publikum und Kritik geglaubt haben, Hoffmann habe sich gefunden, fängt der Sänger wieder an, nachzudenken – der Mann war nie ein Autokrat. 1997 erhält Hoffmann die "Goldene Europa" für das "Bühnenereignis des Jahres" mit seinem Musical "Brel - Die letzte Vorstellung".

Bis heute hat der Berliner Sänger 29 Alben veröffentlicht, zuletzt in diesem Jahr die "Insellieder" und eine Single für das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef.

Von Anfang an trat Hoffmann in unzähligen Film- und Fernsehproduktionen sowie vielen Theaterstücken als Schauspieler auf. Schließlich hatte er das Max-Reinhard-Seminar besucht. Den meisten ist er immer noch als der junge Edgar Wibeau in Plenzdorfs "Die neuen Leiden des jungen W." bekannt. 1976 erhält er dafür die "Goldene Kamera", im Jahr darauf den "Bambi".

2000 erscheint sein Roman "Afghana" (Ullstein-Verlag) über sein Alter-Ego Paul Lachmann. Ein wunderbarer Abenteuerroman, eine Geschichte über Freundschaft, Sehnsüchte und zugleich eine auch oft ernüchternde Realität.