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Philipp Vandenberg
Erschienen
Der Spiegelmacher
03/2000
Gustav Lübbe Verlag GmbH / Bastei-Lübbe / LübbeAudio, Bergisch Gladbach
524 Seiten / DM 18,90
Wir alle haben gelernt, dass Johann Gutenberg, ursprünglich Gensfleisch, Anfang des 15. Jahrhunderts den Buchdruck in Europa erfand.

Was wäre aber, wenn alles sich ganz anders zugetragen hätte?

Angenommen, es wäre gar nicht Gensfleisch gewesen, der diese Kunst entwickelte... In China war das Drucken von Schriftzeichen schon lange bekannt. Wenn nun durch Zufall etwas davon den Mächtigen in Rom zu Ohren gekommen wäre - ja, hätte sich dann nicht jemand diese schnelle Verbreitungsform zu Nutzen gemacht, um seine Machtposition zu stärken? Der Druck von Ablassbriefen wäre eine wilkommene Möglichkeit, Geld und Macht zu gewinnen.

In seinem Roman lässt Philipp Vandenberg den Spiegelmacher Melzer aus Mainz im fernen Konstantinopel zufällig auf das Geheimnis des Buchdrucks stoßen. Von nun an wird sein Leben ein Strudel sich überstürzender Ereignisse: Michel Melzer wird zum Schwarzkünstler und damit zum Spielball der Mächtigen. Immer wieder versucht er, sich auch einen Vorteil durch diese Kunst zu verschaffen, doch jedes Mal geht sein Leben in Flammen auf.

Rückblickend erzählt der alte und weiser gewordene Melzer seine Lebensgeschichte, kommentiert sein Handeln, schwelgt in Erinnerungen. Er berichtet von seinem ursprünglichen Beruf - dem Spiegelmachen, dem Tod seiner ersten Frau und dem Verstummen seiner einzigen Tochter Editha. Er schildert sein Zerwürfnis mit dem Gesellen Gensfleisch und den sich daraus ergebenden Konsequenzen, seine Reise nach Konstantinopel, wodurch die eigentlichen Geschehnisse ihren Lauf nehmen.

In Konstantinopel trennen sich die Wege von Vater und Tochter, hier trifft Melzer auf die chinesischen Buchdrucker und auf seine große Liebe Simonetta. In dieser brodelnden Stadt wird er, ohne es zu wollen, hineingezogen in einen Komplott gegen den Papst, beginnt sein Marionettendasein.
Melzer ist der Meinung, er könne sich aus den Streitigkeiten heraushalten, unparteiisch bleiben, sein Geld verdienen, ohne darauf zu achten, was er druckt. Doch er irrt sich.

Philipp Vandenberg, bekannter Autor zahlreicher historischer Romane und Sachbücher, bietet nach altbewährtem Konzept spannende Unterhaltung in historische Rahmenhandlung eingebettet. Die Fakten - die Verbreitung des Buchdrucks durch Johann Gutenberg - sind allerdings eher nebensächlich, lassen sie sich doch auf einer halben Seite zusammenfassen und haben mit der Handlung wenig gemeinsam.
Es kommt ihm dabei sehr zugute, dass über Gensfleisch, den Mann, dem die Erfindung der beweglichen Lettern zugeschrieben wird, nicht allzuviel bekannt ist. So kann er seiner Phantasie freien Lauf lassen und den Leser nach Konstantinopel und Venedig entführen, in Intrigen und Ränkespiele der verschiedenen Papstanwärter mit hineinziehen und dazwischen immer wieder durch verschiedene attraktive Frauen betören.

Der Roman ist vollgepackt mir verschiedenen Handlungssträngen, Nebenschauplätzen und für die Handlung relevanten Personen, die einmal auftauchen und erst hundert Seiten weiter ihre eigentliche Bedeutung zeigen. Doch im Mittelpunkt steht immer nur Melzer. Selbst Edithas Geschichte, der noch relativ viel Raum gewidmet wird, wird sehr sachlich und seltsam emotionslos erzählt und findet dann ein jähes Ende.

Melzer hingegen stürzt ununterbrochen von einer großen Verzweiflung in die nächste - sobald es ihm scheinbar wieder besser geht, ist die nächste Katastrophe schon vorprogrammiert. Er stolpert von Verschwörung zu Verschwörung, jeder vermeintliche Freund kann sich schon kurze Zeit später als Gegner herausstellen.

Trotz der spannenden Handlung vermag der Roman allerdings nicht recht zu fesseln, vielleicht weil er zu sehr in die verschiedenen Handlungsstränge und -abschnitte zerfällt. Der große Spannungsbogen fehlt, die Komplotte werden mit der Zeit etwas langweilig. Die Figuren wechseln zu schnell, sind zu leicht zu durchschauen und zu oberflächlich. Die ganze Welt - bis auf wenige Ausnahmen - scheint sich gegen den armen Spiegelmacher verschworen zu haben, der vom Unglück verfolgt immer den falschen Weg einschlägt. Philipp Vandenbergs Erzählstil wirkt fast ein bisschen zu routiniert - kein Wunder bei über fünfzehn veröffentlichten Büchern.


Nette Unterhaltung, doch es gibt weitaus empfehlenswertere historische Romane.