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Erschienen
Musikalisches Panoptikum des 20. Jahrhunderts
02/2003
"Das waren Zeiten", so hörte man es am 23. Januar in der Hockenheimer Stadthalle allenthalben raunen, wenn sich die sichtlich angetanen Besucher der „Jahrhundertrevue“ gegenseitig beim Schwelgen in längst vergangenen Tagen unterstützten. Und wirklich: Das waren Zeiten. Ein Rundgang durch das musikalische Panoptikum der vergangenen zehn Dekaden, manches ein wenig eingestaubt, vieles mit einer liebenswürdigen Patina zwar alt aber damit auch wertvoll geworden, das ein oder andere aber auf eine bisweilen fast erschreckende Weise gegenwärtig wie eh und je.

"Vom Marschieren haben wir den Kanal noch lange nicht voll", mit diesen Worten stiegen die Sänger, Schauspieler und Instrumentalisten um den musikalischen Leiter Jens-Uwe Fiebig in ihre Zeitreise ein, nur um zu genau diesem Ausgangspunkt, der besonderen Liebe der Deutschen zum Marschieren immer wieder zurückzukehren und die unangefochtene Richtigkeit bis hinein in unsere Tage zu betonen.

Zwischen die bisweilen sehr abstrakten, nachdenklichen und bemerkenswert melancholischen Versatzstücke der Texter Fritzdieter Gerhards und Günther Knappe hat Horst Maria Merz die Prachtstücke der Musik gesetzt, die fast zwangsläufig die Gedanken zurückwandern ließen in eine Vergangenheit, in der wohlmöglich nicht vieles besser, aber alles ganz anders war. Die "Berliner Luft" ließ Wilhelm II. auferstehen und sein "mit Volldampf voraus" wurde zur Losung für das – damals - gerade angebrochene Jahrhundert umgewidmet (eigentlich sagte es der letzte Deutsche Kaiser anlässlich der Entlassung von Otto von Bismarck 1890; mit den zahlreichen historischen Schwachstellen der Revue beschäftigt sich unser "Nebenbei bemerkt" weiter unten). Der Balkankonflikt macht den Uniformträger prominent und das Volk stellt begeistert fest "Der Soldat ist der schönste Mann im Staate". In den Zwanzigern wird getanzt, die ersten Tonfilme kommen in die Kinos, aber es schwingt sich auch einer auf, der eine Jugend fordert, die "flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl" ist – mit ihrem "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n" täuschte Zarah Leander 1942 eine ganze Generation, die gleichzeitig fast den Gegenbeweis zum propagierten "Davon geht die Welt nicht unter" erbracht hätte. Das "Tausendjährige Reich" wurde weggewischt, aber "Auferstanden aus Ruinen" waren zwei Staaten, die bis zum Ende des Jahrhunderts das Gesicht, aber auch die Geschicke der jungen Republik lenken sollte – durch das Italien-Fieber der Fünfziger, die Antibabypillen-Pilzkopf-"Yesterday"-Manie der Sechziger, die Flower-Power-Bewegung der Siebziger und die Neue Deutsche Welle der Achtziger.

Gratulieren darf man dem Ensemble für die musikalische Umsetzung des ersten Teils der Revue: Nach wie vor beliebten Schlagern hauchten sie neues Leben ein. Insbesondere die Mezzosopranistin Kerstin Heiles und der Tenor Marcel Kucera lieferten ein beeindruckendes gesangliches Ergebnis ab, unterstützt von liebevollen Kostümen und einer zumindest um Authentizität bemühten Zusammenstellung.

Mit dieser bunten Revue wurde nicht nur einer ganz besonderen Zeit gehuldigt, sondern sie wurde gleichzeitig zu Grabe getragen. Insgesamt war der Grundton der Musikshow insbesondere im letzten Teil eher zukunftspessimistisch in einem "früher war alles besser" mehr gefangen als befreit. Das magzusammen mit den zahlreichen historischen Missgeschicken ein Manko der "Jahrhundertrevue" gewesen sein – ihre besondere Wirkung auf das Publikum hat sie dennoch nicht verfehlt. Und für ein wenig Nostalgie, so haben es zumindest die begeisterten Zuhörer gesehen, darf man die Wahrheit ruhig ein wenig den Erfordernissen anpassen.

