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Jean Vautrin
Erschienen
Das Herz spielt Blues
03/2000
Gustav Lübbe Verlag GmbH, Bergisch Gladbach
511 Seiten / DM 16,90
Die Welt scheint für den Bauern Edius Raquin überschaubar und vertraut.
Er ist völlig überzeugt, es werde sich daran nie irgend etwas ändern.
Er liebt sein Land in den Sumpfgebieten von Louisiana nur ein bisschen mehr als seine Frau Bazelle und seine hübsche Tochter Azeline.
Seine Tage verbringt er mir harter Arbeit und den kleinen Freuden des Alltags.
Er träumt von einem großen, weißen Haus, das er ganz bestimmt einmal bauen wird - auch davon ist er fest überzeugt.

Bazelle weniger.
Auch sie liebt ihren Mann, doch ihre Träume machen nicht bei einem weißen Haus halt.
Genau wie ihre Tochter schwärmt sie heimlich von einem Leben in der Stadt, von vornehmen Kleidern, Verehrern und Luxus.
Und es ist abzusehen, dass Edius es nicht einmal zu einem Haus bringen wird.

Die beiden Frauen sind daher bereit, dem Schicksal etwas nachzuhelfen.

In einer furchtbaren Gewitternacht taucht der gefährliche Bankräuber und gefürchtete Revolverheld Farouche Ferraille Crowley auf - natürlich schwer verletzt - und findet in der Nachbarschaft Unterschlupf. Nicht nur Edius macht innerhalb kürzester Zeit seine Bekanntschaft (und wird der beste Freund und Vertraute des gesuchten Verbrechers), auch Azeline stöbert bald sein Versteck auf. Sie erkennt in diesem Mann sofort ihren Zukünftigen - den Helden, wegen dem sie all die Jahre die zudringlichen Anträge der nicht gerade mit Anmut und Intelligenz gesegneten bäuerlichen Bewerber abgewiesen hat.

Auch der Genesende merkt bald, von welch attraktiven Mädchen er beobachtet wird, und so beginnt ein spannungsgeladenes Spiel von Beobachtung und Gegenbeobachtung, das selbst dem naiven Vater nicht lange verborgen bleibt. Aber - wie könnte es anders sein - er stimmt einer Heirat unter bestimmten Bedingungen zu.

Es bleibt dabei nach wie vor die schwierige Aufgabe, für Crowley eine glaubwürdige Identität zu finden.

Dieses Vorhaben scheitert blutig, denn schon seit langer Zeit ist dem gewitzten blonden Gesetzesbrecher der unerbittliche Palestine Northwood hart auf den Fersen. Er hat sich geschworen, nicht eher zu ruhen, bis er seinen Feind getötet hat. Und so muss Crowley weiter fliehen, seine frischgebackene Ehefrau und zukünftige Mutter seines Sohnes verlassen...

Die ganze Geschichte wird uns von eben jenem Sohn Jimmy erzählt. Da er in der Gosse von New Orleans aufgewachsen ist (Azeline ist schließlich doch noch in der großen Stadt gelandet) dürfen wir uns über seine derbe Sprache nicht wundern; da er selbst die Begebenheiten vor seiner Geburt nur erzählt bekam, können wir an seine Glaubwürdigkeit keine allzu großen Anforderungen stellen.
Doch mit seiner Geburt erhält das Geschehen eine dramatische Wendung, wir verlassen all die gewohnten Figuren, die Überschaubarkeit der Sümpfe und stürzen uns in die Abgründe und nicht weniger gefährlichen Sümpfe des Stadtlebens, durch die uns Jimmy bis zum verdienten Happy End führt.

Spätestens im zweiten Teil (Jimmys Lebensgeschichte) kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass eine gewisse Langatmigkeit den Genuss des Romans erheblich schmälert. Denn nicht nur die "gute Zeit" der Geschichte, auch die gute Zeit des Lesers fließt unablässig dahin, beziehungsweise davon. Außerdem sinkt mit steigender Seitenzahl auch der Witz der phantastischen Geschichte.

Folgte das Geschehen zunächst einer gewissen inneren Ordnung, so lässt die Spannung bei der später einsetzenden chaotischen Ziellosigkeit der verschiedenen Einzelepisoden doch stark nach. Eine gewisse Erleichterung lässt sich kaum verbergen, wenn der Erzähler schließlich heil am unvermittelten und wenig glaubwürdigen Ende der Geschichte angelangt ist.

Man muss diese Art des Erzählens mögen, den Stil und erst recht den Inhalt des Romans, um ihm etwas abzugewinnen. Er hat zweifelsohne äußerst unterhaltsame Seiten, und gerade der Anfang verbreitet die vertraute Sogwirkung eines spannenden Buches.

Trotzdem ist die Bezeichnung "historischer Roman" oder gar "poetischer Roman", wie Le Monde urteilt, nicht gerade zutreffend, eher irreführend. Vautrin tut alles, um gerade nicht historisch zu klingen, auch wenn das Buch um 1893 spielt. Er verhindert durch seine rüde Umgangssprache, die dazu noch mit klischeehaften Sprachbrocken angereichert ist, jedes Gefühl von Poesie. Denn auch das beschriebene Leben ist alles andere als poetisch. Schmutzig, grausam und zwischenzeitlich berauschend reisst es die Menschen in einem wilden Strudel mit. Daher wirkt das geruhsame Happy End mit Familienidylle auch so deplaziert, so ganz und gar nicht passend zu einem derartigen Roman.

Aber: Was passt überhaupt zu diesem Roman?
Vielleicht ist das Ende genau das Klischee, das noch fehlte...