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Erschienen
Weihnachtsmann, sieh dir die Bescherung an! Lars Reichow "Unter Plätzchen"
01/2003
Sein Song "www.erfolg.de" könnte – zumindest was den Titel angeht – kaum besser auf seinen Schöpfer passen: Obwohl der studierte Germanist und Musikwissenschaftler erst seit zehn Jahren "on tour" ist, hat der Musik-Kabarettist Lars Reichow bereits alle bedeutenden Auszeichnungen seines Genres abgeräumt, zuletzt 1997 den "Deutschen Kleinkunstpreis". Am Wochenende vor Weihnachten gab der Mainzer Ausnahme-Künstler im Hockenheimer Kulturzentrum "Pumpwerk" sein diesjähriges Weihnachtsprogramm "Unter Plätzchen" zum besten, ein nachkorrigiertes und runderneuertes XMas-Special der Extraklasse.

Dabei ist dem passionierten Weihnachtsmann absolut nichts heilig, auch wenn er selbst behauptet, seine Texte seien passagenweise streng katholisch. Ganz im Gegenteil fegt er mit seinem musikunterlegten, realistisch betonten poetischen Schwall voll sprachlicher Finessen und Wortwitzeleien die ganze überkommene Weihnachts-(Trüb)Seeligkeit mühelos vom Tisch in den Staub, in dem er schon eine stofftierne "Krippensituation für sie aufgestellt" hat. Sie alle kommen in seinem Christkindl-Programm zu Wort, Ochs und Esel und Kurt Beck. Das macht er in der für ihn so typischen und beim Publikum so beliebten Art und Weise: Fröhlich plaudernd, mit großem Pathos dramatisierend, leicht tänzelnd, mit bleischwerer Gewichtigkeit, mal im Stehen, mal an seinem eigens eingerichteten Gaben-Tisch, vor allem aber als Herr über die Tasten.

Sein ausgeprägter pianistischer Genius, mit dem er aus gelungenen Texten kleine Meisterwerke zu zaubern versteht, hat ihm bereits den Ehrentitel "Klaviator" eingebracht. Zu recht, entringt er dem schwarzen Tasteninstrument doch Geschichten aus Musik, feingliedrig und hintersinnig, aber nie ohne den nötigen Funken Respekt.

So inszenierte der Künstler am Flügel diesmal die Weihnachtsgeschichte völlig neu, lässt in einer kurzen Episode "Maria aus Mainz", heilige Mutter in spe, und den bayrischen Sepp in der trauten Kulisse eines ganzen Otto-Katalogs miteinander "fusionieren". Um den internationalen Charakter der messianischen Niederkunft zu unterstreichen, verleiht er auch den Zeitzeugen eine Stimme, dem polnischen Herrn Kasachov, dem französischen "Stellvertretenden Krippenchef" Mechelle, Carlos Rivera aus Spanien, "George Dabbljus" Landsmann Dwight und – natürlich – dem bundesdeutschen Beobachter Herrn Striezmann – herrliche Sprachimitationen mit völligem Stuss.

Klar, dass unter solchen Umständen das Chaos nahe ist: "Ruhe!" muss der Vater des Sohnes gebieten, "sonst lass ich den Stall räumen!"

Reichow fegt gehörig durch die schon leicht eingestaubten Glaubensgrundsätzen christianischer Machart: Von der "Korkenknall-Geburt" bis zur Frage gelobtländischer Leihmutternschaft ("sie war schwanger, Josef nicht!") hat der Hilfs-Nikolaus den Dunst aus der Heiligen Nacht fortgeblasen – "es war ein Stehen und Knien, kaum einer hat gesessen. Daraus wurde ne Religion mit ner ziemlich starren Konzeption!"

Sein zweistündiges Programm machte aber nicht am Stall von Betlehem halt. Jesu spätere "Schwäche für ausgefallene Tafelrunden" nahm Reichow genau so aufs Korn. Schließlich enthüllte er eines der wenigen letzten Geheimnisse unserer Zivilisation: Aus der Antwort auf des Sohns "Kannst Du mal auf meinen Wein achten" – "Jawoll, Wein achten!" wurde das heutige Weihnachten.

Zwischen seine entmystifizierenden Feststellungen streute das Anti-Christkindl Gedanken über die Männlichkeit als solcher ("Der Mann sitzt im Office, meetet wie verrückt, brainstormed sich einen ab" und ist letztlich doch wie ein Hund: "Er redet nicht - und hört auch nicht zu!"), die Jugend ("Was macht ihr den ganzen Tag?" – "Wenns gut geht: Nix!"), seine berüchtigte Ode an den "Löt-Art-Director" ("Der Handwerker, der Installateur, der Wucherer, das Schwein – alle waren sie gekommen, vereint in einer Person") und einige Überlegungen zur Dankbarkeit (man muss sich nämlich zu recht fragen, warum die Engländer Geschenke "gift" nennen).

So zelebriert er ein Programm zwischen Bescherungs-Leid und Plätzchen-Freude, erklärt, warum Erzengel im Mozartkugelhagel enden und 7000 Marzipan-Schweine barbarisch auf engstem Raum zusammengepfercht werden. Letztlich läuft alles darauf hinaus: "Komm doch her, lieber Weihnachtsmann, sieh Dir doch mal die Bescherung an. Dich trifft keine Schuld daran, dass ich die Weihnacht nicht leiden kann!"


Eine wortgewaltige Absage an Weihnachtsgeflechte im Fenster, weltlich erzogene Großfamilien, die sich im Kirchenschiff zusammendrängen, an den Geschenke-Orgasmus und das Festtags-Schmatzen und – Stopfen. Und sein Publikum folgt dem Klaviator frenetisch jubelnd auf den Pfad in eine bessere Zeit, wenn die Christbäume wieder abgeräumt sind und der ganz normale Wahnsinn wieder einsetzt.

Na dann: "Fröhliche Weihnachten, Lausbub!"



Weitere Infos im InterNet unter http://www.larsreichow.de