Bleibt zu fragen, warum sich nicht mehr Besucher für den musikalischen Rückblick interessiert haben – eine halbvolle Stadthalle sprach diesbezüglich Bände. Das Zielpublikum mag zahlenmäßig klein sein: Kaum ein Zuhörer unter vierzig Jahre, der größte Teil jenseits der Pensionsgrenze. Vielleicht bedarf es einer genügend großen biographischen Beteiligung, um in der Vergangenheit schwelgen zu können. Damit aber wurde man in der Rennstadt diesem Zeitabschnitt, der sich für die Gegenwart und die Zukunft als äußerst wichtig erweisen wird, nicht gerecht: Der Weg, der vor der Bundesrepublik und vor Europa liegt, wurde in erheblichem Maße vom 20. Jahrhundert vorgeprägt. Zumindest das Auditorium der "Jahrhundertrevue" hat Faulkner neu erfahren: "Die Vergangenheit ist niemals tot – sie ist nicht einmal vergangen."



Nebenbei bemerkt
Hippies in Pumps


"Wir laden sie ein zur Zeitreise", so hieß es, als mit der "Jahrhundertrevue" die letzten hundert Jahre musikalisch wiedererstehen sollten. In der rund zweieinhalbstündigen Bühnenshow erwiesen sich die Meilensteine des 20. Jahrhunderts für das engagierte Ensemble allerdings bisweilen als böse Stolperfallen. Über die Umsetzung der 30-er- und 40-er-Jahre mag man noch streiten können. Einerseits hatte man die Schizophrenie des damaligen Zeitgeistes einfallsreich in Szene gesetzt, ein bemüht lebenslustiges Grüppchen zu "Wir machen Musik" aus dem gleichnamigen Ufa-Streifen aus dem Jahr 1942 in einen Luftschutzkeller unter feindliche Bombenangriffe gesetzt und so Volksglaube und Wirklichkeit hart aufeinanderprallen lassen. Andererseits grenzte die mit Pailletten gemischte inflationäre Hakenkreuzattacke angesichts der tragischen Folgen an eine nur mit historischer Naivität erklärbaren Geschmacklosigkeit. Nicht mehr diskutabel sind allerdings die zahllosen geschichtlichen Blindflüge im zweiten Programmblock, wo ab den Siebzigern die musikalische Realität einfach dem Gutdünken der Show geopfert wurde: Zwar mag es stimmen, den "schönen alten deutschen Schlager wird es immer geben", allerdings ist er doch spätestens seit der Beatlesmania zu einem Nischenprodukt geworden. Man kann insbesondere in den Neunzigern – so gerne man die eigenen Melodien hören mag – eben nicht an den amerikanischen Importen vorbei. Und selbst die servierten musikalischen Leckerbissen waren teilweise falsch deklariert oder einfach schlecht umgesetzt: Nena im schwarzen Kostüm, Hippies in Pumps – da geht selbst ABBA die Wasserpfeife aus. Hannes Wader hätte sich angesichts der "Kokain"-Parodie von der Empore gestürzt und Stephan Remmler sich mitsamt seinem "Trio" "Da-da-da"-niedergelegt. Peter Maffays 1980-er-Hit "Über sieben Brücken musst du gehen" verpflanzte man an die Grenze zu den Neunzigern, Udo Lindenbergs "Sonderzug nach Pankow" (1983) machte man zum Einheits-Schlager und der Hit "Sag mir quando" aus den 60-ern fand ein neues Zuhause in der letzten Dekade.

Eine Revue mag nicht der rechte Platz sein für historische Haarspaltereien – sie darf aber auch nicht zu absoluter Beliebigkeit verführen. "Über den Wolken" ist eben doch kein Hit aus den 90-ern (und wenn man den Remix von Dieter Thomas Kuhn meint, muss der sich auch so anhören) – und ebenso wenig wie an "Take that", Phil Collins und Mariah Carey kommt man eben am Ende auch mit der "Schwarzwaldklinik" nicht an "Dallas" vorbei.


Wenn man Reinhard Mey schon bemüht, dann doch mit seiner Einschätzung zum deutschen Schlager der jüngsten Gegenwart: "Solange ich hören kann, habe ich nach Auswegen aus dem Elend des deutschen Schlagers gesucht, dessen ewiggestriges internationalen Musiktrends Hinterherhinken und dessen peinliche Anspruchslosigkeit Schuld daran sind, dass deutsche Unterhaltungsmusik - wenn überhaupt - mit Spott und mitleidigem Lächeln bemerkt wird."